Fünf typische Denkfehler über Visionen

von Anna Schmitz
Fünf typische Denkfehler über Visionen
Eine Vision zu entwickeln, fällt den meisten Menschen schwer. Und zugegebenermaßen ist es das auch. Wenn wir mit unseren Klient*innen Zukunftsvisionen entwickeln, können wir in Echtzeit den Zweiflern zuschauen, die sich einmischen: „Schaffe ich das überhaupt?“, „Ist das realistisch?“ oder „Dafür muss aber erst…“ sind Sätze, die regelmäßig fallen.
Das liegt unter anderem daran, dass eine Vision nicht nur Orientierung gibt, sondern auch – wenn das Konzept missverstanden wird – Druck erzeugen kann. Wir haben die häufigsten Denkfehler gesammelt und ordnen sie ein.
1. Eine Vision zu haben bedeutet, eine endgültige Antwort auf die Zukunft zu entwickeln
Viele gehen davon aus, dass eine Vision so etwas wie eine finale Entscheidung ist. Ein fertiges Bild, das klar formuliert und dann verfolgt wird. Wir besprechen mit unseren Klient*innen häufig Bedenken, heute Entscheidungen zu treffen, obwohl die Zukunft noch ungewiss ist. Dieser Umstand erzeugt eine innere Dissonanz: wie kann ich heute eine Vision entwerfen, von der ich noch nicht weiß, ob sie in der Zukunft umsetzbar sein wird?
Das Missverständnis, das hier vorliegt: eine Vision muss von Anfang an konkret sein. Zu einem späteren Zeitpunkt sollte sie das zwar werden. Doch an erster Stelle steht ein abstraktes Bild, das mit dir resoniert. Das könnte sein:
- Ich möchte ein präsenter Familienvater sein.
- Ich möchte bei der Arbeit mehr Verantwortung tragen.
- Ich möchte von überall aus arbeiten können.
Forschung zu sogenannten Possible Selves zeigt, dass wir nicht die eine Zukunft haben, sondern mehrere mögliche Versionen unserer selbst, die sich im Laufe der Zeit verändern und weiterentwickeln. Eine Vision zu haben bedeutet nicht, aus diesen Possible Selves frühzeitig eines zu wählen und sich darauf festzulegen.
Eine Vision zu haben bedeutet, eine Rahmen zu stecken, der in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich gelebt werden kann, und trotzdem im Big Picture Konsistenz und Richtung erzeugt. Wie du diesen Rahmen ausfüllst wird sich immer in Teilen verändern, weil du neue Erfahrungen machst und sich deine Lebensumstände regelmäßig verändern. Das ist ganz normal.
2. Eine Vision muss spektakulär sein
In unserem Online-Kurs Inner Voice widmen wir eine ganze Woche der Erstellung von Visionen. Im Austausch mit den Teilnehmenden hören wir eine Sorge besonders häufig: „Meine Vision kommt mir zu klein vor“. Auf eine Art ergibt das Sinn. Wenn wir über Visionäre sprechen, dann haben oder hatten sie große Dinge vor: Zum Mond reisen, die Automobilbranche revolutionieren oder Krankheiten ausrotten.
Eine Vision zu entwickeln insinuiert an sich auf eine Art: da muss was Großes her, so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.
Doch darum geht es nicht. Eine Vision gibt deinem Leben eine Richtung und hilft dir, dich immer wieder daran auszurichten. Diese Richtung kann sein: „Ich möchte ein ausgeglichenes Leben führen.“ Bei der Vision geht es nicht darum, andere zu beeindrucken. Es geht darum einen Weg vorzuzeichnen, den du gehen möchtest.
Eine Vision zu formulieren heißt also nicht, ein Upgrade durchzuführen, sondern vielmehr, Bewusstheit in die Lebensgestaltung zu bringen. Und übrigens: je stärker deine Vision grundlegende und unaufgeregte Bedürfnisse wie Autonomie, Verbundenheit und Kompetenzerleben wiederspiegelt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du dich auf sie einlässt.
3. Ein Zeichen dafür, dass die Vision stimmt ist, dass sich der Weg leicht anfühlt
Das große Versprechen des unbeschwerten Lebens. Es wird in der Werbung gemacht, in Filmen, und oft kommt es auch aus der Coaching-Bubble: „Wenn du X machst, wird Y ganz leicht.“
Doch das ist eine Illusion. Das menschliche (Er)Leben braucht Widerstand. Durch ihn lernst du, du wächst und du kreierst Tiefe und Bedeutung in dem, was du tust. Jede Entwicklung, die über deine bisherigen Muster hinausgeht, erzeugt Unsicherheit, Zweifel, manchmal auch Angst. Das ist kein Hinweis darauf, dass etwas falsch ist, sondern darauf, dass du Neuland betrittst.
Das Ziel ist also nicht, den einen Entwurf zu finden, der ein leichtes Leben verspricht. Eine stimmige Version erzeugt auch Schwierigkeiten. Doch nicht nur. Sie liefert dir auch die Antwort darauf, wofür du diese Schwierigkeiten auf dich nimmst. Das verleiht dir das Gefühl der Selbstbestimmtheit und verhindert, dass du dich dem Leben ausgeliefert fühlst, sobald etwas nicht so läuft, wie du es dir gewünscht hast.
4. Eine Vision reicht aus, um ins Handeln zu kommen
Visionen sind erstmal abstrakt. Das bedeutet, aus ihnen geht kein unmittelbarer Handlungsimpuls hervor. Sie können zwar durchaus motivieren, doch die nächsten, konkreten Schritte gehen nicht aus ihr hervor. Das liegt daran, dass zwischen etwas zu wollen und etwas zu tun eine entscheidende Ebene liegt: das eigene Verhalten.
Das bedeutet, eine Vision sollte immer in eine konkrete Struktur für das gelebte Leben übersetzt werden. Erst durch Entscheidungen, Pläne und Routinen wird aus einer Richtung eine handlungswirksame Umsetzungsstruktur.
Damit das daraus hervorgehende Verhalten tatsächlich umgesetzt wird (wir erinnern uns, das Aufbrechen alter Strukturen kann auch Widerstände erzeugen), sollte die Vision aus einer intrinsischen Motivation heraus entstanden sein und sich nicht an äußeren Erwartungen oder imperativen Rollenbildern orientieren.
5. Eine Vision ist ausschließlich positiv
Visionen werden oft als attraktive Zukunftsbilder verstanden. Etwas, worauf man sich freut. Was dabei häufig ausgeblendet wird, ist die andere Seite. Denn jede Vision beinhaltet auch einen Verzicht.
Eine Entscheidung für eine Richtung ist immer auch eine Entscheidung gegen andere Möglichkeiten. Wenn du dir vornimmst, deine Gesundheit durch Ernährung und Bewegung positiv beeinflussen zu wollen, bedeutet das, Gelüsten weniger nachgehen zu können. Oder wenn du dich entschieden hast, deine Energie auf den nächsten Karriereschritt zu legen, kann das damit einhergehen, dass in deiner Familie deine Energie vorübergehend fehlt.
Visionen sind nicht nur positiv. Aber sie helfen uns, langfristige Ziele über kurzfristige Impulse zu stellen. Und sie lösen Dilemmata für den Moment auf, weil sie dazu führen, dass wir uns nach sorgfältigem Abwegen für eine Sache entschieden haben, die Kosten vielleicht in Kauf nimmt, sie aber in den nächsten Schritten integrierbar machen. Diese Entscheidung klärt und macht sowohl kognitive als auch emotionale Ressourcen frei.
21.05.2026


