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Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Jobwechsel?

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Jobwechsel?

Ragnhild Struss

Sie spielen schon eine Weile mit dem Gedanken an eine Kündigung, konnten sich aber bislang nicht dazu durchringen? Womöglich haben äußere Umstände wie eine neue Vorgesetzte, eine unerwartete Beförderung oder die Einarbeitung eines neuen Kollegen zum Aufschub Ihrer Entscheidung geführt – obwohl sich Ihre Zufriedenheit durch die Veränderungen nicht erhöht hat. Woher Sie wissen, ob der passende Moment zum Kündigen gekommen ist, verrät Ragnhild Struss in diesem Beitrag.

Um eines gleich zu Beginn klarzustellen: Der „perfekte Zeitpunkt“ für eine solche Entscheidung existiert nicht. Die Erwartung, es sollen erst die idealen Bedingungen herrschen, bevor wir ins Handeln kommen können, ist nicht realistisch. Dahinter steckt ein ungesunder Perfektionismus, der uns hindert und uns zum Aufschieben treibt. Sehr wichtig ist auch, nicht lediglich auf äußere Geschehnisse zu reagieren – die neue Vorgesetzte, die plötzliche Beförderung, die Einarbeitung des Kollegen – und diese als Begründung zu verwenden, warum man noch bleiben sollte. Achten Sie darauf, sich in Zukunft von solchen externen Umständen freizumachen und mehr auf das zu hören, was Ihre innere Stimme Ihnen sagt. Denn sind Sie im Inneren unzufrieden, dann ist es zweitrangig, was zurzeit im Außen passiert. Es mag abgedroschen klingen, ist aber Fakt: Der nötige Impuls zur Veränderung von Einstellung, Verhalten oder Umständen entsteht immer im Innen.

Herausfinden, woher die Unzufriedenheit rührt

Stellen Sie sich zunächst die Frage: Steckt hinter meinem Wunsch zu kündigen tatsächlich eine intrinsische Motivation, also bin wirklich ICH es, der unzufrieden mit meinem Job ist? Oder weht der Wind vielmehr von meinem Umfeld her, welches eigene Vorstellungen davon hat, was „das Beste“ für mich ist? Ob Partner und Freunde, die sich „etwas anderes für Sie vorstellen“, oder frustrierte Arbeitskollegen, die sich über die Arbeit ärgern, während es Ihnen damit eigentlich gutgeht: Wenn Sie eher das Gefühl haben, Sie „sollten“ kündigen, statt es aus tiefster Überzeugung selbst zu wollen, dann ist diese Idee extrinsisch, also von außen, motiviert. Dabei wirken nur aus unserem Inneren kommende Motivationen stark genug, damit wir eine Entscheidung treffen und uns zum Handeln durchringen – und nur dieser innere Antrieb sollte überhaupt die Grundlage für unsere Entscheidungen bilden. 

Verschriftlichung bringt Klarheit

Haben Sie für sich herausgefunden, dass Sie tatsächlich unzufrieden sind, gewinnen Sie mit einer klassischen Pro- und Contra-Liste den nötigen Überblick. Schreiben Sie spontan alle Punkte auf, die Ihnen an Ihrem jetzigen Job gefallen – bei Unzufriedenheit neigen wir nämlich dazu, das Positive zu vergessen –, ebenso wie die Dinge, die Sie stören. Dabei ist nicht wichtig, wie viele Punkte auf jeder Seite stehen, sondern wie viel Gewicht sie haben – und zwar für Sie ganz persönlich. Einige Menschen würden beispielsweise eine Verbeamtung auf der Pro-Seite als sehr wertvoll empfinden. Sollte für Sie Jobsicherheit jedoch kein stark ausschlaggebender Faktor sein oder überwiegt Ihre Unzufriedenheit über andere Facetten des Jobs, wird dieser relative Vorteil für Sie kein hinreichendes Argument gegen einen Jobwechsel sein. 

Gleichzeitig mögen für Sie andere (positive oder negative) Aspekte schwerer wiegen, die für jemand anders völlig irrelevant wären. Versehen Sie deshalb nach Aufschreiben der Pro- und Contra-Argumente jeden Punkt mit einer subjektiven Wichtigkeitsbewertung von 0 (gar nicht wichtig für mich) bis 10 (sehr wichtig für mich). Betrachten Sie dann nur die Argumente mit einem Wert von 8-10 und wägen Sie diese gegeneinander ab. Wenn selbst nach dieser Relativierung klar die Contra-Seite überwiegt, ist es für Sie Zeit zu gehen – insofern Sie vorher geprüft haben, ob störende Facetten Ihres Jobs sich womöglich durch simple Maßnahmen verbessern lassen. Häufig hilft schon der Prozess als solcher, um zufriedener zu werden. Bewusste Gestaltung schafft Klarheit.

