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Warum die besseren Chefs Verletzlichkeit zeigen

Junge Frau blickt in die Kamera

Warum die besseren Chefs Verletzlichkeit zeigen

Ragnhild Struss

„Sei stark! Sei perfekt! Zeige keine Schwäche!“ Noch immer scheint ein Gros der Führungskräfte ihr Denken, Fühlen und Handeln an dieser inneren Erwartungshaltung auszurichten. Die Folge ist ein Verlust an Authentizität mit allen damit verbundenen Potenzialen, sowohl auf individueller als auch unternehmensstrategischer Ebene. Aus Angst vor dem drohenden Karriere-Aus ist das Bemühen groß, keine mutmaßlichen Unzulänglichkeiten preiszugeben. Berufliche Beziehungen werden taktisch geführt, Rollenverhalten perfektioniert, Misserfolge vertuscht oder heruntergespielt und Verantwortung für Fehlschläge verschoben. 

Die Maskerade verhindert echte Begegnung und gemeinsames Wachstum, eine schlechte Fehlerkultur hemmt das Entwicklungspotenzial der Menschen und das Innovationspotenzial der Firmen. Mitarbeiter*innen, denen vermeintliche Perfektion von ihren Vorgesetzten vorgelebt wird, fühlen sich unter Druck gesetzt, es ihnen gleichzutun, und so perpetuiert sich das System. In einer enthumanisierten Arbeitsumgebung wird nach außen nichts als eine stark redigierte Persona – eine Art Erfolgsmaske – gezeigt, statt sich mit der ganzen Persönlichkeit einzubringen. Das kostet den Mitarbeitenden Kraft und das Unternehmen viel Geld. 

Kompetenz ohne Nahbarkeit wirkt kalt

Jeder kennt das: Makellose Personen werden vielleicht für ihre Kompetenz bewundert, aber so richtig warm wird man mit ihnen nicht. Perfektion ist im Grunde genommen langweilig. Außerdem schreckt sie ab, indem sie uns ihre Unerreichbarkeit und unsere Fehlbarkeit vor Augen führt. Sie lässt keine Nähe zu, weil es letztendlich unsere Unzulänglichkeiten sind, die uns verbinden. Es ist Menschlichkeit in all ihren Facetten, die Nahbarkeit, Wertschätzung, Vertrauen und Loyalität nach sich zieht. 

Welche Vorteile es hat, offen mit der eigenen Verletzlichkeit umzugehen, fand unter anderem die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brené Brown in ihrer qualitativen Forschung heraus. Was haben Menschen gemeinsam, die sich mit anderen verbunden und von ihnen geliebt fühlen? Sie akzeptieren sich selbst mitsamt ihrer Schwächen und versuchen nicht, diese vor anderen zu verbergen. Das Risiko einzugehen, sich verwundbar zu zeigen, steigert ihre Fähigkeit, positive Gefühle wie Liebe, Vertrauen, Freude und Kreativität empfinden zu können.  

Gefühle haben im Job nichts verloren?

Falsch! Menschen, die den Mut haben, sich selbst in all ihren Facetten zu betrachten, zu ihrer eigenen Unvollkommenheit stehen und ihre Emotionen ehrlich kommunizieren – sprich, sich authentisch zeigen – sind die besseren Führungskräfte. 

„Wer arbeitet, macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht mehr Fehler. Nur wer die Hände in den Schoß legt, macht gar keine Fehler.“ Alfred Krupp, deutscher Industrieller


Vorbild-Funktion und positive Wirkung aufs Team

Der offene Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit muss in den Führungsetagen beginnen. Insgeheim sehnt sich jede*r nach Authentizität: Es ist anstrengend und verschwendet wichtige Ressourcen, einen (vermeintlich schlechten) Teil der eigenen Persönlichkeit verstecken zu müssen und ständig an der perfekten Außenwirkung zu feilen. Eine Führungskraft, die zu ihren Schwachstellen steht, Fehler zugeben und sich entschuldigen kann, anstatt übermenschlich erscheinen zu wollen, inspiriert andere als Vorbild. Ein*e auf diese Weise verletzliche*r Chef*in wirkt greif- und nahbar, erzeugt Vertrauen und ebnet den Weg für offene Kommunikation. Das wirkt sich auf die Stimmung im Team aus: Wenn sich Mitarbeiter*innen gegenüber ihrem*r Vorgesetzten nicht verstellen müssen, ist dies auch gegenüber Kolleg*innen nicht nötig. So entfaltet sich im gesamten Unternehmen eine Kultur der Authentizität und des Vertrauens. 

Bessere Beziehungsqualität

Psychologische Studien haben ergeben, dass die Qualität der Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter*innen maßgeblich die Arbeitsleistung, das freiwillige Engagement und die Arbeitszufriedenheit beeinflusst. Dabei kann vor allem gegenseitiges Vertrauen das wechselseitige Verhältnis verbessern – und das entsteht, wenn man sich authentisch zeigt. Gute Beziehungen zu den Mitarbeitenden sind demnach kein „Nice-to-have“, sondern ein absolutes „Must“, wenn einer Führungskraft daran gelegen ist, nachhaltig die Arbeitsmoral zu steigern. Chef*innen sollten versuchen, mit jedem*r Mitarbeiter*in eine gute Beziehung zu etablieren, und sich nicht nur auf einige wenige konzentrieren, die sie ohnehin schon mögen. Sich menschlich und nahbar zu zeigen, ab und zu selbst auch mal um Hilfe zu bitten, Ängste zuzugeben, persönliche Erschöpfung und Zweifel zu teilen oder einen Schwank aus dem Privatleben zu erzählen, hilft ungemein beim Aufbau von nachhaltigem Vertrauen.  

