Unterschiede zwischen smarter Selbsthilfe und narzisstischer Echokammer

von Anna Schmitz
Chancen und Risiken von KI als Wegweiser oder: 9 Unterschiede zwischen smarter Selbsthilfe und narzisstischer Echokammer
MyBoyfriendIsAI ist eine Gruppe auf Reddit. Hier tauschen sich zum Zeitpunkt, zu dem dieser Text verfasst wird, 47.038 Menschen über romantische Beziehungen mit einer künstlichen Intelligenz aus. Technik hat die Grenzen der reinen Funktionalität längst überschritten und wird auf einmal zum emotionalen Sparringspartner. Ohne selbst emotional zu sein. Darin liegt ein interessantes Potenzial und zugleich die Gefahr, dass wir im Kontakt mit der KI den Kontakt zu uns selbst verlieren. Hier sind die Unterschiede zwischen smarter Selbsthilfe und narzisstischer Echokammer:
- You first, KI second vs. KI first, you second.
Konstruktiv wird KI dort, wo sie hilft, Gedanken zu ordnen, nachdem man selbst gespürt hat, was los ist. Etwa indem man ein Journaling zusammenfassen lässt oder blinde Flecken spiegeln möchte. Problematisch wird es, wenn KI der erste Ort ist, an dem Unruhe landet. Dann dient sie weniger der Klärung als der Dämpfung. Das Risiko liegt in einer Gewöhnung an schnelle Entlastung ohne innere Verarbeitung. - Korrektiv statt Bestätigung
Als Werkzeug kann KI helfen, alternative Sichtweisen sichtbar zu machen, etwa verschiedene Deutungen eines Konflikts oder mögliche Konsequenzen einer Entscheidung. Wachstum entsteht dort, wo diese Perspektiven geprüft und eingeordnet werden. Problematisch wird die Nutzung einer KI, wenn sie das Gefühl vermittelt, jeder Wunsch, jedes Verhalten und jede Wahrnehmung sei nachvollziehbar und daher gerechtfertigt. Die Gefahr besteht darin, durch die KI die eigene Betroffenheit zu über- und die Konsequenzen für andere Personen zu unterschätzen. - Ambiguitätstoleranz vs. Oberflächliche Lösungen
KI kann genutzt werden, um widersprüchliche Bedürfnisse nebeneinander zu formulieren oder Komplexität abzubilden. Die Chance liegt darin, diese Gegensätzlichkeit zu erkennen und mit ihr einen Umgang, anstelle einer schnellen Lösung, zu finden. Zur Abkürzung wird die Nutzung der KI, wenn man versucht mit ihr die Ambivalenz aufzulösen und durch einen Quick Fix in Aktionismus verfällt. - Selbstkontakt vs. Vermeidungsversuch
Manche Gefühle sind unangenehm zu ertragen. Doch Resilienz und Ausdauerfähigkeit kommt dadurch, dass nicht jedes negative Gefühl zum Anlass genommen wird, die entsprechende Situation zu beenden. Wer KI nutzt, um seine Gefühle besser zu verstehen, findet Mittel und Wege ihnen zu begegnen und trotzdem auf seinem Weg zu bleiben. Wer KI stattdessen instruiert, Gefühle zu demontieren, könnte sich von seinem Weg abbringen lassen. - Entscheidungshilfe vs. Entscheidungsübernahme
Viele Entscheidungen sind komplex und die KI kann helfen, Gedanken zu sortieren, Muster hervorzustellen, die aus der eigenen Beschreibung hervorgehen, oder Vor- oder Nachteile aufzulisten, an die man selbst nicht gedacht hat. Danach sollte man die Entscheidung selbst treffen. Überlässt man der KI zu viel Entscheidungskraft, verschiebt sich die innere Referenz nach außen und das Risiko besteht, nach und nach das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit zu verlieren. - Situationsspezifische Ergänzung vs. Abhängigkeit
Es ergibt Sinn, zu differenzieren, wann man KI einsetzt: man findet nicht die passenden Worte, man möchte sein altes Muster verlassen und braucht einen Impuls von außen, man hat gerade wirklich wenig Zeit oder würde es sich sonst nicht trauen. … und, wann man bewusst darauf verzichtet: wenn die Antwort nicht in der Plausibilität, sondern in weiteren Erfahrungen liegt, wenn ein Konflikt mit dem Gegenüber aufgearbeitet werden sollte, wenn man Trost und menschliche Nähe sucht, wenn man sich selbst noch keine Gedanken gemacht hat, wenn es gerade bequemer ist, als selbst nachzudenken. KI sollte ergänzen, erweitern, aber nicht ersetzen. - Glauben vs. Prüfen
KIs sind Meister darin, Dinge plausibel klingen zu lassen. Und für einen ersten Schritt kann das helfen. Um sich zu sortieren, Argumente zu schärfen oder Standpunkte selbstbewusst herauszuarbeiten. Was dann folgt ist die Übersetzung ins echte Leben. Die KI stellt Hypothesen auf, keine Wahrheiten. Ein Risiko in der Nutzung liegt darin, zu viel Erwartungen in das von der KI entworfene Szenario zu legen und dann von der Realität enttäuscht zu sein. KI hilft dann, wenn wir sie als vagen Entwurf verstehen und unser Umfeld bzw. das echte Leben als die Instanz, an der wir ihn prüfen. - Konfliktfähigkeit vs. Harmoniedecke
KI kann aufgrund ihrer Objektivität bei Konflikten gut als Denkpartner helfen, die Dynamik, eigene Anteile und Verhaltensmuster zu verstehen. Die Nutzung ist konstruktiv, wenn es einem gelingt, mit diesem geschärften Verständnis weniger emotional involviert mit der anderen Person den Konflikt zu klären. Wenn man sich damit zufriedengibt, den Konflikt verstanden zu haben, und ihn deswegen auf sich beruhen lässt, tritt man durch die Nutzung von KI aus der Beziehung heraus. - Beziehungsillusion vs. Echte Beziehung
KI ist immer verfügbar, hat immer „ein offenes Ohr“ und es gibt beinahe keine Hemmungen, etwas von sich preiszugeben. KI kreiert die Illusion, des idealen Gesprächspartners, des ultimativen Vertrauten, der einen niemals kränkt, immer die richtigen Worte findet und jeden Raum gibt, den man braucht. Wer KI konstruktiv nutzt schreibt diese Eigenschaften der Tatsache zu, dass die KI Technik ist. Ein Risiko entsteht dann, wenn die Beziehungsgestaltung mit der KI (zur Erinnerung, sie hat keine Bedürfnisse und keine Gefühle) auf reale Beziehungen überträgt und von ihnen enttäuscht ist, weil man sich hier weniger gesehen und verstanden fühlt.
Den Unterschied machen oft Kleinigkeiten aus. Ob man nach dem Austausch mit der KI in Aktion tritt. Ob man zwischen Mensch und Maschine differenziert. Ob man sich zuerst eigene Gedanken macht oder seinen Gefühlen erstmal Raum gibt, bevor man in den Sparring der künstlichen Intelligenz tritt. Ob man trotz des mit ChatGPT durchgespielten Szenarios offen in die reale Situation geht.
Wer KI nutzt, um etwas nicht fühlen, nicht entscheiden oder nicht sagen zu müssen, findet in ihr eine Vermeidungsstrategie. Wer sie als Tool nutzt, um die eigenen Gefühle, Standpunkte, Muster und Erlebtes besser zu verstehen, hat die Chance, seinen Horizon zu erweitern.
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05.02.2026


