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Was wir aus Hollywoodfilmen für unsere Karriere lernen können

Kleiner Junge im Superhelden-Kostüm streckt die Hand in die Luft

Was wir aus Hollywoodfilmen für unsere Karriere lernen können

Ragnhild Struss

Wenn wir die Helden aus Spiderman, Avatar, König der Löwen & Co. auf der Kinoleinwand betrachten, können wir uns ihrem Bann kaum entziehen. Sie bewegen uns und bringen in uns zum Klingen, was uns tief vertraut ist. Aber was genau ist das? Und wie kann es uns dabei helfen, unsere eigene Karriere voranzutreiben?

Neben dem äußeren Handlungsrahmen ist es vor allem die innere Reise, die Peter Parker, Simba und all die anderen eindrucksvollen Hauptfiguren vor unseren Augen durchlaufen, die uns fesselt. Ihre persönliche Entwicklung macht sie im Fortgang der Geschichte zu wahren Helden – und damit zu unseren Kinohelden. Wie Joseph Campbell Anfang des 20. Jahrhunderts herausfand, erzählen sich Menschen aller Kulturen seit jeher Geschichten in Form von „Heldenreisen“, deren Muster sich auch Drehbuchautoren zunutze gemacht haben, um ihren Erzählungen die nötige Spannung zu verleihen. Der klassische Handlungsbogen, über den Aufstieg der Schlüsselfigur, die aus ihrer „normalen Welt“ ausbricht und im Zuge ihrer Entwicklung zahlreiche Hindernisse bewältigt, basiert auf einem Erzählmuster, das tief in uns verwurzelt ist.

Eben diese tiefe Verwurzelung zieht uns in den Bann, hoffen wir doch für unser Leben, durch das Meistern der Herausforderungen auf unserer eigenen „Heldenreise“ persönlich zu wachsen (am besten über uns hinaus), uns weiterzuentwickeln und stärker aus Schwierigkeiten herauszukommen, als wir in sie hineingeraten sind. Das Schema ist grundsätzlich dasselbe, mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Wachstumsprozess im Film in durchschnittlich 95 Minuten durchlaufen wird. Hindernisse empfinden wir hier als natürlich und fiebern hoffnungsvoll mit – schließlich wollen wir unterhalten werden. Geht es um uns selbst, sieht das nicht selten grundlegend anders aus. Veränderungen und Wachstumsprozesse gestalten sich – insofern wir sie überhaupt als solche erkennen – mühsam und langwierig. Stoßen wir auf Probleme, empfinden wir häufig Verzweiflung, sehen keinen Ausweg und blasen die ganze Sache lieber ab. Die logische Konsequenz: Wir bleiben auf der Stelle stehen.

Wie können wir unsere berufliche Heldenreise drehbuchtauglich meistern?

Anstatt zu resignieren und unsere Filmhelden um ihre Entwicklung zu beneiden, können wir von ihnen lernen, wie man Veränderungsprozesse erfolgreich bewältigt und an neuen Herausforderungen wächst. Dafür hilft es, die einzelnen Stufen der Heldenreise zu kennen: Sobald wir einordnen können, auf welcher Entwicklungsstufe wir uns derzeit befinden, mit welchen Fallstricken wir zu rechnen haben und wissen, was noch auf uns zukommt, erkennen wir Sinn in unserer Geschichte. Das steigert unser Selbstvertrauen, unsere Zuversicht für alle weiteren Schritte und unser Durchhaltevermögen.

1. Die gewohnte Welt

Jede Heldenreise beginnt in der „gewohnten Welt“ – unserem alltäglichen Leben. Wir kennen diese Welt in- und auswendig. Sie ist Teil unserer Identität, spiegelt unsere Überzeugungen und Glaubensmuster wider und gibt uns Sicherheit. Aber: Die gewohnte Welt ist immer auch ein Ort des Mangels. Wir haben das Gefühl, dass uns irgendetwas fehlt. Auf unsere Karriere bezogen kann das zum Beispiel sein, dass unser Chef uns kleinhält, wir unsere Talente nicht richtig ausleben können oder der Job uns so sehr einspannt, dass nicht genügend Zeit für Familie und Privatleben bleibt.

Egal, worin sich das Gefühl des Mangels bei Ihnen ausdrückt: Die Tatsache, dass Ihnen etwas fehlt, ist auch ein gutes Zeichen. Es ist ein Hinweis darauf, dass es eine Welt gibt, in der Ihr Mangel befriedigt werden kann. Sie wissen: Da ist noch mehr. Und Sie haben das Potenzial, es zu erreichen.

