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Schuldgefühle im Job: So überwinden Sie Ihr schlechtes Gewissen

Schuldgefühle im Job: So überwinden Sie Ihr schlechtes Gewissen

Während sich jeder Mensch manchmal schuldig fühlt, neigen einige Personen zu generalisierten Schuldgefühlen: Andauernd nagt das schlechte Gewissen an ihnen und redet ihnen ein, sie blieben hinter den Erwartungen zurück. Ragnhild Struss beleuchtet das Problem und stellt Lösungen vor.

Eine Frau Anfang 40 übernimmt in einer Matrixorganisation die neue Leitung für ein crossfunktionales Exzellenzteam, in dem ihre Mitarbeiter zu 50 Prozent für sie und zu 50 Prozent in den einzelnen Abteilungen der Gesamtorganisation arbeiten. Die Mitarbeiter klagen, dass sie zu viel zu tun hätten und dass diese Doppelrolle schwierig sei. Die Frau plagt ständig ein schlechtes Gewissen, sie fühlt sich schuldig, ihnen Aufgaben zu übertragen. Gleichzeitig macht sie sich Vorwürfe und zweifelt an ihrer Kompetenz, weil sie jeden Abend unerledigte Aufgaben im Kopf hat und auch gegenüber ihrer Familie das Gefühl hat, dieser nicht gerecht zu werden. Manchmal fühlt sie sich schuldig, die neue berufliche Rolle überhaupt angenommen zu haben, da sie ihr „offensichtlich nicht gewachsen“ ist. 

In dieser oder einer ähnlichen Situation befinden sich viele unserer Klient*innen. Wie können wir mit derartigen Schuldgefühlen im Job umgehen?

Von Schuldgefühlen, Schuldbewusstsein und Scham

Laut psychologischer Definition handelt es sich beim Schuldgefühl um eine in der Regel als negativ empfundene soziale Emotion, die infolge einer eigenen Pflichtverletzung, Fehlreaktion oder „Missetat“ auftritt. Dies kann einem Menschen entweder bewusst sein oder man kann sich auch unbewusst schuldig fühlen, dies aber beispielsweise aus dem Bewusstsein verdrängen. Entsprechend ist von Schuldbewusstsein die Rede, wenn wir wissen, dass wir in einer Situation „besser“ hätten handeln können. Wir können dann aus unserem (Fehl-)Verhalten lernen und die Dinge in Zukunft anders machen. In diesem Sinne reguliert Schuld unser soziales Verhalten: Verkaufen wir beispielsweise die Notizen eines Kollegen im Vorstandsmeeting als unsere eigenen, haben wir zurecht ein schlechtes Gewissen, was uns im besten Falle dazu bewegt, uns zu entschuldigen, unseren Fehler wiedergutzumachen und so etwas künftig nicht mehr zu tun. Der Unterschied zwischen Schuld und Scham besteht darin, dass sich Schuld auf unser Verhalten bezieht, während Scham sich auf unsere Person ausrichtet („Ich bin falsch, weil ich ein Chaot / zu laut / zu schüchtern bin.“).

Neben berechtigten, situativen Schuldgefühlen neigen einige Menschen dazu, sich generell innerlich besorgt und leicht schuldig zu fühlen. Solche irrationalen Schuldemotionen vermitteln uns das Gefühl, dass wir die Verantwortung für etwas haben, was aber de facto gar nicht in unserem Einflussbereich liegt. Die Schuldgefühle der Frau im eingangs erwähnten Beispiel fallen in diese Kategorie, da sie in Wirklichkeit nicht für die (vermeintlichen) Gefühle ihrer Mitarbeiter und ihrer Familie verantwortlich ist. Ein weiteres Beispiel wäre, sich schuldig zu fühlen, wenn eine Kollegin ermahnt wird – so als haben wir irgendetwas dazu beigetragen, auch wenn es nicht der Fall ist. Es handelt sich um eine von der Realität abgekoppelte gedankliche Konstruktion: „Ich habe wahrscheinlich irgendetwas falsch gemacht, was damit zusammenhängen könnte, auch wenn mir nicht einfällt, was es ist.“ Menschen mit einer generellen Neigung zu Schuldgefühlen haben meist Angst vor sozialer Ausgrenzung, übernehmen in dem Versuch dem vorzubeugen zu viel Verantwortung und sind deshalb übermäßig streng mit der Bewertung ihres eigenen Verhaltens.

