#Persönlichkeitsentwicklung

Wut im Bauch: Wie wir Aggressionen für uns nutzen können

Zwei Reiher kämpfen miteinander über dem offenen Meer

Wut im Bauch: Wie wir Aggressionen für uns nutzen können

Ragnhild Struss

Aggressionen sind im Allgemeinen negativ konnotiert – dabei sollten wir sie erst einmal neutral betrachten, denn psychologisch gesehen sind sie auch eine Antriebskraft und erfüllen als solche wichtige Zwecke. Ihr Wert und Nutzen sind davon abhängig, ob wir sie konstruktiv oder destruktiv einsetzen. Wie Sie besser mit Ihren eigenen aggressiven Impulsen umgehen können, woher Aggressionen kommen und auf welche Weisen wir sie ausdrücken, verrät Organisationspsychologin Ragnhild Struss.

Laut Definition handelt es sich bei Aggression um eine feindselig angreifende Verhaltensweise von Menschen, die auch bei ihnen und nicht nur bei Tieren biologisch fest verankert ist. Aggression erfüllt den wichtigen (Überlebens-)Zweck, Ressourcen zu verteidigen oder zu gewinnen sowie potenziell gefährliche Situationen zu bewältigen. Sie stellt die nötige Energie für „fight or flight“ bereit, also um im Angesicht einer Bedrohung in die Offensive gehen und „kämpfen“ zu können, oder aber um sich defensiv zu retten durch „Flüchten“. So sind Aggressionen als Form eines hohen Erregungsniveaus im Grunde genommen nützlich, müssen sich nicht auf destruktive Weise äußern und sollten nicht per se negativ bewertet werden, um das in ihnen schlummernde Potenzial nicht ungenutzt zu lassen.

Aggressionen liefern wertvolle Informationen

Wann immer sich Wut und Aggressionen in Ihnen regen, ist das zunächst lediglich ein Zeichen dafür, dass irgendetwas nicht nach Ihren Erwartungen und Ansprüchen verläuft: Sei es, dass eines Ihrer Bedürfnisse wiederholt oder nachhaltig nicht gestillt wurde, Sie selbst Ihren Anforderungen zu wenig Raum und Ausdruck geben oder Menschen aus Ihrem Umfeld immer wieder Ihre persönlichen Grenzen überschreiten. Machen Sie sich grundlegend klar: Was Sie aufregt, enthält wichtige Informationen über Sie selbst, Ihre Einstellungen, Hoffnungen und inneren Überzeugungen. Wie unsere unterdrückten Schattenanteile sich zum Beispiel in Form von Ärger über andere Gehör verschaffen, erfahren Sie in dem Artikel „Mein Chef nervt – was sagt das über mich selbst aus?“. Deshalb ist das Level der eigenen Aggression eine Art Gradmesser für ein authentisch gelebtes Leben – je mehr Ihre Lebensgestaltung im Einklang mit Ihren Wünschen und Bedürfnissen vollzogen wird, desto weniger aggressiv werden Sie sich fühlen.

Wie Sie konstruktiv mit aggressiven Impulsen umgehen

Ziehen Sie sich beim innerlichen Aufflammen von Wut und Aggression erst einmal bewusst ein paar Minuten an einen ruhigen Ort zurück, atmen Sie tief durch und nehmen Sie das Gefühl offen an, statt impulsiv zu handeln und es ungefiltert nach außen zu tragen. Sie sollten Ihren Ärger jedoch ebenso wenig unterdrücken, es geht vielmehr darum, ihn bewusst zu empfinden, vor sich selbst zu beschreiben und daraus zu lernen. Das gelingt mit den folgenden drei Steps, am allerbesten, wenn Sie Ihre Gedanken aufschreiben:

  • Beginnen Sie mit den folgenden Fragen an sich selbst: Was entspricht gerade nicht meinen Erwartungen und inwiefern? Welche Enttäuschung erlebe ich? In welcher Weise verhalten sich andere nicht nach „meinen Regeln“, sodass mich das aufregt?
  • Wenn unter Ihrer Wut vielleicht ein Gefühl von Traurigkeit läge, worüber wären Sie dann bedrückt? Mit dieser Frage können Sie der eigentlichen Verletzung auf den Grund gehen und sich im Anschluss darum kümmern, das Problem Ihres Ausbruchs bei der Wurzel zu packen.
  • Haben Sie festgestellt, dass Sie über das Verhalten einer anderen Person frustriert sind, überlegen Sie weiter: Habe ich meine „Regeln“, Bedürfnisse oder Erwartungen deutlich geäußert? Womöglich hegt Ihr Gegenüber gar keine böse Absicht und überschreitet Ihre Grenzen unbemerkt, weil es gar nicht weiß, was Sie sich eigentlich wünschen. Eventuell müssen Sie sich selbst eine Art Erlaubnis erteilen, ein Leben nach Ihren Wünschen überhaupt führen und diese dann auch kommunizieren zu dürfen. Nehmen Sie sich wichtig genug zu formulieren, was Sie brauchen.
  • Ist das nicht der Fall, handelt es sich möglicherweise um einen Machtkampf. Fragen Sie sich: Was will ich gewinnen? Welchen Zweck soll meine Aggression erfüllen? Wie möchte ich am Ende dastehen, wofür möchte ich mir Gehör verschaffen? Was möchte ich kontrollieren? Wovor habe ich Angst, wenn ich nicht aggressiv werde? Möchte ich vielleicht Distanz zum Gegenüber aufbauen? Oder das Einhalten bestimmter moralischer Werte etablieren?