Mutigere Führungsentscheidungen

Wer Erfolg haben will, muss Risiken eingehen: finanzielle, strategische – und nicht zuletzt auch persönliche. Ohne die potentielle Inkaufnahme emotionaler Bloßstellung kann eine Führungskraft nichts Neues wagen. Der übermäßige Fokus auf der Vermeidung von Fehlern führt zu konservativen, passiven Reaktionen auf Herausforderungen, statt ihnen aktiv und innovativ zu begegnen. Auf Kosten von – ohnehin nie garantierter – Sicherheit bleibt der mögliche Fortschritt auf der Strecke. Dabei ist es gerade für eine*n Vorgesetzte*n wichtig, mutig voranzugehen und dem Team zu zeigen, dass Eigeninitiative und gute Ideen gefragt sind. Es ist besser, auch mal ein Wagnis einzugehen und in eine Herzensidee zu „investieren“, als sich mit Stagnation zufriedenzugeben.   

Besserer Umgang mit Niederlagen

Egal, wie sehr wir uns anstrengen: Niemand ist vor Niederlagen gefeit und selbst die perfekteste Planung kann nicht verhindern, dass manche Projekte scheitern. Wer solche Fehlschläge nicht als „lebensbedrohlich“, als ultimatives persönliches Versagen oder Karriere-Aus betrachtet, sondern als normalen Teil des (Führungs-)Lebens, kann gelassener mit ihnen umgehen. Die Vorteile einer guten Fehlerkultur sind vielfach bewiesen. Sie fördert Innovation und Produktivität, stärkt die Mitarbeiter*innenbindung und beflügelt Motivation. Eine konstruktive Beziehung zum Scheitern beinhaltet zunächst einmal, Fehler nicht zu verheimlichen, sondern – auch öffentlich – zu ihnen zu stehen. Auch ein*e Chef*in ist nur ein Mensch und trifft mitunter Entscheidungen, die sich im Nachhinein als ungünstig herausstellen. Wichtig ist, die Situation nüchtern zu analysieren, zu verstehen, warum es nicht funktioniert hat, und daraus für die Zukunft zu lernen. Verantwortungsübernahme braucht Mut und zeigt wesentlich größere Stärke als die unredliche Art, eine*n externe*n Schuldige*n zu finden. So sind Niederlagen sogar eine Chance zu Wachstum und Weiterentwicklung.  

Großzügigkeit mit dem „Anders-Authentischen“

Wer sich selbst großzügig, liebevoll und bewusst begegnet, kann dies auch viel eher anderen gegenüber tun: Ganz nach dem Motto „If you spot it, you’ve got it“ triggern uns in der Regel solche Eigenschaften und Verhaltensweisen anderer Menschen, die für uns selbst in irgendeiner Form ungeklärt sind – sei es, dass wir diese Anteile in uns selbst unterdrücken, diese „Fehler“ eigentlich auch besitzen und sie an uns selbst verurteilen, dass wir sie gerne hätten und neidisch sind oder dass sie uns auf negative Weise an eine Person aus unserer Vergangenheit erinnern. Wer die eigenen Schattenanteile integriert und mit ihnen Frieden geschlossen hat, den bringen andere Menschen weniger auf die Palme. Das sorgt für einen konstruktiveren, ruhigeren Austausch miteinander und die Konzentration auf die Sachebene, was vor allem in professionellen Beziehungen von Vorteil ist.  

Persönliche Potenzialentfaltung

Sich verstellen zu müssen, kostet Kraft. Das dauernde Verstecken vermeintlich schlechter Persönlichkeitsanteile – vor anderen und oft auch vor sich selbst – bindet psychische Energie, die dann an anderer Stelle fehlt. Die übertriebene Kontrolle der Außenwirkung aufzugeben und sich ohne übermäßige Selbstzensur zu zeigen, setzt Energie zur Weiterentwicklung frei. Wer sich seiner blinden Flecken bewusst wird und sie annimmt, kann im nächsten Schritt einen reifen Umgang damit entwickeln. Beispiel: Eine Führungskraft, die ihre Schwäche in Sachen Zeitmanagement zugibt, kann nicht nur selbst Maßnahmen zum Umgang mit dieser Tendenz ergreifen (wie das Führen eines Planers oder das morgendliche Durchgehen der To-dos). Sie kann auch auf Unterstützung von Teammitgliedern bauen, die in dieser Hinsicht stark sind, sie an nahende Deadlines erinnern und bei Projekten den Überblick behalten. Stattdessen kann sich die Führungskraft vermehrt auf die Bereiche konzentrieren, in der sie stark ist – und all das, weil man ehrlich mit seinen Unzulänglichkeiten umgegangen ist. 
 

Glücklicherweise befindet sich unsere Arbeitskultur in einem grundlegenden Wandel und Authentizität am Arbeitsplatz spielt eine immer größere Rolle. Gerade Chefs und Chefinnen profitieren davon, die Maske der Perfektion abzulegen, um für sich und ihr Team positive Veränderungen zu erreichen. In diesem Sinne: Seien Sie mutig!