#Persönlichkeitsentwicklung

Be patient! Wie Geduld Ihr Leben besser macht

Be patient! Wie Geduld Ihr Leben besser macht

Ragnhild Struss

In einer Zeit, in der alles schnell gehen muss, wird Geduld zum Schlüssel für langfristigen Erfolg, Lebenszufriedenheit und weniger Stress. Ragnhild Struss erläutert, welche Vorteile geduldige Menschen genießen und wie Sie Ihre Fähigkeit zu warten trainieren können. 

Im Alltag finden wir uns andauernd in Situationen wieder, die uns Geduld abverlangen. Der verspätete Bus am Morgen, die lange Wartezeit beim Arzt, das vermeintlich nicht aufbaubare Ikea-Regal oder die stagnierende Supermarktschlange treiben uns an unsere Toleranzgrenze. Doch geduldiges Verhalten ist noch viel mehr in größeren Lebensbereichen gefragt, in denen es darum geht, auf ein langfristiges Ziel hinzuarbeiten, dessen Erreichen in weiter Ferne liegt: die lang ersehnte Beförderung, die Abgabe der Doktorarbeit oder der avisierte Hausbau. Wie wichtig ist es überhaupt, Geduld zu beweisen? Und ist das ein angeborener Charakterzug, oder können wir die Fähigkeit zum ruhigen Abwarten trainieren?

Von der Tugend zum immer seltener werdenden Gut

Bei Geduld handelt es sich laut Definition um „die Fähigkeit zu warten oder etwas zu ertragen“. Als besonders geduldig bezeichnen wir Menschen, die dabei auch noch gute Laune behalten. So gelingt es dem Geduldigen, eine Weile auf die Erfüllung seiner Wünsche und Sehnsüchte zu verzichten – insofern ist damit auch die Fähigkeit zur Hoffnung und zum positiven Visualisieren der Zukunft verknüpft. Darüber hinaus werden Menschen als geduldig bezeichnet, die Probleme, Anstrengung und Schmerz mit einer gewissen Gelassenheit hinnehmen. Schließlich kann sich Geduld in diversen weiteren Formen zeigen, etwa als Toleranz, als Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen, als Friedfertigkeit oder als Sanftmut und Nachsicht. In den Weltreligionen zählt Geduld zu den Tugenden, beispielsweise im Christentum und im Islam, wo sie explizit in den heiligen Schriften erwähnt wird. 

Doch es scheint, als stünde Geduld heute nicht mehr sehr hoch im Kurs: Es sollen am besten überall schnelle Ergebnisse erzielt werden – ob im Job, beim Lernen eines neuen Skills oder beim Abnehmen – und wer zu langsam ist, läuft Gefahr, gute Gelegenheiten oder vergnügliche Optionen zu verpassen. FOMO („fear of missing out“) lässt grüßen! Gleichzeitig haben viele von uns verlernt, dass „gut Ding Weile haben will“ und dass wir manchmal in der Gegenwart auf etwas verzichten bzw. etwas Unangenehmes in Kauf nehmen müssen, um in der Zukunft ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Letzteres betrifft die Fähigkeit zur „delayed gratification“, also zum Aufschub von Belohnungen, die das Gegenteil zum Bedürfnis der „instant gratification“, der sofortigen Belohnung, darstellt. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir nicht alles sofort nach unseren Wünschen beeinflussen können, sondern in einigen Fällen Geduld brauchen. 

Warum geduldige Menschen im Vorteil sind

Das wohl berühmteste Experiment zum Thema Belohnungsaufschub (und somit auch Geduld und Selbstdisziplin) ist die sogenannte Marshmallow-Studie von Walter Mischel. Vierjährige Kinder wurden in einem Raum mit einer Schaumsüßigkeit alleine gelassen – mit der Anweisung: „Wenn du ein paar Minuten wartest und diesen Marshmallow nicht isst, bekommst du noch einen zweiten.“ Die Ergebnisse der Längsschnittstudie zeigten, dass diejenigen Versuchspersonen, welche als Kinder der Versuchung widerstanden und auf ihre noch größere Belohnung gewartet hatten, als Erwachsene mehr Erfolg in Ausbildung und Beruf vorweisen konnten. Während das (eher passive) Ausharren und Abwarten mit Geduld verknüpft ist, bedeutet Disziplin, sich (aktiv) gegen eine Versuchung wehren zu können. Nach Viktor Frankl geht es bei beidem darum, zwischen Reiz und Reaktion mehr Raum zu lassen. Geduldige Menschen haben nämlich auch mehr Möglichkeit, ihre Reaktionen wohl überlegt zu planen. Sie müssen nicht überhastet und impulsiv handeln, sondern entscheiden weiser. Das macht ruhiger.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ (Viktor Frankl)

Tatsächlich benötigen wir im Leben immer wieder die Fähigkeit geduldig abzuwarten und Disziplin zu beweisen: zum Beispiel wenn wir neben Geld viel Zeit und Mühe in ein Studium investieren, um später bessere Jobchancen zu haben. Auch beim Sparen und Vorsorgen fürs Rentenalter müssen wir im Jetzt Abstriche machen, um in Zukunft gewisse Vorteile zu genießen. Ein langer Atem beim Vermehren von Geld, statt es für sofort verfügbare Belohnungen auszugeben, macht sich erst sehr viel später bezahlt. So zeigen Studien, dass geduldige Menschen einen höheren Bildungsgrad erreichen, finanziell besser aufgestellt und gesünder sind.