2. Herausforderung: der Ruf

Der erste Schritt in Richtung einer bewussten Veränderung wird eingeleitet, wenn Ihre gewohnte Welt provoziert wird: Irgendetwas passiert, das die Normalität aufrüttelt. Das kann eine Krise sein, aber auch ein „leiser“ Auslöser wie ein Gefühl der Ernüchterung, Ratlosigkeit oder Langeweile. Oder ein schönes Ereignis, wie der Austausch mit inspirierenden Menschen oder eine Reise. Haben Sie zum Beispiel kürzlich mit einem Freund gesprochen, der in seinem Job voll aufgeht und Ihnen erstmals eine Idee davon gegeben hat, wie es sein könnte? Oder wurden Sie so sehr enttäuscht, dass Sie nun über eine Kündigung nachdenken?

In jedem Fall wird der Status-quo an dieser Stelle gesprengt und Ihnen wird klar, dass Sie sich aus Ihrer Komfortzone herausbewegen müssen. Damit sind Sie schon einen großen Schritt weiter – was aber noch längst nicht heißt, dass Sie Ihrem neuen Impuls auch ohne Weiteres folgen. Ärgern Sie sich nicht, wenn Sie seit Ihrem „Ruf“ noch nichts verändert haben, denn ...

3. Verweigerung des Rufes

Es liegt in der Natur der Dinge, dass Sie den Ruf zur Veränderung zunächst verweigern. Sie werden nach Entschuldigungen suchen – denn die Evolution hat uns gelehrt, dass es besser ist, Risiken zu vermeiden. Außerdem ist das Alte extrem mächtig und Bekanntes bietet uns Sicherheit. Es beginnt ein innerer Kampf, weil wir Angst vor Trennung haben.

Machen Sie sich bewusst: So lange Sie den Ruf verweigern, werden Sie ihn immer wieder in neuer Form hören. Sich auf Dauer dagegen zu sträuben, verbraucht viel Energie. Das Wichtigste, das Sie für Ihr persönliches Wachstum und die Umsetzung Ihrer Träume tun können, ist daher, die Herausforderung anzunehmen und bewusst mit ihr umzugehen. Werden Sie zu einem dankbaren Beobachter der Situation, ohne in Opfer- oder Schuldgedanken zu geraten.

4. Initiation: erster Versuch

Sie haben sich nun entschieden, dem Ruf zu folgen und vorsichtig loszulaufen. Dies ist der erste kleine Wendepunkt in Ihrer Heldenreise. Vorher waren es nur Gedanken und Theorien, jetzt kommt die erste Aktion auf dem Weg zu Ihrem neuen Ich. Das kann eine kleine Sache sein: Vielleicht melden Sie sich für eine Fortbildung an, sprechen erstmals mit Ihren Freunden über Ihre Träume oder erkundigen sich bei Ihrem Arbeitgeber über flexible Arbeitszeitmodelle.

Es wird sich gut anfühlen, Ihren Zielen ein Stück näherzukommen. Prägen Sie sich das Gefühl gut ein und bauen Sie sich ein seelisches Schutzschild auf, auf das Sie in schwierigeren Zeiten zurückgreifen können.

5. Widerstand: Prüfungen

Sobald Sie die erste Schwelle überschritten und etwas Neues ausprobiert haben, bekommen Sie mit großer Wahrscheinlichkeit Gegenwind: Es tauchen innere Gegenspieler auf und die neue Sichtweise auf die Realität führt Ihnen vor Augen, was Ihrer Veränderung alles im Weg stehen könnte. Auch aus dem Außen schalten sich oft Hinderer ein: Einige Menschen aus Ihrem „alten Umfeld“ fühlen sich durch Ihre Veränderung bedroht und verfallen in Abwehrmuster von „Du bist nicht mehr die/der Alte!“ Es ist schwer, ein junge, zerbrechliche, noch nicht integrierte Einsicht mit einer alten, etablierten Beziehung zu versöhnen. So ist die Frage „Was denken die anderen?“ einer der größten Widerstände in uns selbst.

Der Wunsch, zu wachsen und die neuen Prüfungen mutig anzunehmen, kann somit dazu führen, dass Ihr Leben chaotische Formen annimmt. Chaos ist aber nur ein Zeichen dafür, dass Veränderung stattfindet. Je mehr Sie sich gegen die Widerstandsphase wehren, desto heftiger wird sie. Der beste Umgang ist daher, sie in Geduld anzunehmen. Ihre Dauer ist abhängig von Ihrer Ehrlichkeit mit sich selbst.