Wenn uns Glaubenssätze vom Handeln abhalten

Unsere unbewussten inneren Überzeugungen sind sehr machtvoll. Denken Sie deshalb darüber nach, was sich hinter Ihrem Aufschieben des endgültigen Entschlusses zu kündigen verbirgt. Unser Leben und Handeln – oder eben Nicht-Handeln – ist häufig die Manifestation von Glaubenssätzen, nach denen wir uns bewusst oder unbewusst richten. Gegebenenfalls treiben Sie Überzeugungen an wie „Man darf nicht so einfach aufgeben“, „Man sollte dankbar sein für das, was man hat“ oder „Abwarten und Tee trinken“? Was hält Sie in Wirklichkeit vom finalen Schritt ab? Ist das Hindernis womöglich Ihr Sicherheitsdenken, müssen Sie Ihre Familie versorgen oder sind Sie im Allgemeinen ein sicherheitsorientierter Mensch? Steckt die Angst vor Veränderung dahinter oder fällt es Ihnen allgemein schwer, die Initiative zu ergreifen? Oder hegen Sie schlicht die Befürchtung, an einem neuen Arbeitsplatz den Anforderungen nicht gerecht zu werden? Diese Angst tritt vor allem dann auf, wenn Menschen bereits sehr lange im selben Unternehmen angestellt sind und festgefahrene Aufgaben ausüben.

Was auch immer Sie an der Kündigung hindert: Hinterfragen Sie kritisch, ob Ihre Bedenken es wert sind, dafür weiterhin in einem unerfüllenden Job zu arbeiten – oder ob sich (vermeintliche) Hürden nicht doch überwinden lassen. Es kann auch sein, dass sich bei Ihnen unterschiedliche Vorstellungen und Ziele widersprechen. Zum Beispiel meint Ihre sicherheitsbewusste innere Stimme „Bleib doch hier, denn es läuft alles gut und du weißt, was man von dir erwartet!“, während Ihr Wunsch nach Weiterentwicklung entgegnet: „Du kannst hier nichts mehr lernen – brich lieber zu neuen Ufern auf!“. Machen Sie sich solche miteinander in Konflikt stehenden Stimmen bewusst und entscheiden Sie, welcher Stimme Sie folgen möchten. Möglicherweise hilft Ihnen auch die Gewissheit eines neuen unterschriebenen Arbeitsvertrags, um sich zur Kündigung durchringen zu können? Dann machen Sie sich erst einmal auf Jobsuche und bewerben sich, bevor Sie final über Ihre jetzige Beschäftigung urteilen.

Wie geht es eigentlich weiter?

Ein anderer möglicher Grund, warum Sie Ihre Entscheidung vor sich herschieben: Vielleicht ist Ihnen noch gar nicht klar, was nach dem Verlassen Ihres aktuellen Jobs auf Sie zukommt. Die Kündigung für sich alleine betrachtet stellt eine Von-weg-Motivation dar: Sie wollen Ihrer suboptimalen Situation entkommen und sehen dabei lediglich, was Sie nicht mehr wollen. Was aber möchten Sie stattdessen? Eine Hin-zu-Motivation bauen Sie auf, wenn Sie reflektieren, in welchem anderen Job Sie mehr Zufriedenheit und Motivation empfinden würden. Notieren Sie Kriterien, die an einem besser zu Ihnen passenden Arbeitsplatz erfüllt sein sollten, um nach entsprechenden Stellenangeboten suchen zu können. 

Fehlt Ihnen wegen Ihrer kraftraubenden beruflichen Situation die Energie für alles, was mit dem großen Schritt der Kündigung zusammenhängt, und haben Sie Angst vor Überforderung? Dann wenden Sie die sogenannte Salamitaktik an: Unterteilen Sie das gefühlt riesige To-do „Jobwechsel“ in mehrere kleine Steps, die für sich genommen übersichtlich und leicht zu erledigen sind. Einzelne Schritte können zum Beispiel die Einrichtung eines Suchagenten für neue Stellen sein, das Aktualisieren der eigenen Bewerbungsunterlagen, das Versenden einer Bewerbung, etc. So kommen Sie Ihrem Ziel Stück für Stück näher und machen Ihr Vorhaben leichter umsetzbar. 

Auch einen Versuch wert: paradoxe Intervention

Sie sind trotz allem immer noch unentschlossen, ob Sie bleiben oder gehen sollen? Dann versuchen Sie es mit paradoxer Intervention: Dabei verbieten Sie sich das, was Sie vermeintlich möchten, und werden dadurch oft gerade dazu motiviert, es endlich zu tun. Denken Sie sich „Ich darf hier niemals kündigen und muss für immer bleiben“ – wie fühlt sich das für Sie an? Löst diese Einschränkung in Form einer Ihnen abgenommenen Entscheidung in Ihnen den Drang aus, endlich aktiv zu werden? Oder fühlt sie sich gar erleichternd an, weil Sie in Wirklichkeit gar nicht kündigen möchten? Auf ähnliche Weise können Sie mit Entscheidungshilfen per Zufallsprinzip wie Münzwurf herausfinden, was Sie tatsächlich wollen – nicht, weil Sie das sich zufällig ergebende Ergebnis befolgen, sondern weil Sie an Ihrer mentalen und emotionalen Reaktion darauf feststellen, was Ihr Bauchgefühl eigentlich für Sie möchte. So gelangen Sie zu Ihrer eigentlichen „Volition“, Ihrem inneren Willen.