#Persönlichkeitsentwicklung

Reflexion zum Jahreswechsel mit dem „Start Stop Continue“-Ansatz

Reflexion zum Jahreswechsel mit dem „Start Stop Continue“-Ansatz

Ragnhild Struss

Das Jahr 2020 hat uns vor große Herausforderungen gestellt und die Pandemie führte mit ihren Unwägbarkeiten bei vielen zu Gefühlen der Ohnmacht und Orientierungslosigkeit. Ragnhild Struss zeigt, wie wir uns ein Stück Selbstbestimmtheit zurückholen und im neuen Jahr so richtig durchstarten.

Kontrolle zu haben, vermittelt ein Gefühl von Sicherheit – das ist fest in den Köpfen und Instinkten der meisten Menschen verankert. Zu wissen, was auf uns zukommt, was von uns erwartet wird und wie wir eine Situation meistern können, gibt ein beruhigendes Gefühl. Während Überraschungen und Unvorhergesehenes noch toleriert werden können, insofern es sich um positive Ereignisse handelt, so treffen uns plötzliche Schwierigkeiten und Gefahrensituationen meist hart. So wie eben auch die Corona-Pandemie, durch die wir uns seit März 2020 einer neuartigen Bedrohung ausgesetzt sehen, für deren Bewältigung wir anfangs noch kein bewährtes Programm parat hatten und deren Entwicklung wir bis jetzt nur schwer einschätzen können. Neben gefühlten Negativkonsequenzen in diversen Lebensbereichen hat das Virus zu deutlicher allgemeiner Verunsicherung geführt, was die Planbarkeit unserer unmittelbaren Zukunft betrifft, und uns schmerzlich bewusst gemacht, dass unsere Kontrollmöglichkeiten begrenzt sind.

Wir wir das Steuer wieder in die Hand nehmen können  

„Gib mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Reinhold Niebuhr 

Dieses auch als „Gelassenheitsgebet“ bekannte Zitat lehrt uns drei wertvolle Wahrheiten. Die erste ist, dass wir einige Dinge tatsächlich nicht beeinflussen können: beispielsweise wo wir geboren wurden, wie sich andere Menschen uns gegenüber verhalten oder ob und wann eine Pandemie unser gewohntes Leben auf den Kopf stellt. Bei genauerer Betrachtung entzieht sich ein Großteil der Welt und unseres Lebens unserer Kontrolle – und das ist normal und sogar gut so! Denn die Kehrseite davon, alles bestimmen zu können, ist, alles bestimmen zu müssen: Macht und Kontrolle bringen auch Verantwortung und eine gewisse „Entscheidungslast“ mit sich. Denken Sie dabei beispielsweise an die schwierige Lage von Politikern, die in der Krise aus verschiedenen Möglichkeiten mit komplexen Zusammenhängen den richtigen Kurs einschlagen müssen. Machen Sie sich außerdem klar, dass wir als Menschen bestens darauf ausgelegt sind, auch spontan und flexibel auf äußere Bedingungen reagieren zu können: Als Spezies sind wir außerordentlich anpassungsfähig und können unsere Intelligenz dafür nutzen, auch kurzfristig Lösungen zu finden. Es ist also gar nicht so schlimm, dass wir nicht alles planen können.

Überall da, wo die Kontrolle der äußeren Umstände versagt, ist für unser Gefühl der inneren Sicherheit und Zufriedenheit vor allem eines notwendig: das Entwickeln inneren Vertrauens. Sprich das Gefühl, dass auf die eigenen Fähigkeiten Verlass ist. Wenn unsicher ist, was auf uns zukommt, dann sind ein stabiles Selbstwertgefühl bzw. Selbstliebe und Sebstfürsorge umso wichtiger, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Und die aufzubauen, darüber haben wir wiederum Kontrolle: Wir können Zeit mit Menschen und Beschäftigungen verbringen, die uns guttun, und wir können Tag für Tag an der Freundschaft zu uns selbst arbeiten.

Die zweite Wahrheit ist, dass wir also oft sehr viel mehr ändern können, als wir denken! Gerade in bedrohlichen Zeiten ist es verlockend, eine Opfermentalität einzunehmen, die Entscheidungen von anderen zu kritisieren und die Verantwortung von sich zu weisen. Dabei haben wir immer einen gewissen Reaktionsspielraum: Wir können entweder auf irgendeine Weise handeln, also tatsächlich aktiv etwas tun – oder wir können unsere Reaktion auf die Umstände regulieren, an unserer Einstellung arbeiten und daran, wie wir uns selbst und anderen gegenübertreten. 

Die dritte Wahrheit aus dem Zitat spielt darauf an, dass es nicht immer einfach ist, zwischen Situationen der „Ohnmacht“ und der Kontrollmöglichkeit zu unterscheiden. Aber so schwer es ist, so wichtig ist es eben auch, denn wir haben weder etwas davon, alles krampfhaft bestimmen zu müssen – das führt zu andauerndem Stress und Ängsten, wenn wir merken, dass wir das nicht können. Noch ist das Gegenteil zielführend: eine Opferhaltung, in der wir wie trotzige Kinder „Ich kann ja eh nichts ändern!“ denken und damit unsere Passivität rechtfertigen. Legen Sie Ihren Fokus auf Ihre Möglichkeiten: Überlegen Sie stets, ob Sie vielleicht auf irgendeine konstruktive Weise handeln können – und wenn nicht, ob Sie zumindest an Ihrem Mindset arbeiten können. Nur was uns bewusst ist, können wir auch beeinflussen. Der Anfang von allem sollte also sein, sich regelmäßig Zeit für Selbstreflexion und zur ruhigen Betrachtung unserer Möglichkeiten zu nehmen.

