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Klatsch und Lästern im Job: Warum Sie es vermeiden sollten

Klatsch und Lästern im Job: Warum Sie es vermeiden sollten

Ragnhild Struss

Ganz unabhängig von Branche oder Geschlecht: Es gibt keinen Arbeitsplatz auf der Welt, an dem nicht hinter dem Rücken von Mitarbeitern über diese gesprochen wird. Warum sich Menschen so verhalten, welche Folgen Lästern nach sich zieht und wieso darauf verzichtet werden sollte, erklärt Ragnhild Struss. 

Ob es um das gewagte Outfit der Geschäftsführungs-Assistenz auf der Weihnachtsfeier, die mutmaßliche Affäre zweier Kollegen oder den Ordnungstick der Chefin geht: Wir alle klatschen, tratschen und lästern ab und zu – gerade im Job, wo die meisten Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Dabei reicht das Spektrum von harmlosem, vielleicht sogar wohlwollendem Klatsch bis hin zu böswilligem Mobbing, das sehr negative Folgen für Opfer und Täter haben kann. Auch wenn niemand gerne zugeben möchte, dass er regelmäßig über andere Kollegen spricht: Studien legen nahe, dass sich zwei Drittel aller menschlichen Gespräche um nicht anwesende Personen drehen! Aber warum reden wir so gerne über andere Menschen? Welche Vor- und Nachteile bringt diese in uns angelegte Neigung mit sich? Und wie können wir einen positiven Umgang damit finden, bei dem niemand zu Schaden kommt?

Klatsch, Lästern, Mobbing – wo liegt der Unterschied?

Es gibt viele Begriffe rund um dieses Thema, die manchmal fälschlicherweise synonym verwendet werden. Man sollte sie jedoch klar voneinander abgrenzen: Klatsch steht im Kern für „eine Form der gesellschaftlichen Unterhaltung, bei der absichtsvoll Informationen über nicht anwesende Personen ausgetauscht werden“. Dabei handelt es sich häufig um Unbelegbares und Gerüchte, manchmal auch um beabsichtigte Falschinformationen, die gestreut werden sollen. Tratsch hingegen steht eher für zielloses Schwatzen und Erzählen, nicht zwingend über andere Personen. Ganz anders sieht es bei Lästern aus, das eine eindeutig negative Komponente enthält: Es bedeutet, sich über jemanden (Abwesenden) oder über etwas abfällig, mit kritischen oder boshaften Kommentaren zu äußern. 

Je nach Grad der Böswilligkeit und nach Häufigkeit und Art der Ausübung kann Lästern schnell die Grenze hin zu Mobbing überschreiten. Dabei handelt es sich um das „wiederholte und regelmäßige, vorwiegend seelische Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine Gruppe oder Einzelperson“. Bereits das Verbreiten falscher Tatsachen über jemanden – wie mitunter bei Klatsch und Lästern üblich – kann zu Mobbing gezählt werden, neben „offeneren“ Formen wie Demütigen der anderen Person, unangemessene Kritik, soziale Ausgrenzung oder Zuweisung sinnloser Aufgaben. Schließlich sei noch kurz der Begriff Flurfunk erwähnt: Er bezeichnet umgangssprachlich den informellen Informationsfluss innerhalb eines Unternehmens, der häufig „im Flur“ stattfindet. Teilweise geschieht dies über bewussten Austausch der Kollegen untereinander – auch über Klatschthemen –, während ein Großteil des Flurfunks sich aus zufällig aufgeschnappten Information aus den Unterhaltungen anderer ergibt. Der Flurfunk ist ein zentraler informationslogistischer Faktor, dessen Wirkung beim Führen eines Unternehmens oft bewusst eingeplant wird.

Warum wir so gerne über andere Menschen reden

Evolutionspsychologen betrachten unseren Hang zu Klatsch (und damit manchmal auch Lästern) als wichtige Funktion für das Zusammenleben in einer größeren sozialen Gruppe: Die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe wird gefördert, wenn alle Informationen über alle anderen Mitglieder erhalten – und zwar gerade auch über „nicht kooperative“ oder in irgendeiner Form „aus der Reihe tanzende“ Individuen. Dass besonders gerne über Chefs und Führungskräfte getratscht wird, erklären die Forscher folgendermaßen: Wir möchten auch private bis intime Details über gesellschaftliche Leitpersönlichkeiten erfahren, weil Einblicke in Spannungen in der Führungshierarchie von enormer Wichtigkeit für jedes einzelne Gruppenmitglied sowie für die Gruppe als Gesamtkörper sind und genau registriert werden. Als positiv kann am Klatsch und Lästern gesehen werden, dass es tatsächlich den Zusammenhalt innerhalb der (Unter-)Gruppe der Eingeweihten stärken kann – indem sie sich bewusst von den Menschen, über die sie sprechen, abgrenzen. So fungiert er laut Experten häufig als „sozialer Kitt“.

