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"Soll ich kündigen? Und wird im neuen Job alles besser?"

Eine Tür vor einer weißen Wand mit einem "Exit"-Schild darüber

"Soll ich kündigen? Und wird im neuen Job alles besser?"

Ragnhild Struss

Viele unserer Kunden schildern ein ähnliches Dilemma: Sie sind in ihrem aktuellen Job unzufrieden und spielen schon lange mit dem Gedanken zu kündigen. Doch Ungewissheit über die neue Zukunft und Angst, den Schritt zu bereuen, ließ sie eine finale Entscheidung bislang aufschieben. „Was, wenn sich trotz Wechsel nichts ändert? Woher weiß ich, dass es im neuen Job wirklich besser wird?“

So verlockend und erleichternd es auch scheint, einfach alles hinter sich zu lassen: Ein Jobwechsel bringt auch viele Unsicherheiten, Veränderungen und Herausforderungen mit sich. In professionellen Stresssituationen oder Lebensphasen allgemeiner Überforderung sehen wir nicht selten komplett schwarz, obwohl wir nur an einigen kleinen Stellschrauben drehen müssten, um uns aus der gedanklichen Negativspirale zu befreien. Bevor Sie Ihrem Chef die Kündigung auf den Tisch legen, sollten Sie daher sicherstellen, eigenverantwortlich alle Möglichkeiten ausgelotet und das Beste aus Ihrem aktuellen Job herausgeholt zu haben. Ich rate Ihnen daher, sich im ersten Schritt Zettel und Stift zur Hand zu nehmen und die folgenden Fragen schriftlich zu beantworten:

  • Hat mein Job mir früher Spaß gemacht? Wenn ja: Was hat mir daran besonders gut gefallen? Welche Aufgaben haben mir Freude bereitet? Was hat sich an diesen Dingen verändert? Könnte ich die Verantwortung für ähnliche Aufgaben heute wieder wahrnehmen? Was müsste ich dafür tun?
  • Kann ich mich mit den Werten und Inhalten des Unternehmens identifizieren? Wie kann ich meine eigenen Werte noch mehr in meinen beruflichen Alltag einfließen lassen?
  • Habe ich die Möglichkeit, meine Potenziale, Stärken und Fähigkeiten einzubringen? Welche meiner Talente würde ich gern mehr einsetzen? Wie kann ich das tun?
  • Gefällt mir das Arbeitsumfeld und das Klima unter den Mitarbeitern? Welchen Beitrag kann ich aktiv für ein gutes Klima leisten? Mit welchen Menschen würde ich gerne mehr zusammenarbeiten?
  • Last but not least: Welche Erwartungen habe ich an meinen Job? Und inwieweit wird meine aktuelle Tätigkeit diesen gerecht?

Wenn Ihre Antworten auf die meisten dieser Fragen positiv ausfallen und Ihnen Ideen zur Veränderung Ihres Verhaltens oder Ihrer Einstellung kommen, sind viele wichtige Voraussetzungen für ein erfüllendes Berufsleben bereits gegeben. Die Quelle Ihrer Unzufriedenheit liegt vermutlich in einem vergleichsweise kleineren Detail, dem Sie aber eine hohe Bedeutung beimessen. Versuchen Sie, das Problem möglichst genau zu identifizieren. Was löst Ihr inneres Unbehagen aus? Übersteigen die Anforderungen Ihre Bewältigungsressourcen? Oder sind Sie vielleicht unterfordert? Ist es einfach zu viel des immer Gleichen oder brauchen Sie mal wieder Urlaub?

Mit hinreichend konkreten Antworten auf diese Fragen können Sie leicht selbst zur Lösung beitragen. Machen Sie nicht den Fehler, in die „Opferfalle“ zu geraten, indem Sie das Umfeld für Ihr Unwohlsein anklagen und jedwede Veränderungsverantwortung in Vorwürfen gegen sich und andere ersticken. Ist es zum Beispiel ein angespanntes Verhältnis zu einem Kollegen, das Ihnen zu schaffen macht? Hier hilft oft bereits ein offenes, klärendes Gespräch – oder Sie suchen gemeinsam mit Ihrem Vorgesetzten nach einer Lösung, wie Sie Ihre Aufgabenbereiche klar voneinander abgrenzen können. Oder ist es das tägliche Pendeln zu Ihrem Arbeitsplatz, das sich nur schwer mit Ihrem Privatleben vereinbaren lässt? Auch in diesem Fall kann offene Kommunikation Wunder wirken: Sprechen Sie Ihre Problematik offen bei Ihrem Vorgesetzten an. Ein möglicher Kompromiss könnte beispielsweise sein, dass Sie einen oder mehrere Tage pro Woche im Homeoffice arbeiten.