Doch geduldige Menschen profitieren nicht nur auf lange Sicht von ihrer Herangehensweise, sondern auch sofort im Alltag: Wer mit Gelassenheit auf die täglichen Probleme und Herausforderungen reagiert, hat ein wesentlich niedrigeres Stresslevel. Das führt zu besserer Gesundheit und mehr Lebenszufriedenheit. Statt sich andauernd an Situationen aufzureiben, die wir aktuell nicht ändern können, sollten wir lieber tief durchatmen und in Ruhe überlegen, welche Optionen uns zur Verfügung stehen: Wie können wir das Beste daraus machen – ist es möglich, langfristig etwas zum Positiven zu verändern, oder sollten wir einfach unsere Einstellung zu etwas anpassen? Und schließlich verbessert Geduld mit uns selbst und mit anderen auch unsere sozialen Beziehungen, denn niemand wird gerne gedrängelt oder gehetzt, fühlt sich beides doch immer wie eine Geringschätzung an. Respekt für das Tempo seines Gegenübers zu entwickeln, zeigt Interesse und Wertschätzung. Beides hängt übrigens zusammen, denn wer sich selbst gegenüber nachsichtig und ausdauernd ist, dem gelingt dies auch eher gegenüber anderen Menschen.

Der Geduldsforscher Martin Sutter betrachtet Geduld als eine Mischung aus Ausdauer, Frustrationstoleranz und Selbstkontrolle. In seinem Buch „Die Entdeckung der Geduld: Ausdauer schlägt Talent“ zeigt er anhand diverser Forschungsergebnisse, was wir mit Beharrlichkeit im Leben erreichen können. Eine seiner Erkenntnisse ist übrigens, dass dankbare Menschen zu mehr Geduld imstande sind (zu den Vorteilen von Dankbarkeit siehe auch diesen Artikel). Das Gegenteil von Geduld sind laut der Psychologin Jane Bolton übrigens Wut, Empörung und Schuldzuweisung – und somit wiederum eigene Reaktionen, die wir selbst steuern oder zumindest regulieren können. Denn es ist an uns zu entscheiden, ob wir unangenehme Situationen als „absolut schrecklich“ oder als tolerierbar bewerten. Wenn wir uns nicht mehr einreden, andere seien schuld an unserer Lage und das Warten sei unerträglich, können wir eine viel entspanntere Haltung einnehmen.

Geduld ist ein Baum mit bitteren Wurzeln, der süße Früchte trägt. (persisches Sprichwort)

Übungen für mehr Geduld in verschiedenen Lebensbereichen

Zwar wird die Grundlage für die Fähigkeit zur Geduld bereits in der Kindheit gelegt – wir lernen von unseren Eltern, ob wir auch längerfristig auf Ziele hinarbeiten oder eher den Weg der sofortigen Belohnungen einschlagen. Aber bis zu einem gewissen Grad lässt sich Geduld trainieren. Die folgenden Übungen geben Impulse, wie Sie in unterschiedlichen Situationen mit mehr Gelassenheit und Ausdauer agieren können. 

  • Belohnungsaufschub durch Konsumpause lernen
    Gibt es Dinge, die Sie am liebsten immer sofort haben wollen und bei denen es Ihnen sehr schwer fällt (eine Weile) zu verzichten? Ob es sich um Shopping, Süßigkeiten oder Netflix-Serien dreht: Sie können Ihre Fähigkeit zur „delayed gratification“ trainieren, indem sie bewusst eine Weile darauf verzichten. Besonders wirkungsvoll, aber möglicherweise auch besonders herausfordernd ist der Konsumverzicht für einen vorher bestimmten längeren Zeitraum: ein Monat, ein halbes oder gleich ein ganzes Jahr lang. Schaffen Sie es über eine solche Zeitspanne hinweg, Ihrem Konsumbedürfnis nicht nachzugehen, wird in der Regel auch Ihr Verlangen danach rapide sinken – und Sie können nach der Pause einen geregelteren Umgang damit finden. Wem das zu hart ist, der kann auch nach und nach Phasen des Konsumverzichts steigern: Vielleicht beginnen Sie damit, nur noch jeden zweiten Tag Süßigkeiten zu essen, oder Sie machen mit sich selbst aus, erst am kommenden Wochenende Ihre Lieblingsserie weiterzugucken. Indem Sie die an sich selbst gestellten „Challenges“ kontinuierlich erhöhen, wächst auch Ihre Fähigkeit zu warten. Wer eine extra Portion Motivation braucht, kann sich natürlich – ähnlich wie im Marshmallow-Experiment – bei Durchhalten doppelt belohnen und sich zum Beispiel etwas ganz Besonderes gönnen.
     