6. Erwachen – Quelle der Weisheit

Gerade, wenn Sie das Gefühl haben, den Widerstand nicht mehr aushalten zu können und bereit sind, aufzugeben, dann ist sie plötzlich da: die Antwort, die Richtung oder Auflösung des Konfliktes. Häufig taucht sie in Form einer Begegnung mit einem Mentor auf, dessen Wissen für Ihre Entwicklung entscheidend ist. Es ist der Aha-Moment, in dem Sie wissen: „Das will ich machen!“, „Ich werde meine Arbeitszeit um die Hälfte reduzieren“ oder „Ich kündige und wage den Schritt in die Selbstständigkeit.“

Diese Phase ist voller Freude. Es ist die Phase der Erkenntnis, dass die Welt größer geworden ist. Sie sehen nun kristallklar und begreifen die Situation als Ganzes. Das ist toll! Nun geht es in die Umsetzung:

7. Engagement

Das ist der Moment, in dem Sie Dinge tun, die sich nicht mehr umkehren lassen. Es ist der Point of no Return. Sie verpflichten sich zu Neuem, fallen bewusst eine Entscheidung der Veränderung und fassen in Worte, was Sie bisher nur gedacht haben. Für Ihre Karriere kann das zum Beispiel bedeuten: Sie reichen die Kündigung ein, bitten Ihren Chef offiziell um eine Teilzeit-Anstellung oder bekunden den Wunsch nach mehr Verantwortung.

Sobald Sie sich auf Ihren authentischen neuen Weg machen, öffnen sich Ihnen ungeahnte Türen und neue Kräfte unterstützen Sie. Feiern Sie sich für Ihren Mut und dafür, wie weit Sie schon gekommen sind. Dennoch sollten Sie darauf vorbereitet sein, dass Ihre Entwicklung an diesem Punkt noch nicht abgeschlossen ist.

8. Läuterung – die höchste Prüfung

Die Phase der Läuterung stellt Sie vor die letzte große Bewährungsprobe: Plötzlich stehen Sie wieder vor neuen Problemen es kommt Ihnen nach der Phase des Erwachens und des Engagements so vor, als hätten Sie versagt. Ihre „Endgegner“ können unvorhergesehene Ereignisse sein, wie vermehrte Job-Absagen oder Rivalitäten im neuen Arbeitsumfeld, aber auch Gegenspieler aus Ihrem Privatleben, die Sie vor die schwierige Aufgabe stellen, Beziehungen neu zu bewerten und gegebenenfalls aufzugeben. Vor allem bei sogenannten „Gestaltwandlern“ ist das Konfliktpotenzial groß: Das sind Personen, die Ihnen grundsätzlich ähnlich sind, im Gegensatz zu Ihnen aber nicht handeln und Sie deshalb kleinhalten wollen.

Üben Sie sich in dieser Phase vor allem in Geduld und Selbstliebe. Führen Sie sich vor Augen, dass Ihre Veränderung für Sie selbst gut ist und Sie weiterbringt. Wer Ihnen diese Entwicklung nicht gönnt, hat es verdient, als Freund infrage gestellt zu werden. Sehen Sie es als Chance, Ihre wirklich guten Beziehungen zu erkennen – denn Ihre echten Freunde werden nicht versuchen, Ihre Ambitionen zu unterdrücken, sondern Sie ermutigen, es bis zum Ende durchzuzuziehen.  

9. Hingabe

Mit der Phase der Hingabe kommt die Erfüllung, die zu Frieden und dem Gefühl der Erlösung führt. Sie erkennen glasklar, was Sie von jetzt an tun möchten, wer Sie sein wollen und welches Leben Sie führen können. Sie haben Ihren neuen Platz in der Berufswelt gefunden und spüren, dass Ihr Selbstvertrauen gewachsen ist. Gratulation, Sie können sich selbst auf die Schulter klopfen!

10. Rückkehr

In dieser letzten Phase der Heldenreise werden Sie Ihr neues Wissen nutzen, um anderen von Ihrer Entwicklung zu erzählen und sie dabei zu unterstützen, es Ihnen nachzutun. Ihre Veränderung ist damit eine bewusste Persönlichkeitsentwicklung, ein Wachstumsprozess, von dem nicht nur Sie selbst, sondern auch andere Menschen profitieren können. Ein Meilenstein, auf den Sie stolz sein können!

Wenn Sie beim Lesen bis hierher gekommen sind, haben Sie nicht nur bewiesen, dass Sie über das nötige Durchhaltevermögen verfügen – Sie haben sich auch das notwendige Wissen angeeignet, um zu reflektieren, an welchem Punkt Ihrer Heldenreise Sie sich aktuell befinden. Und wenn Ihre Situation Ihnen gerade besonders fatal und aussichtslos erscheint, dann wissen Sie: Es sind diese Momente des Widerstandes und des Zweifels, die eine Geschichte erst zu einer großartigen Geschichte werden lassen.