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Eine Frage des Mutes: Krise als Chance für Karriere-Entscheidungen nutzen

Eine Frage des Mutes: Krise als Chance für Karriere-Entscheidungen nutzen

Ragnhild Struss

Seit einigen Wochen ist unser aller Leben auf den Kopf gestellt. Nichts scheint mehr so zu sein, wie es einmal war. Und genau darin liegt – so paradox es erscheinen mag – auch eine positive Möglichkeit: die der bewussten Neuorientierung. Organisationspsychologin Ragnhild Struss eröffnet Blickwinkel, mit denen Sie diese Zeit optimistischer betrachten – und sie sogar für die eigene Karriereentwicklung nutzen können.

„Schwierige Zeiten lassen uns Entschlossenheit und innere Stärke entwickeln.“ (Dalai Lama)

Krisen und Schwellensituationen – ob im Außen wie die aktuelle Pandemie oder im Innen wie bei intrapsychischen Konflikten – erschüttern das Leben, wie wir es gewohnt sind. Wie in einer Schneekugel wirbeln sie Dinge auf, die schon lange nicht mehr in Bewegung waren, und es werden verborgene Persönlichkeitsanteile und Lebensthemen sichtbar, die vielleicht unter der Schneedecke des Alltagstrotts in Vergessenheit oder aus dem Blickfeld geraten sind. Das kann schmerzen, eröffnet uns aber auch viele Möglichkeiten. Ich möchte Ihnen verschiedene Perspektiven vorstellen, wie Sie Krisen als Chance betrachten können.

Warum man in Krisen gute Entscheidungen treffen kann

Ausnahmesituationen machen die Besinnung auf das Wesentliche nötig: Um uns psychisch über Wasser zu halten und weniger Energie durch das Aufregen über Kleinigkeiten zu verschwenden, sortieren wir unsere Prioritäten neu, kehren zu unseren Werten zurück, lernen wieder, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen sowie auszudrücken und das Leben, was wir vor der Krise hatten, zu schätzen. Denn eigentlich – so wird es jetzt mehr als deutlich – geht es uns im weltweiten Vergleich doch unfassbar gut. Und das macht den Blick paradoxerweise klarer für das, was wir wirklich wollen: Wir lassen uns in den Entscheidungen, die wir jetzt treffen, weniger von Nichtigkeiten ablenken, werden in Anbetracht dessen, was das Leben bedroht, selbstbewusster und kompromissloser in unseren Wünschen. Das steigert die Qualität unserer Entscheidungen enorm! Wenn es uns gelingt, unsere Gefühle von Angst, Unsicherheit und Besorgnis zu regulieren und wir uns nicht von Negativem überschwemmen lassen, könnte eine Krise also eine Zeit sein, in der wir besonders authentisch entscheiden können.

Das Gefühl von Kontrolle zurückgewinnen

Dinge kontrollieren zu können, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Die Vorhersagbarkeit der Zukunft spendet Kraft in der Gegenwart. Die derzeitige Situation nimmt uns das: Es herrscht allgemeine Orientierungslosigkeit und die Zukunft ist so unsicher, dass wir in Bezug auf das Außen wenig bis nichts kontrollieren können. So sind wir darauf zurückgeworfen, die ersehnte Sicherheit über innere – nämlich psychische – Stabilität zurückzugewinnen. Und das gelingt durch eine persönlichkeitskongruente Lebensgestaltung. Für unser eigenes (Berufs-)Leben Pläne zu schmieden und Entscheidungen zu fällen, gibt uns das Kontrollgefühl zurück. 

Was wir ebenso durch unsere Gedanken steuern können, sind unsere Gefühle. Wir müssen uns also fragen, welche Gedanken wir inhaltlich fassen müssten, um bestimmte Emotionen zu empfinden. Gelingt uns dies, ist das ein hervorragender Krisenschutz! Achten Sie auf positive, zuversichtliche Gedanken, die sich auch in Glaubenssätzen spiegeln sollten, welche auf Optimismus und Möglichkeiten statt auf Worst-Case-Szenarien abzielen. Zum Beispiel „Die Krise bietet eine Chance auf Wachstum für die Menschheit“. Mit diesem Mindset sollten wir – statt in der jetzigen Zeit vor Karriereentscheidungen davonzulaufen – Eigenverantwortung übernehmen, indem wir alle Gedanken zu unserer beruflichen (und wenn gewünscht privaten) Situation und Zukunft aufschreiben (dazu finden Sie am Ende dieses Artikels eine Anleitung). 