Das war es aber auch schon an Positivem. Denn neben dieser gruppenerhaltenden Funktionen von Sprechen über andere sehen Evolutionspsychologen auch eindeutig gegenläufige Begründungen für die weite Verbreitung von Lästern: Im Konkurrenzkampf um wichtige Ressourcen – beispielsweise die nächst höhere Position oder im Privatleben auch Sexualpartner – ist Klatsch eine verdeckt aggressive, wenig aufwändige Taktik, um sich einen Vorteil zu sichern. Laut Untersuchungen machen sich dies vor allem heterosexuelle Frauen zunutze, um Rivalinnen durch Schädigung deren Rufs fürs andere Geschlecht unattraktiver zu machen. Selbstverständlich kann ein solches Verhalten jedoch auch unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung auftreten. Klatsch ist im Übrigen in vielen Kulturen und Religionen verpönt, gilt als unmoralisch und strafbar. Auch in Deutschland kann er in Form von „übler Nachrede“ juristische Folgen nach sich ziehen.

Die Gefahren von Lästern im Job

Wer bei der Arbeit besonders viel und gehässig lästert und Gerüchte verbreitet, schadet sich damit – auch wenn die Gespräche zunächst harmlos scheinen – langfristig selbst. Denn dieses Verhalten zeigt anderen, dass man selbst nicht sonderlich vertrauenswürdig ist – wer so gemein über andere herzieht, der tut das potenziell auch gegenüber den Kollegen, die er jetzt noch ins Vertrauen zieht. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass anderen der „Hatetalk“ über Dritte negativ auffällt, sie sich deswegen an den Chef oder den Betriebsrat wenden und das „Lästermaul“ auffliegen lassen. Arbeitsrechtliche Konsequenzen wie eine Abmahnung können dann die Folge sein. Aber selbst wenn es nicht so weit kommt: Lästern verbreitet schlechte Energie in der Umgebung und zeugt von Schwäche und mangelndem Selbstbewusstsein. Denn wer immer wieder andere schlechtmachen muss, um sich selbst aufzuwerten, der hat augenscheinlich ein Problem mit sich selbst (siehe dazu unseren Artikel über eigene Schattenanteile).

Schließlich sind vor allem die verheerenden Folgen zu nennen, die Mobbing auf seine Opfer haben kann: Mit bösartigem Klatsch kann man einen Kollegen nicht nur beruflich ruinieren, sondern auch seine psychische Gesundheit massiv beeinträchtigen, bis hin zur Depression und Suizidgedanken. Dies sollte als Argument ausreichen, um Lästerei – im Job und allgemein – tunlichst zu vermeiden! Bereuen und Schuldgefühle mindern das eigene Selbstwertgefühl und schwächen den Energiehaushalt. Aufrichtig, ehrlich und liebevoll zu sein, kostet zwar mehr Mut, schenkt aber auch mehr Ruhe und Kraft.

Wie Sie bei der Arbeit die Lästerfalle umgehen

Sind die Inhalte von Gesprächen über Dritte neutral oder gar wohlwollend, kommt in der Regel niemand dadurch zu Schaden und es ist nicht unter „Lästern“ zu verbuchen. Dennoch sollte hier mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl entschieden werden, ob solche Unterhaltungen wirklich sein müssen. Gespräche mit negativem Fokus in Bezug auf andere sind hingegen komplett zu meiden. Es kostet zwar manchmal Mühe, sich nicht dazu hinreißen zu lassen, sorgt aber für wesentlich bessere Energie auf der Arbeit – und für ein leichteres Gewissen bei einem selbst. Die folgenden Regeln helfen Ihnen, sich bei diesem Thema reif und konstruktiv zu verhalten.

1. Sich auf das Gute an anderen konzentrieren 

Würden Sie das, was Sie gerade über Ihre Kollegin loswerden wollten, dieser auch ins Gesicht sagen? Nein? Dann behalten Sie es lieber für sich. Mit dieser Regel sind neutrale, die Arbeit betreffende Informationen wie beispielsweise „Tanja hat letzte Woche einen super Plan für unsere Umstrukturierung erstellt.“ nicht nur in Ordnung, sondern mitunter auch hilfreich für den Informationsfluss innerhalb des Unternehmens sowie für die Zusammenarbeit. Auch ehrliches Lob und Bewunderung in Bezug auf eine abwesende Person können Sie in der Regel problemlos teilen, zum Beispiel „Ich finde es toll, wie viele Ideen Paul immer in unseren Meetings einbringt!“ oder „Sandra hat wirklich ein Händchen für unsere Kunden: Sie hat schon wieder jemand Neues akquiriert!“.