Die eigenen Aggressionen zu betrachten und sich mit ihnen bewusst auseinanderzusetzen, schult uns letztendlich darin, unsere eigentlichen Bedürfnisse zu erspüren und zu lernen, sie rechtzeitig (!) auszudrücken. Das Verstehen unserer Aggressionen ist der eine Aspekt, ein anderer ist die Frage, wie wir dieses hohe Erregungsniveau auf konstruktive Weise wieder abbauen können.

  • Vielleicht haben Sie in Ihrem Leben (aktuell) keine Möglichkeit, Ihrer Kraft Ausdruck zu verleihen, sodass Sie sie in Form von Aggressionen über Ausrasten abbauen müssen. In dem Fall sind Sport und intensive körperliche Betätigung empfehlenswert, die Ihre überschüssige Energie abbauen und Sie auf ein angenehmes Erregungsniveau herunterfahren.
  • Paradoxerweise kann aber auch regelmäßiges Meditieren helfen, insgesamt achtsamer und ausgeglichener zu sein, so dass die emotionalen Ausschläge nicht so stark sind und Sie zukünftig nicht so schnell aus der Haut fahren müssen.
  • Bemerken Sie an sich allgemein ein hohes Aggressionspotenzial, das Ihnen womöglich insofern gut gefällt, als dass es Ihnen Kraft spendet, dann achten Sie darauf, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem Sie das über einen starken Konkurrenzgedanken, über die Übernahme von viel Verantwortung und disziplinarischer Führung, über kraftvolle Arbeit oder intensive Überstunden ausleben können. Die Arbeitskultur sollte unbedingt zu Ihrem Temperament passen!
  • Haben Sie auch nach der oben erläuterten Reflexion oder dem Austausch darüber mit einer vertrauen Person das Gefühl, dass jemand anders in vollem Bewusstsein oder mit negativer Intention über Ihre Grenzen hinweggegangen ist, sollten Sie auf jeden Fall ein offenes Gespräch mit ihm suchen – aber bitte erst, wenn Sie sich wieder beruhigt haben! In Rage verlaufen Aussprachen meist wenig konstruktiv und wir sagen schnell verletzende Dinge, die wir später bereuen. Warten Sie also eine gewisse Zeit lang ab, bis sich Ihre Gefühle wieder etwas beruhigt haben, oder bauen Sie diese bewusst ab durch Sport oder Meditation. Gehen Sie dann in einen lösungsorientierten Austausch, in dem Sie mithilfe von Ich-Botschaften schildern, wie Sie sich durch das Verhalten der anderen Person gefühlt haben.

Fazit

Denken Sie immer daran: Aggressionen sind an sich nichts „Böses“, was es mit aller Macht zu unterdrücken gilt. Im Gegenteil kann es uns langfristig krank machen, wenn wir unsere Wut immer wieder herunterschlucken und uns nicht mit ihr auseinandersetzen. Gleichzeitig sollten wir jedoch darauf achten, ihren Informationsgehalt über unsere eigenen Bedürfnisse durch Reflexion zu ergründen und sie dann in einer Weise abzubauen, mit der wir niemandem Schaden zufügen. So wird die „Wut im Bauch“ zu einem starken Motor auf dem Weg zu mehr Lebenszufriedenheit!

Wer mehr über die psychologischen Hintergründe von Aggressionen erfahren möchte, findet in den nächsten Absätzen weiterführende Informationen.

Woher kommen Aggressionen?

Zur Entstehung von Aggressionen werden in der Psychologie im Wesentlichen drei Theorien diskutiert.

In der Triebtheorie von Sigmund Freud gibt es einen angeborenen Aggressionstrieb, der „Thanatos“ heißt. Als Gegenspieler fungiert der sogenannte Liebestrieb „Eros“: Beide laufen oft gleichzeitig ab und sind essentiell für unser Überleben. Während Thanatos abbauen will, möchte Eros aufbauen: Am Beispiel des Essens äußert sich dies darin, dass wir durch Kauen die Nahrung zerstören, um unseren Körper dadurch aufzubauen. Damit der Zerstörungstrieb nicht überhandnimmt, empfiehlt Freud als Abwehrmechanismus die Sublimierung, wobei Aggressionen in gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensweisen umgelenkt werden, zum Beispiel in Form von Kunst.