Nehmen Sie auch Ihre Einstellung unter die Lupe: Kaum ein Job wird es leisten können, Sie jeden Tag mit Freude zu erfüllen oder gar privaten Frust zu kompensieren. Auch langweilige und unbequeme Aufgaben und Phasen gehören im Arbeitsleben dazu, wenngleich sie nicht Überhand nehmen sollten. Hier empfiehlt sich eine gesunde Prise Realismus.

Wenn Ihre Notizen hingegen kaum positive Aspekte beinhalten, liegt bei Ihnen anscheinend etwas Größeres im Argen. Im Folgenden finden Sie Hinweise darauf, dass Ihre Unzufriedenheit sich nicht so leicht bewältigen lässt und Sie tatsächlich den Job wechseln sollten:

  • Ihr Job bietet Ihnen keine Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Sie ersticken in Routine: Sie sind ein Mensch, der Vielfalt und Abwechslung schätzt, führen aber monate- oder sogar jahrelang täglich die gleichen Aufgaben aus. Nichts fordert Sie heraus, etwas Neues haben Sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelernt. Für einige Charaktere sind Routinearbeiten genau das Richtige – doch wenn Sie jemand sind, der erst bei Projektarbeit und Herausforderungen aufblüht, kann dieser Zustand langfristig zum „Boreout“ führen: einem Zustand extremer Unterforderung im Job, der mit psychosomatischen Beschwerden, Niedergeschlagenheit und Depression einhergeht.
  • Sie leiden unter enormem Druck: Überstunden stehen bei Ihnen auf der Tagesordnung, Ihre To-do-Liste wächst ins Unermessliche und für Pausen bleibt schon längst keine Zeit mehr? Vor allem für Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst und ihre Leistungen, jene, die allen Anforderungen gerecht werden wollen, besteht unter diesen Arbeitsumständen die Gefahr des Ausbrennens. Wenn Sie bereits Symptome wie dauerhafte Erschöpfung, Passivität oder ein nagendes Gefühl von Misserfolg bei sich wahrnehmen, ist es Zeit, die Notbremse zu ziehen.
  • Das schlechte Betriebsklima macht Ihnen zu schaffen: Die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen kann sich immens auf die Zufriedenheit am Arbeitsplatz auswirken – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Fiese Kollegen oder ein cholerischer Chef können schnell zur psychischen Belastung werden und das Selbstbewusstsein nachhaltig beeinträchtigen. Geht das Problem in Ihrem Fall nur von einer oder wenigen Personen aus, können Sie es gegebenenfalls lösen – zum Beispiel, indem Sie das persönliche Gespräch mit einem Vorgesetzten oder Hilfe beim Betriebsrat suchen. Ist die Situation hingegen bereits festgefahren oder basiert das Problem auf der gesamten Unternehmenskultur, ist es empfehlenswert, sich zeitnah nach einem anderen Job umzusehen.
  • Sie sehen keinen Sinn in Ihrem Job: Ständig haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Arbeit eigentlich nur Zeit zu verschwenden: „Ob ich meinen Job erledige oder nicht – macht das überhaupt einen Unterschied?“ Kleine Unsicherheiten über die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns hat wohl jeder einmal erlebt. Wenn Sie jedoch immer wieder mit solchen Zweifeln zu kämpfen haben, passt Ihre Arbeit womöglich einfach nicht zu Ihren Wertvorstellungen. Jeder Mensch hat individuelle Werte, die sein Handeln leiten und die ihm ein Gefühl von Sinnhaftigkeit vermitteln. Wenn Sie zum Beispiel vor allem nach Freiheit und Unabhängigkeit streben, wird ein klassischer 9-to-5-Bürojob Sie langfristig nicht glücklich machen. Reflektieren Sie daher, was Ihnen im (Job-)Leben wirklich wichtig ist – und wagen Sie einen Neustart, falls sich dies nicht mit Ihrer aktuellen Aufgabe vereinbaren lässt.  
  • Sie stecken in einer beruflichen Sackgasse: Ihr Arbeitgeber bietet Ihnen keine Aufstiegschancen, Ihre Bitte um eine Gehaltserhöhung wird seit Jahren gekonnt übergangen und auch im Arbeitsalltag warten Sie vergeblich auf Wertschätzung? Das könnte zum einen daran liegen, dass Sie in Meetings und Feedback-Gesprächen zu bescheiden auftreten und Ihre Leistungen dadurch für andere nicht sichtbar genug sind. Wenn Sie hingegen bereits zahlreiche Gelegenheiten genutzt haben, um sich unter Beweis zu stellen und Ihre Leistungen zu präsentieren, aber dennoch keine entsprechende Anerkennung erhalten haben, sollten Sie sich nach etwas Neuem umschauen.