Der Zweck von Schuldgefühlen besteht in ihrer existenziell wichtigen Funktion im Sinne eines inneren Korrektivs: Nur wer sich infolge eines Fehlverhaltens schlecht fühlt, kann Reue zeigen, sich entschuldigen und den Schaden wiedergutmachen. Das sichert unser soziales Zusammenleben und erhält Gemeinschaften. Das Problematische daran, wenn man mit einem generellen Schuldgefühl ausgestattet ist: Das eigene Schuldgefühl ist dann eben nicht mehr der realen Situation angemessen und selbst eine Veränderung unseres Verhaltens führt nicht unbedingt zu einer emotionalen Erleichterung. Zudem hat ein oft damit zusammenhängendes allgemeines Gefühl von Wertlosigkeit und Versagen natürlich auch weitreichende negative Konsequenzen: Man ist beispielsweise unsicher in Beziehungen und stresst sich durch ständige Selbstbeobachtung, man trifft nur zögerlich Entscheidungen aus Angst vor Fehlern und bremst sich und die eigene Produktivität so immer wieder aus. Weil man gegenüber sich selbst misstrauisch ist, wird es schwer, überhaupt in irgendeinem Lebensbereich unbefangen und beherzt zu handeln. Es ist sehr wichtig, etwas gegen diese Neigung zu tun, um die Abwärtsspirale zu verlassen.  

Tipps, um sich von generellen Schuldgefühlen zu befreien

Haben Sie auch sehr oft ein schlechtes Gewissen? Passiert es Ihnen zum Beispiel, dass Ihre Chefin schlechte Laune hat und Sie sich „vorsorglich“ fragen, was Sie vielleicht falsch gemacht haben? Haben Sie sogar ein mulmiges Schuldgefühl im Bauch, wenn Sie bei einem bestimmten Kritikpunkt de facto nicht dafür verantwortlich sein können, etwa weil Sie an dem Tag, an dem die Spülmaschine in der Büroküche beschädigt wurde, gar nicht im Office waren? Dann helfen Ihnen die folgenden Tipps dabei, Ihrer allgemeinen Neigung zu Schuldgefühlen entgegenzuwirken bzw. besser damit umzugehen.
 

1. Einen Realitäts-Check vornehmen 

Zunächst ist es wichtig, das eigene schlechte Gewissen nicht einfach als „faktisch basiert“ anzunehmen, sondern so objektiv wie möglich die Tatsachen ins Auge zu fassen. Ihr Gefühl ist eben kein guter Indikator dafür, ob Sie tatsächlich etwas falsch gemacht haben, wenn Schuldgefühle sich bei Ihnen fast automatisch einstellen. Gehen Sie also am besten die folgende Checkliste durch, um Ihrem diffusen Gefühl auf den Grund zu gehen: 

  • Habe ich eine bestehende Regel verletzt? Mich gegen die Bestimmungen verhalten?
  • Hatte ich wirklich die Verantwortung für das Befinden einer anderen Person?
  • Habe ich bewusst in Kauf genommen, jemanden zu enttäuschen oder zu verärgern, zum Beispiel weil mir ein eigenes Anliegen wichtiger war?
  • Habe ich gegen einen meiner eigenen Grundsätze bzw. Prinzipien verstoßen?
  • Ist es ein Schuldgefühl, das ich kenne? Wann habe ich mich das letzte Mal so gefühlt? Hat es wirklich etwas mit der konkreten Situation zu tun?

Die Beantwortung dieser Fragen weist Sie darauf hin, ob wirklich eine konkrete Situation aufgetreten ist, in der Sie sich anders hätten verhalten können. Trifft dies zu, überlegen Sie, wie Sie den Schaden wiedergutmachen können, sich beispielsweise bei jemandem entschuldigen und sich als neue Richtlinie für das eigene Verhalten vornehmen, den „Fehler“ nicht zu wiederholen. Beispiel: Eine Person hat sich in ihrem Job krankgemeldet, weil sie am Abend zuvor zu viel getrunken hat. Auch wenn dies niemand in der Firma mitbekommen hat, hat sie ein schlechtes Gewissen und nimmt sich für die Zukunft vor, so etwas nicht zu wiederholen (etwa indem sie unter der Woche weniger trinkt). Sollte Ihnen Ihr Schuldgefühl jedoch bekannt vorkommen und Sie es schon öfter empfunden haben, kann eine als Grund empfundene Situation lediglich eine Erinnerung an etwas Tieferliegendes sein. Mehr dazu erfahren Sie im nächsten Schritt.

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2. Die Ursachen der Schuldgefühlsneigung erkunden

Tragen Sie möglicherweise einen generalisierten Schuldkomplex mit sich herum – der in verschiedenen Situationen immer wieder hochkommt? Dann spüren Sie einmal tief in sich hinein, um die Quelle zu finden. Welchen Anforderungen konnten Sie zum Beispiel in Ihrer Kindheit nicht gerecht werden – seien das Erwartungen Ihrer Familie, anderer Personen oder von sich selbst? Welche früher gehörten Vorwürfe oder gelernten Regeln hallen heute noch in Ihrem Inneren nach? Welche (an sich selbst gestellten) Ideale sind vielleicht zu hoch? Beispiel: Eine Person, der als Kind immer gesagt wurde, sie sei zu laut und zu intensiv, erlebt als erwachsener Mensch vielleicht Schuld- und Schamgefühle, wenn sie sich im Jobmeeting durchsetzt oder auf einer Feier eine Gruppe von Menschen unterhält. Ihr innerer Kritiker hat vielleicht den Glaubenssatz ihrer Familie „Man muss stets bescheiden und subtil auftreten.“ übernommen und hält ihr diese Richtlinie immer wieder mahnend vor. Es ist sehr wichtig, auch sehr alte Gefühle hinter unseren Schuldgefühlen zu erkunden und anzuerkennen sowie uns selbst die Freiheit zu geben, die Ansprüche und von anderen übernommenen Erwartungen an uns loszulassen. Am besten ersetzen Sie Ihre schuld- und schambehafteten Glaubenssätze mit neuen, positiven Überzeugungen, zum Beispiel „Ich bin dynamisch und es ist eine Stärke von mir, mich durchsetzen zu können.“.
 