  • Gelassenheit in alltäglichen Situationen steigern
    Etwas hat mit Ihrer Restaurantreservierung nicht geklappt, und Sie flippen sofort aus? Oder im Laden war ein bestimmtes Produkt nicht vorrätig, und nun haben Sie schlechte Laune, weil Sie das Wochenende ohne verbringen müssen? Wenn es Ihnen öfter passiert, dass Sie in anders als geplant laufenden Situationen gleich sehr starken Missmut verspüren, sollten Sie dringend an Ihrer Frustrationstoleranz arbeiten! Eine Strategie besteht darin, einen Realitätscheck zu vollziehen und die Dinge in Relation zu setzen: Wie schlimm ist die schiefgelaufene Tatsache wirklich? Lohnt es sich, sich derart darüber aufzuregen – oder handelt es sich gemessen an Ihren relevanten Lebensaspekten eher um eine Nichtigkeit? Was Sie außerdem bei solchen Gelegenheiten trainieren können, sind flexibles Reagieren und kreatives Finden von Lösungen: Der Restaurantbesuch fällt zwar flach, aber welche Alternativen gibt es in diesem Moment – woanders essen gehen oder schnell etwas zuhause kochen? Ihr Wochenende wird nicht wie geplant verlaufen – was könnten Sie stattdessen unternehmen? Wer immer wieder die Erfahrung macht, dass mit Improvisation und Ideenreichtum auch unvorhergesehen Ereignisse positiv uminterpretiert werden können, hat keinen Grund mehr für Frustration. Schließlich kann Ihnen eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis wie Meditation ebenfalls zu mehr Gelassenheit verhelfen. 
     
  • Aktiv den Fokus auf Langzeitziele und Alternativen richten 
    Diese Technik eignet sich sowohl gegen Ungeduld in alltäglichen Wartesituationen – wie bei Verspätungen am Flughafen – als auch bei Projekten, die viel Ausdauer erfordern. Schon Walter Mischel hatte in seiner Marshmallow-Studie herausgefunden, dass die erfolgreich der Versuchung widerstehenden Kinder alle den gleichen Trick anwandten: Sie lenkten sich ab, statt die ganze Zeit auf die vor ihnen liegende Süßigkeit zu starren! Nutzen Sie diese Erkenntnis in Situationen der Ungeduld für sich, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit einfach auf etwas anderes richten: Beantworten Sie im Wartezimmer der Arztpraxis auf Ihrem Smartphone E-Mails, lesen Sie am Terminal ein Buch oder planen Sie während eines Staus im Kopf Ihre kommenden To-dos. Ebenso verfahren Sie, wenn Sie bei langfristigen Projekten die Motivation verlässt: Heute wäre eigentlich Ihr Lauftraining, aber die Verlockung der gemütlichen Couch ist groß? Dann stellen Sie mental die kurzfristige Belohnung der sofortigen Entspannung dem vorgestellten großartigen Gefühl gegenüber, welches Sie mit regelmäßigem Sport erreichen wollen (Stressabbau, besserer Schlaf, sich gesund fühlen, nicht mehr außer Atem geraten etc.). Erinnern Sie sich daran, dass Sie wählen können – und Ihre Entscheidung bewusst zugunsten der „späteren“ Belohnung treffen können. 

Und hier noch ein paar kompakte Tipps für mehr Geduld im Alltag:

  • Mit Milestones arbeiten: Unterteilen Sie langwierige Projekte in mehrere Zwischenschritte, denn viele kleine Erfolge erleichtern es Ihnen, geduldig auf das Endziel hinzuarbeiten.
     
  • Im Hier und Jetzt leben: Ungeduld entsteht häufig dadurch, dass wir den Ist- mit unserem angestrebten Ideal-Zustand vergleichen – und in Folge häufig ein Gefühl des Mangels oder Ärgers empfinden, weil wir letzteren noch nicht erreicht haben. Üben Sie sich darin, mit Ihren Gedanken weniger in der Zukunft zu verharren.
     
  • Warten nicht persönlich nehmen: Manchmal haben wir im Stau oder in der Supermarktschlange das Gefühl, uns würde böse mitgespielt werden. Dabei haben diese Situationen absolut nichts mit Ihnen zu tun – nehmen Sie sie also weniger persönlich, das sorgt bereits für mehr Gelassenheit.
     
  • Körperlichen Stresslevel senken: Häufig entsteht Ungeduld auch im Zusammenhang mit Stresshormonen, Anspannung und zu hoher Erregung auf körperlicher Ebene. Mit progressiver Muskelrelaxation, autogenem Training oder Sport entspannen Sie sich physisch, fühlen sich gelassener und können leichter Geduld aufbringen.

Fazit

Geduldige Menschen sind nicht nur langfristig erfolgreicher, sondern auch glücklicher. Neben den genannten Übungen kann eine grundlegende Einstellung der Dankbarkeit und der Wertschätzung des bereits Vorhandenen dafür sorgen, dass Sie nicht immer alles sofort haben müssen. Machen Sie sich immer mal wieder klar, was Sie bereits alles erreicht haben, besitzen und genießen duften – das relativiert den Schmerz über nicht unverzüglich erfüllte Wünsche ungemein.