Relativierung von Alltagsproblemen und Hinterfragen des eigenen Lebens

Globales Leid mitzuerleben, rückt das eigene Leben in ein anderes Licht: Es lässt uns spüren, welche Werte uns wichtig sind. Und es verdeutlicht uns vielleicht auch, wie viele Möglichkeiten der Wahl und Gestaltung viele von uns in Deutschland haben. Sich darüber bewusst zu werden, führt zu einem Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit stellt eine gute Brücke dar, um positive Emotionen bewusst empfinden zu können. Vor diesem Hintergrund lädt uns die Krise dazu ein, unser eigenes Leben zu hinterfragen und die wirklich großen Fragen zu stellen: Wer bin ich, wer will ich sein, welches Leben will ich führen? Es gilt, im Angesicht einer alle bedrohenden Gefahr das bisherige Leben mit allem Positiven wie Negativen anzunehmen und im Bewusstsein seiner Fragilität tief in sich hineinzuhören, was man noch erreichen und wie man leben möchte. 

In unsicheren Zeiten paradoxerweise mehr Mut

Wenn sowieso schon alles unsicher ist, kann eine Krise auch dazu führen, dass wir mehr Mut für radikale Entscheidungen aufbringen und endlich die Kraft mobilisieren, grundsätzliche Veränderungen vorzunehmen. Das liegt unter anderem an einer verminderten Ausrichtung an „sozialer Erwünschtheit“: In einer Situation, in der fast alle Menschen in ihren wichtigen Lebensbereichen erschüttert werden und sich neu aufstellen müssen, haben wir weniger Angst vor der Frage „Was würden die anderen denken?“. Auf unserer persönlichen „Heldenreise“ können wir so einen gewaltigen Entwicklungssprung machen, ohne dass dieser von anderen total in Zweifel gezogen und kritisiert wird.

Mehr Mitgefühl und mehr Zeit zum Reflektieren

Das Leid anderer bringt Mitgefühl in uns hervor, was weicher macht und unsere „Generativität“ steigert: laut dem Psychologen Erik Erikson die „Liebe in Bezug auf künftige Generationen“, welche sich in Solidarität und gegenseitiger Unterstützung niederschlägt. Doch nicht nur der Umgang mit den Menschen in unserem Umfeld wird einfühlsamer, sondern auch die Beziehung zu uns selbst. Unser Inneres wird dazu mobilisiert, sich selbst ernst zu nehmen und seine Bedürfnisse zu erfüllen: Gerade aufkeimende negative Emotionen eröffnen uns den Zugang zu all unseren Gefühlen, auch in Bezug auf unsere derzeitige berufliche und private Situation. Vielleicht werden lang ignorierte Sehnsüchte deutlich. 

Was auch stark auffällt, ist eine allgemeine „Verlangsamung“ unseres Lebens: Die soziale Distanzierung wirft uns auf uns selbst zurück und führt uns zu mehr Introspektion und zum inneren Dialog. Während wir im Alltag oft beschäftigt sind und uns in zig Ablenkungen verlieren (wollen), tauchen Themen alleine durch einen Zugewinn an Raum und Zeit aus unserem Unbewussten ins Bewusstsein auf. Verdrängtes bahnt sich seinen Weg, Sehnsüchte werden wieder spürbar und lange akzeptierte Unzufriedenheit lädt zum Hinterfragen ein, ob es nicht an der Zeit wäre, endlich etwas zu ändern.

Krisen zwingen zu Weiterentwicklung

Viele Menschen sagen im Nachhinein, dass Krisensituationen zwar während des Erlebens furchtbar waren, aber daraus auch die besten Entwicklungen ihres Lebens entstanden sind. Sehen wir also die jetzige Zeit als Chance, die uns quasi dazu „zwingt“ uns weiterzuentwickeln. Ebenso, wie es während und nach der Pandemie für die gesamte Menschheit anders weitergeht als bisher, können wir diese Zeit für einen bewussten Rückblick nutzen, unseren Lebensweg betrachten und uns fragen, ob die Vergangenheit und Gegenwart auch die Zukunft sein sollen. Vielleicht fällt uns bei unserer Selbstreflektion auf, dass wir uns in den letzten Jahren verändert haben, gewachsen sind – und entsprechend unsere Job- und Lebensumstände an unser jetziges Ich anpassen sollten.