Mit Fingerspitzengefühl und positivem Fokus zum neuen Job

Sind Sie zu der Erkenntnis gekommen, dass Sie Ihren Job tatsächlich kündigen und neu anfangen möchten? Durch Ihre Überlegungen und die schriftlichen Notizen haben Sie bereits die ersten wichtigen Voraussetzungen dafür geschaffen, um mit dem nächsten Job einen Treffer zu landen. Sie haben identifiziert, was Sie bei Ihrer jetzigen Arbeit unzufrieden gestimmt hat und können nun systematisch darauf achten, bei Ihrem potentiellen neuen Arbeitgeber nach passenden Bedingungen für Sie zu suchen. Um den negativen Fokus hinter sich zu lassen, sollten Sie sich außerdem fragen: Wie müssen die Arbeitsbedingungen sein, damit der Job zu Ihnen passt? Mit dieser Frage formulieren Sie positive Kriterien und entwickeln eine Hin-zu-Motivation, was deutlich inspirierender und nachhaltiger wirkt als eine Von-weg-Motivation à la "Hauptsache, ich kann den Saftladen hinter mir lassen!". Halten Sie Ihre Wünsche an Ihre neue Arbeitsstelle ebenfalls schriftlich fest, am besten in einer Prioritätenliste. 

Dem Wunscharbeitgeber auf den Zahn fühlen

Sich über die eigenen Erwartungen und Wünsche im Klaren zu sein, ist der erste Schritt. Doch wie können Sie sicherstellen, dass der neue Arbeitgeber auch das hält, was er verspricht? In Jobbörsen klingt schließlich jeder Job wie ein Jackpot: Von "persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten" über „ein angenehmes und kollegiales Team mit flachen Hierarchien“ bis hin zu „gratis Obst und flexibler Arbeitszeitgestaltung“ versprechen Stellenanzeigen meist ideale Arbeitsbedingungen – die am Ende leider nicht immer der Realität entsprechen. 

Um Ihrem Wunscharbeitgeber auf den Zahn zu fühlen, rate ich Ihnen, sich neben der Stellenausschreibung auch die Website des Unternehmens genau anzusehen. Dort finden Sie bereits erste Hinweise auf die gelebten Werte und die Kultur. Die meisten Firmen sind zudem in verschiedenen sozialen Netzwerken vertreten: Besuchen Sie also auch die Facebook-, Instagram- und Twitter-Profile, um zu sehen, was und wie dort kommuniziert wird. Hier gibt es oft auch Einblicke „hinter die Kulissen“, durch die Sie einen ersten Eindruck von Ihren potenziellen neuen Kollegen gewinnen können. Hilfreich sind außerdem Portale wie Kununu, Glassdoor oder Xing, auf denen (ehemalige) Mitarbeiter Arbeitgeber bewerten und über wertvolle Insights wie das vorherrschende Betriebsklima berichten. Ziehen Sie auch Ihr eigenes Umfeld zurate: Falls Sie Kollegen oder Freunde haben, die beim Arbeitgeber Ihrer Wahl bereits Erfahrungen gesammelt haben, sind diese noch immer Ihre verlässlichste Quelle.

Unbekanntes Terrain mit allen Sinnen inspizieren

Wenn Sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden, ist das Ihre Chance: Sie haben einen Fuß in der Tür und können sich nun einen persönlichen Eindruck verschaffen. Das sollten Sie voll ausnutzen. Sprechen Sie im Gespräch gezielt alle Punkte an, die Ihnen wichtig sind, und haben Sie keine Scheu nachzuhaken, wie die in der Ausschreibung versprochenen Bedingungen konkret im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Halten Sie außerdem die Augen und Ohren offen, um einen möglichst umfassenden Eindruck von der Stimmung im Team zu gewinnen: Wie werden Sie begrüßt? Wie wirken die anderen Mitarbeiter auf Sie? Welche unterschwelligen Schwingungen nehmen Sie wahr? Verlassen Sie sich dabei auf Ihre Intuition. Sind Sie sich nach dem ersten Eindruck noch nicht ganz sicher, ob Sie in das Team passen würden, können Sie auch um einen Probearbeitstag bitten. Dadurch bekommen Sie einen noch realistischeren Eindruck, wie der tatsächliche Arbeitsalltag aussieht und lernen Ihre zukünftigen Kollegen besser kennen.  

Mein letzter Tipp für Sie: Machen Sie sich nicht verrückt! Schlussendlich können Sie nie zu einhundert Prozent sicher sein, ob "im neuen Job alles besser" wird. Sofern Sie aber wissen, welche Faktoren Ihnen wichtig sind, und Ihren neuen Arbeitgeber hinsichtlich dieser persönlichen Anforderungen auf Herz und Nieren geprüft haben, kann nicht mehr viel schiefgehen. Und sollte Ihre Entscheidung sich doch als Fehltritt erweisen, sind Sie flexibel und können die Suche einfach fortsetzen – schließlich dient die Probezeit sowohl dem Arbeitgeber als auch Ihnen als Arbeitnehmer als Testphase.