3. Konsequenzen ziehen und die Zukunft positiv gestalten

Wie in den letzten beiden Punkten bereits angeklungen, können Sie aus Ihrem wiederkehrenden Schuldgefühlmuster nur aussteigen, wenn Sie – nach Realitäts-Check und Ursachenforschung – entsprechende Konsequenzen folgen lassen und bewusst an Ihrer Schuldgefühlstendenz arbeiten. Am besten brainstormen und analysieren Sie die folgenden Fragen schriftlich in einem Notizbuch:

  • Was kann ich aus der Situation lernen? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
  • Was könnte ich zur Wiedergutmachung tun?
  • Welche inneren Glaubenssätze sorgen dafür, dass ich mich immer wieder schuldig fühle? Wie kann ich diese positiv umformulieren?

Sind andere Menschen von einem tatsächlichen Fehler Ihrerseits betroffen, ist Kommunikation das A und O: Sprechen Sie mit involvierten Personen und entschuldigen Sie sich aufrichtig. Davon profitiert Ihre Beziehung langfristig und es schafft Vertrauen und Nahbarkeit. Denn einem Menschen, der genügend Rückgrat besitzt, um zu seinen eigenen Taten zu stehen, sprich Verantwortung übernimmt, dem bringen wir Respekt gegenüber. Denken Sie aber auch daran, die Schuld nicht automatisch auf sich alleine zu nehmen: Betrachten Sie die Situation genau und teilen Sie sie „gerecht“ unter allen Beteiligten auf. So ist zum Beispiel bei einem Missverständnis in Bezug auf eine Aufgabe, das folgend zu einem Fehler geführt hat, weder der Sender noch der Empfänger in der Kommunikation alleine „schuld“ – der Sender hätte etwa präziser kommunizieren können, aber der Empfänger hätte auch noch einmal nachfragen können. Schließlich neigen oft Menschen mit eher geringem Selbstwert und wenig Selbstmitgefühl dazu, sich schuldig zu fühlen. Arbeiten Sie unbedingt daran (hier erfahren Sie mehr zum Thema Selbstwert und hier zu Selbstmitgefühl).

Konkretes Lösungsbeispiel aus der Praxis

Zurück zum Beispiel der Frau, die das Exzellenzteam leitet: In genauer gemeinsamer Reflexion der konkreten Situationen zeigte sich, dass sie sich tatsächlich „nichts zuschulden kommen lassen“ hat. Sie hat sich an alle Vereinbarungen und Zeiten gehalten und so eigentlich keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ihr allgemeines Schuldgefühl zieht sich seit ihrer Kindheit wie ein roter Faden durch ihr berufliches Leben und ihre Beziehungsgestaltung. Die tiefere Analyse ergab, dass sie in schwierigen Familiensituationen zu früh zu viel Verantwortung übernahm, um die Emotionen ihrer Eltern „in Schach zu halten“. Dieses innere Programm läuft noch heute ab. Es war für sie zentral, sich das einmal bewusst zu machen und im Anschluss Absichten in Bezug auf ihre Work-Life-Balance zu erklären: In der Balance zwischen ihrer beruflichen und der Mutterrolle durfte die Frau sich selbst die Erlaubnis geben, die letztere zu priorisieren. Es geht darum, den Fokus wieder nach innen zu richten und sich zunächst einmal selbst nach ihren eigenen Bedürfnissen zu fragen. Das wird geübt werden müssen, denn es fällt ihr schwer, sich das Recht der Selbstfürsorge einzuräumen. Wir rieten ihr außerdem, ihre verschiedenen Rollen und Anforderungen zu definieren – am besten schriftlich, damit sie bei einem „Rückfall“ in ihr Schuldgefühlsmuster ihre eigenen Notizen durchlesen und sich erinnern kann, dass sie alles „richtig“ macht. In der Kommunikation mit ihren Mitarbeitern war es hilfreich, ihre Erwartungen klar an das Team zu kommunizieren. Außerdem zielte ihr Coaching darauf ab, an ihrer charakterlichen Neigung, es allen rechtmachen zu wollen, zu arbeiten: Sie muss nicht alle Wünsche anderer Menschen erfüllen und sie kann Teilerfolge feiern, um nicht dem ewig schlechten Gewissen durch Perfektionismus zu erliegen. 

Mit den genannten Tipps können Sie bereits vieles tun, um Ihre Neigung zu Schuldgefühlen in den Griff zu bekommen. Sollten Sie weitere Unterstützung benötigen, beraten wir Sie gerne bei einem Coaching.

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