Die Frustrations-Aggressions-Theorie von Barker, Dembo und Lewin geht davon aus, dass Aggressionen die Folge von Frustrationen sind. Wir sind frustriert, wenn sich unsere Wünsche und Erwartungen nicht erfüllen, wir zum Beispiel wider Erwarten eine schlechte Benotung bekommen, im Spiel verlieren oder nach einem einstündigen Reparaturversuch der Computer immer noch nicht läuft. Aggressionen können, müssen aber nicht auf solche Frustrationen folgen. Je näher das angestrebte Ziel war und je größer das erwartete Glücksgefühl, desto stärker ist die Frustration und proportional dazu die mögliche Aggression. Kritiker bemerken, dass nicht zwingend auf jede Frustration mit aggressivem Verhalten reagiert wird und dass Aggressionen auch aus anderen Gründen entstehen können.

In der Lerntheorie von Albert Bandura wird Aggression als erlerntes Verhalten betrachtet. Sie geht davon aus, dass wir uns erst durch bestimmte Erfahrungen und durch aggressive Vorbilder entsprechende Reaktionsweisen aneignen. Zentral für diese These war ein berühmtes Lernexperiment, in dem Kinder einem Erwachsenen zusahen, der gewalttätig mit einer Puppe umging. Die Kinder ahmten dieses Verhalten später nach. Interessanterweise geschah dies auch, wenn sie lediglich ein Video des Erwachsenen beim Gewaltausüben ansahen – was in Folge eine Welle der Kritik an brutalen Filmen und Computerspielen auslöste.

Drei typische Arten der Aggression

Wenn Aggressionen nützliche, in uns genetisch angelegte Affekte sind, ist es für eine erfolgreiche und zufriedenstellende Lebensführung entscheidend, sich dieser Impulse bewusst zu werden und nach Möglichkeit sogar zu steuern, in welcher Weise wir diese „Triebe“ zum Ausdruck bringen. Dabei kann man exemplarisch drei typische Arten des Umgangs mit Aggression unterscheiden und mit der nötigen Aufmerksamkeit destruktive Verhaltensweisen durch konstruktive ersetzen.

1. Offene Aggression

In diese Kategorie fallen sämtliche Ausdrucksweisen von Aggression, die wir gemeinhin als bedrohlich und schlecht empfinden, weil damit anderen geschadet wird oder Dinge zerstört werden. Sie kann sich in einer offenen physischen Form äußern: durch Schlagen, körperliches Bedrohen und im schlimmsten Fall Töten, oder aber als autoaggressives Verhalten, indem der Aggressor sich selbst Schaden zufügt. Weiterhin ist häufig eine offene physische Ausdrucksweise von Aggression gegenüber unbelebten Objekten zu beobachten: Bewusste Verunreinigung, nachlässige Behandlung und Zerstörung von Gegenständen zählen dazu ebenso wie Sachbeschädigung in Form von Vandalismus. Und schließlich entfalten auch offene verbale und nonverbale Ausdrucksformen ein großes zerstörerisches Potenzial: gegenüber bestimmten Menschen als Beleidigen, Verspotten, Schreien und über aggressive Gestik und Mimik sowie im Allgemeinen über bewusst vulgäre Sprache und rohe Umgangsformen.

2. Verdeckte Aggression

Es gibt auch indirekte Ausdrucksformen von Aggression, die die aggressiven Impulse vor anderen verbergen sollen. Das kann durch die Beschädigung von Gegenständen erreicht werden, welche einer Person gehören, gegen die sich unsere Aggression richtet. Unkonstruktives Verhalten wie üble Nachrede, Mobbing oder Schikanieren fällt ebenfalls in diese Kategorie, sowie Sticheln, ins Lächerliche Ziehen und böswilliges Kritisieren. All diese verdeckten Arten, mit Frustration umzugehen, werden auch als passiv-aggressives Verhalten bezeichnet und wirken sich sehr problematisch auf zwischenmenschliche Beziehungen aus. Statt klar zu kommunizieren, was sie verärgert, und somit die Möglichkeit einer Lösung des Problems zu eröffnen, stellen sich passiv-aggressive Menschen durch ihre unterschwellig gereizte Art quer und sperren sich mitunter extrem stur den Versuchen ihres Gegenübers, den Konflikt zu klären. Schließlich kann verdeckte Aggression auch bedeuten, dass in (Gewalt-)Phantasien aggressive Impulse ausgelebt werden.

3. Stellvertretende Aggression

Diese Art des Aggressionsausdrucks steht für die Verschiebung der eigenen Aggression – weg von der Situation, dem Menschen oder der Sache, die eigentlich das Gefühl in einem auslöst, hin zu einem „Ersatz“, an dem die Wut ausgelassen wird. Dabei schließt die stellvertretende Aggression Verhaltensweisen aus den ersten beiden Kategorien potenziell mit ein: So kann jemand, der sich eigentlich über seine Frau ärgert, stattdessen ein Tier schlagen, oder der Frust am Arbeitsplatz macht sich zuhause Luft in Form von schlechter Laune und Nörgeleien am Partner.