2. Nur relevante Informationen teilen

Ein Kollege hat kürzlich mehreren Personen in der Küche berichtet, dass er jetzt mit EMS-Training angefangen hat und dass dies besonders effektiv sei. Offensichtlich ist dies keine Geheiminformation, denn er hat es offen geäußert, und es handelt sich auch noch um etwas Positives. Sollen Sie das nun Ihrem anderen Kollegen, der gerade aus dem Urlaub zurück kommt, berichten? Gegenfrage: Hat die Weitergabe dieser Information irgendeinen Nutzen? Oft wird nämlich wahllos alles Mögliche an andere weitergetragen, obwohl dies eigentlich nicht sonderlich spannend ist und dem Empfänger der Information keinen Mehrwert bietet. In solchen Fällen vergeuden Sie im Grunde nur wertvolle Arbeitszeit, indem Sie (Nicht-)Informationen zum Klatschthema machen. Merke: Nicht alles muss mit anderen geteilt werden! Geben Sie nur Infos weiter, die für Ihre gemeinsame Zusammenarbeit wichtig sind. 

3. Diskretion bei empfindlichen Informationen wahren

Was gar nicht geht und womit Sie sich unter Umständen sogar arbeitsrechtliche Konsequenzen einhandeln, ist die Weitergabe vertraulicher Informationen. Arbeitet man in Ihrer Branche mit persönlichen Kundendaten, haben Sie in der Regel bereits in Ihrem Arbeitsvertrag eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnet. Bei Nichtbefolgen können Sie fristlos entlassen werden und strafrechtlich „in Teufels Küche“ kommen! Aber auch private Infos über Chefs und Arbeitskollegen sowie noch nicht offiziell kommunizierte Entscheidungen sollten Sie keinesfalls weitererzählen! Ob die Kollegin aus dem 2. Stock einen Schwangerschaftsabbruch hatte oder Sie zufällig auf dem Schreibtisch des Assistenten eine ominöse Namensliste erblickt haben – das geht Sie nicht nur nichts an, sondern kann in Wirklichkeit auch einen anderen Hintergrund haben, als Sie sich womöglich zusammenreimen. Behalten Sie solche Dinge also unbedingt für sich!

4. Bei der Wahrheit bleiben 

Selbst wenn das Thema, welches Sie unter Ihren Lieblingskollegen loswerden wollen, positiver Natur, potenziell nützlich und keine empfindliche Information ist: Äußern Sie es nur, wenn Sie sicher sein können, dass es den Fakten entspricht! Sie haben aus indirekter Quelle gehört, dass Ihre Chefs eine ganze besondere Sommerfeier in einem Schloss für die Belegschaft planen? Während es Sie vielleicht schon unter den Fingern juckt, diese spannende „Info“ mit anderen zu teilen, sollten Sie sich klarmachen: Gerüchte und Mutmaßungen zu streuen, hilft niemandem! Denn ähnlich wie beim „Stille Post“-Spiel haben auf diese Weise weitergegebene Informationen es an sich, nach und nach von jedem Glied in der Erzählkette leicht verändert und ausgeschmückt zu werden. So verbreiten sich widersprüchliche, verwirrende Halbwahrheiten oder schlicht „fake news“ und sorgen am Ende womöglich noch für Enttäuschung. Dass Sie erst recht keine (böswilligen) Mutmaßungen über andere Mitarbeiter streuen sollten, versteht sich natürlich von selbst!

5. Sich von lästernden Kollegen abgrenzen bzw. diese konfrontieren 

Es ist eine Sache, nicht proaktiv mit Lästern zu beginnen. Ein ebenso wichtiger Punkt ist jedoch, wie Sie darauf reagieren, wenn Mitarbeiter Sie zum üblen Klatsch verleiten wollen. Es erfordert persönliche Stärke und auch einen gewissen Mut, aber Sie sollten in jedem Fall Ihre Stimme erheben, um auf das unschöne Verhalten aufmerksam zu machen. Zwar können Sie auch versuchen, sich subtil aus der Affäre zu ziehen – etwa indem Sie den negativen Aussagen Ihrer Kollegen über eine abwesende Person ein „Ich finde sie / ihn eigentlich kompetent / nett.“ gegenüberstellen. Diese vage Vorgehensweise stellt jedoch keine wirklich klare Positionierung dar. Besser ist es, wenn Sie Ihre Kollegen – ohne zu sehr mit erhobenem Zeigefinger zu sprechen – dazu ermutigen, nicht so negativ über andere zu reden, beispielsweise mit einer Formulierung wie: „Hey, lasst uns doch nicht so viel Zeit damit verbringen, schlecht über XY zu sprechen. Im Grunde verbreitet das für uns alle schlechte Energie und ist unfair gegenüber XY, da er / sie nichts dazu sagen kann.“ So motivieren Sie andere konstruktiv zum Überdenken ihres Handelns, ohne sie moralisch zu verurteilen.