#Karriere

Boreout-Syndrom: Was Sie gegen den Unterforderungs-Stress tun können

Boreout-Syndrom: Was Sie gegen den Unterforderungs-Stress tun können

Ragnhild Struss

Dauergestresst, überarbeitet, ausgebrannt – jeder zweite Deutsche fühlt sich von Burnout, einer Folge von chronischem Stress aufgrund von Überlastung, bedroht. Ein ebenso großes Problem stellt jedoch das genaue Gegenteil dar: der Boreout. Der kann gerade nach etlichen coronabedingten Homeoffice-Tagen oder zig Videocalls, bei denen man eigentlich nur Zuhörer ist, eintreten. Wann die Langeweile bei der Arbeit zum permanenten Stressfaktor wird und wie Sie dem entgehen können, verrät Ragnhild Struss.

Der Begriff „Boreout“, zu Deutsch etwa „Ausgelangweiltsein“, wurde erstmals 2007 von den Schweizer Autoren Peter Werder und Philippe Rothlin definiert und im Rahmen ihres Buches „Diagnose Boreout“ beschrieben. Während Burnout aufgrund eines zu hohen Arbeitspensums entsteht, bildet das Boreout-Syndrom das Pendant am anderen Ende der Skala ab: Stress durch zu wenige oder zu wenig fordernde Aufgaben. Die Autoren sehen im Kern vor allem drei Ausdrucksformen des Boreouts, welche separat oder gleichzeitig auftreten können: Langeweile, Unterforderung und Desinteresse. Betroffene wissen nicht, womit sie ihre Arbeitszeit verbringen sollen, haben das Gefühl mehr leisten zu können, als von ihnen gefordert wird, und identifizieren sich kaum (noch) mit ihren Arbeitsinhalten.

Wie Boreout entsteht

Die Wiener Soziologin Elisabeth Prammer beschreibt einen komplexen Mechanismus, wie es zum stresshaften Zustand der lähmenden Langeweile kommt. In unserer Leistungsgesellschaft ist die Arbeit ein wichtiger Einflussfaktor für ein positives Selbstbild: Nur wer jeden Moment seines beruflichen und privaten Lebens sinnvoll nutzt, darf sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft fühlen. Leerlauf, der früher einmal als „Muße“ bekannt war, ist heute nicht mehr salonfähig und führt bei Betroffenen häufig zu einem Gefühl der Leere und persönlichen Sinnlosigkeit. Paradoxerweise wird durch neue technische Möglichkeiten und hohe Leistungsbereitschaft ein Boreout sogar wahrscheinlicher, weil Aufgaben so in wesentlich kürzerer Zeit erledigt werden können und schneller Leerlauf eintritt.

Zentral für die Entstehung des Phänomens sieht Prammer zudem einen sogenannten „Person-Job-Mismatch“, also die mangelnde Passung zwischen den Talenten und Fähigkeiten eines Arbeitnehmers und den Anforderungen einer Stelle. Während eine quantitative Unterforderung, also zu wenige Aufgaben, mitunter leicht zu beheben ist, bildet eine qualitative Fehlübereinstimmung ein grundlegenderes Problem. Dabei beobachtet Prammer nicht nur eine mangelnde Selbstverantwortung der Betroffenen, die sich bei der Berufswahl nicht an den eigenen Stärken und Interessen orientiert haben, sondern vor allem ein strukturelles Problem: Ein immobiler Arbeitsmarkt dränge Menschen aus Angst vor Erwerbslosigkeit in für sie falsche Berufe und eine stereotype Behandlung von Mitarbeitern führe dazu, dass diese häufig interessens- und qualifikationsfremde Tätigkeiten übernehmen müssen. 

Woran Sie Boreout erkennen

Interessanterweise ähneln die Symptome des „Ausgelangweiltseins“ denen eines Burnout-Syndroms: Antriebs- und Schlaflosigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Niedergeschlagenheit bis hin zu Depression, aber auch psychosomatische Beschwerden wie Infektanfälligkeit, Kopf- und Rückenschmerzen, Tinnitus oder Verdauungsprobleme. Ein Boreout kann mit der Zeit tatsächlich auch zum Burnout werden und es stellt sich oft erst bei genauerem Hinsehen heraus, dass eine Unter- statt Überforderung der Auslöser des Problems war. Denn meist entsteht eine Negativspirale: Die andauernde Langeweile senkt die Motivation und schlägt auf die Stimmung, das eigene Arbeitstempo verlangsamt sich. Aus Angst schlecht dazustehen, verschweigen die Betroffenen zudem ihre zu geringe Auslastung. Während einige ihren Arbeitsplatz wechseln, verharren viele in dieser unbefriedigenden Situation und kündigen stattdessen innerlich. Die Ohnmacht darüber, die Langeweile nicht bekämpfen zu können, führt schließlich zu Symptomen einer Erschöpfungsdepression. 