So reflektieren Sie Ihren Job (und Ihr Leben) systematisch

Beantworten Sie die folgenden Fragen schriftlich:

  • Bin ich allgemein mit meinem Leben zufrieden? 
  • Wie sieht es mit einzelnen Lebensbereichen aus: Wie erfüllt fühle ich mich in Arbeit, Beziehung, Familie, Freundschaften, Gesundheit, Spiritualität etc.?
  • Was gefällt mir an meinem aktuellen Job? Was stört mich?
  • Was sind meine (beruflichen) Werte? Wonach richte ich mein Handeln aus?
  • Kann ich in meinem jetzigen Job diese Werte leben?
  • Bin ich ausgelastet, also weder unter- noch überfordert?
  • Kann ich meine Talente und Fähigkeiten in meinem Job einbringen? Oder muss ich vor allem Dinge erledigen, die mir nicht so gut liegen?
  • Kann ich auch bei der Arbeit weitestgehend authentisch sein? Oder muss ich mich stark verbiegen und verstellen?
  • Was motiviert mich dazu, Leistung zu bringen?
  • Kommen diese Motivatoren in meinem jetzigen Job zum Einsatz, sodass ich mich gerne an die Arbeit mache?
  • Kann ich hinter meiner Arbeit stehen? Finde ich sie interessant und ethisch vertretbar, falls mir das wichtig ist?
  • Was würde ich tun, wenn weder Angst noch Geld eine Rolle spielen würden? Welche Erkenntnisse kann ich daraus für eine mögliche realistische Zukunftsgestaltung ableiten?

Wenn Sie Ihre Antworten auf diese Fragen in Ruhe auf sich wirken lassen, können Ihre Karriereentscheidungen in drei verschiedene Richtungen laufen:

  • Ihr Job ist der richtige, Sie müssen nur in anderen Lebensbereichen oder in Ihren Routinen etwas ändern, zum Beispiel eine Paartherapie in Erwägung ziehen, ein neues Hobby beginnen oder Ihre sozialen Kontakte anders organisieren.
  • Ihr Unternehmen bzw. Ihr Job ist prinzipiell richtig, aber inhaltlich wollen oder müssen Sie ein paar Veränderungen vornehmen, um die Anforderungen und Projekte Ihrem derzeitigen Ich anzupassen, zum Beispiel ein Wechsel in Teilzeitarbeit, neue Aufgaben innerhalb des Unternehmens oder sich beim Arbeiten besser organisieren.
  • Ihr Job ist nicht (mehr) der passende für Sie. Sie sollten ihn wechseln und vielleicht sogar eine komplette Neuorientierung in Ihrer Karriere vornehmen. Das kann Umschulungen und viel Arbeit bedeuten, lohnt sich jedoch immer! 

Der richtige Zeitpunkt zu handeln wird kommen

Während jetzt, inmitten der Krise, aufgrund aller genannten Umstände eine ideale Zeit ist, um mutige Karriereentscheidungen zu treffen, kann und muss das entsprechende Handeln natürlich nicht sofort erfolgen. Die Wirtschaft leidet gerade und der Markt befindet sich in einem Stadium der Ungewissheit, sodass Pläne ganz großer Veränderungen nicht in den nächsten Wochen umgesetzt werden sollten. Es hilft trotzdem und motiviert Sie enorm, Ihre Karriereentscheidungen jetzt zu fällen, damit Sie sich in der nächsten Zeit darauf vorbereiten können. Nur weil deren Umsetzung „jetzt nicht möglich“ ist, macht das die Entscheidung nicht schlecht oder wertlos. Eine Vision Ihrer beruflichen Zukunft, auf die Sie sich freuen können, wird Ihnen einen Schub an Motivation verleihen – vielleicht ja auch für den aktuellen Job.