Kommt Ihnen das bekannt vor? Prüfen Sie außerdem, ob eine oder mehrere dieser für Boreout typischen Verhaltensweisen auf Sie zutreffen:

  • Sie erledigen während der Arbeit private Dinge, lenken sich immer wieder durch Surfen im Internet oder den Blick aufs Smartphone ab. 
  • Sie versuchen beschäftigt auszusehen und tun so, als arbeiten Sie. Das geht sogar teilweise so weit, dass Sie noch Überstunden machen – aus schlechtem Gewissen darüber, tagsüber in Wirklichkeit sehr wenig geleistet zu haben, und um stark ausgelastet zu wirken.
  • Sie dehnen Aufgaben, die Sie eigentlich viel schneller erledigen könnten, auf den ganzen Tag aus, um Zeiten des totalen Leerlaufs zu vermeiden.
  • Sie haben kein Interesse an Ihrer Arbeit, sehen keinen tieferen Sinn darin oder haben das Gefühl, Ihr Beitrag sei ohnehin überflüssig. 
  • Sie sind nach der Arbeit erschöpft, obwohl Sie kaum etwas zu tun hatten.

Wer besonders zu Boreout neigt

Nicht jeder ist gleich anfällig dafür, berufliche Langeweile schnell als Stress zu empfinden. Abgesehen von tatsächlich stark unterfordernden Arbeitsbedingungen, die jedem zu schaffen machen würden, gibt es bestimmte Charaktereigenschaften, welche die Entstehung eines Boreouts begünstigen. Diese sind unter anderem:

  • starke Leistungsorientierung und -fähigkeit
  • hohes Arbeitsethos und der Wunsch, zu etwas Sinnvollem beizutragen
  • Wunsch nach Authentizität und Aversion gegen jegliche Form des „Sich-Verbiegens“
  • Ehrgeiz und Neigung zu Überengagement
  • wenig „natürlicher“ Respekt vor Hierarchien (Respekt muss unabhängig von Position, z. B. durch Leistung, erarbeitet werden)
  • Pioniergeist: Mut Kritik zu äußern und eigene Lösungen zu entwerfen

Was gegen Boreout hilft

Es liegt nicht nur in der Verantwortung von Unternehmen, ihren Mitarbeitern das richtige Maß an interessanten und zu ihren Qualifikationen passenden Aufgaben zu bieten. Zwar sollten Arbeitgeber bereits in der Stellenausschreibung die Inhalte einer Stelle wahrheitsgemäß wiedergeben und bei der Besetzung darauf achten, ob das Profil des Bewerbers zu den Aufgaben passt. Ganz im Sinne der „New Work“ ist aber auch Eigeninitiative vom Arbeitnehmer gefragt: Sie selbst können am besten einschätzen, wie viel Sie leisten können und möchten, und sollten das entweder mit Ihrem Vorgesetzten besprechen oder proaktiv Aufgaben vorschlagen, die Sie noch übernehmen könnten. Das Unternehmen hat vielleicht an der ein oder anderen Stelle noch Bedarf, die nicht in der ursprünglichen Rollenbeschreibung auftauchte – wenn Sie solche Lücken entdecken und ausfüllen, können Sie sich unentbehrlich machen. Mitunter ist die Arbeit in einem Team auch ungleich verteilt: Während der eine sich langweilt, kommt der andere vor lauter To-dos nicht hinterher. Hier kann eine Umverteilung Wunder wirken. Und schließlich sorgen auch flexiblere Arbeitszeitenmodelle dafür, dass Mitarbeiter nicht aus bloßer Präsenzpflicht „Zeit absitzen“ müssen, sondern eher projektbezogen ihre Leistung in der für sie angenehmen Geschwindigkeit erbringen können.

Ganz wichtig: Warten Sie nicht einfach nur ab! Statt aus Angst „faul“ zu wirken das Problem totzuschweigen, fassen Sie den Mut, die Situation bei Ihrem Vorgesetzten anzusprechen. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie eigentlich noch freie Kapazitäten für mehr bzw. andere Aufgaben hätten und dass Sie auch motiviert sind, diese zu nutzen. Und machen Sie ruhig eigene Vorschläge, wo Sie sich künftig zusätzlich einbringen könnten. Gerade in Zeiten von Corona steht Eigeninitiative hoch im Kurs. Sie machen damit auf sich aufmerksam und zeigen, dass Sie einen wertvollen Beitrag zum Fortbestand des Unternehmens leisten. Langfristig profitieren beide Seiten, Chef und Angestellter, davon, wenn Mitarbeiter sich mutig an neue Herausforderungen wagen und daran wachsen – fachlich und persönlich. Nur wenn Sie gar keine Lösung an Ihrem aktuellen Arbeitsplatz finden, überlegen Sie, welche Aufgaben wirklich zu Ihren Fähigkeiten und Interessen passen würden und bewerben Sie sich auf entsprechende Stellen. Jeder verfügt über wertvolle Talente, die an der richtigen Stelle sinnvoll eingebracht werden können – so fühlen Sie sich nicht nur selbst erfüllter, sondern leisten tatsächlich auch einen spürbaren Beitrag.