Mit “Start Stop Continue” ins neue Jahr

Sie sind entschlossen, die Zügel (wieder) in Ihre eigenen Hände zu nehmen und sich von äußeren, nicht beeinflussbaren Faktoren nicht ausbremsen zu lassen? Super! 2021 möchten Sie aktiv gestalten, statt nur passiv abzuwarten, wie sich „die Dinge entwickeln“? Dann nutzen Sie die „Start Stop Continue“-Retrospektive: ein Tool, welches in Startups und modernen Unternehmen eingesetzt wird, um eine Standortanalyse vorzunehmen und den weiteren Kurs zu bestimmen. Machen Sie es sich gemütlich, nehmen Sie Stift und Papier in die Hand und reflektieren Sie mithilfe der folgenden Fragen, was Sie im neuen Jahr neu anfangen, weiterführen und unterlassen möchten. Schreiben Sie dabei immer konkrete Tätigkeiten und Verhaltensweisen auf – so werden Ihre Ziele messbar und Sie wissen sofort, wie Sie sie umsetzen (also statt „Ich will ab jetzt sportlicher werden.“ besser: „Ich gehe jede Woche drei Mal joggen.“). Formulieren Sie Ihr Vorhaben im Präsens, das schafft mehr Verbindlichkeit.

Start: Womit möchten Sie beginnen?

Hier geht es um alles, was Sie ganz neu einführen oder wieder aufleben lassen möchten, nachdem sie es lange vernachlässigt haben. Fühlen Sie als Startpunkt in sich hinein, wonach Sie sich sehnen, welche Träume sie sich erfüllen und welche Ziele Sie erreichen möchten. Schreiben Sie diese zunächst auf. Dann bestimmen Sie mit den folgenden Fragen Ihren Weg dorthin:

  • Was ist mir am wichtigsten, dass ich damit beginne?
  • Was möchte ich mir ab jetzt in meinem Job angewöhnen?
  • Wie will ich ab jetzt meine Morgen gestalten, wie meine Abende?
  • Was möchte ich in Bezug auf meine sozialen Beziehungen neu einführen?
  • Was will ich ggf. in meiner Partnerschaft anfangen bzw. ändern?
  • Was möchte ich für meine Gesundheit tun?
  • Auf welche Art will ich ab jetzt Bewegung in meinen Alltag integrieren?
  • Welches Hobby möchte ich beginnen?
  • Was möchte ich lernen?
  • Was will ich – in diversen Bereichen meines Lebens – anders machen?
  • Was kann ich in Bezug auf meine Finanzen optimieren?
  • Was will ich für mein psychisches Wohlbefinden tun?
  • Wie kann ich mein Familienleben positiver gestalten?
  • Nach welchen positiven Glaubenssätzen will ich ab jetzt handeln?
  • … (Ergänzen Sie gerne weitere eigene Fragen.)

Stop: Womit möchten Sie aufhören?

In diesem Bereich betrachten Sie alles, was Sie nicht mehr brauchen oder was Ihnen nicht guttut: Zeitfresser, toxische Beziehungen, unvorteilhafte Gewohnheiten oder einfach Dinge, die Ihnen nicht mehr so wichtig sind. Beantworten Sie die folgenden Fragen:

  • Welche schlechten Gewohnheiten möchte ich einstellen?
  • Wo kann ich aufhören, Zeit bzw. Energie zu investieren?
  • Was möchte ich nicht mit ins neue Jahr nehmen (Menschen, Ideen, Projekte …)?
  • Welche Beziehungen will ich beenden oder nicht wie bisher weiterführen?
  • Was möchte ich beruflich abstellen?
  • Welchen Aktivitäten möchte ich keine Zeit mehr widmen?
  • Welche veralteten Glaubenssätze möchte ich ablegen?
  • Von welchen materiellen Dingen will ich mich trennen?
  • Welche Abonnements oder Mitgliedschaften möchte ich kündigen?
  • Wofür will ich kein Geld mehr ausgeben?
  • Welcher Aufwand ist unnötig, sodass ich ihn nicht mehr betreiben muss?
  • Was interessiert mich nicht mehr, wenn ich ehrlich bin?
  • Wessen (schlechtes) Verhalten will ich nicht mehr einfach hinnehmen?
  • Welches eigene ungünstige Verhalten möchte ich einstellen?
  • … (Ergänzen Sie gerne weitere Fragen.)
     

Continue: Was möchten Sie beibehalten?

Mit Sicherheit gibt es in Ihrem Leben einige Dinge, die Ihnen nach wie vor wichtig sind, die Ihnen Freude bereiten oder gut für Sie funktionieren. Auch diese gilt es bewusst zu erkennen und aufrechtzuerhalten, sodass sie nicht in Vergessenheit geraten. Die folgenden Fragen stoßen Sie darauf:

  • Was macht mir sehr viel Spaß und erfüllt mich?
  • Wofür bekomme ich immer wieder super Feedback?
  • Mit welchen Einstellungen komme ich gut durchs Leben?
  • Was sind meine beruflichen und privaten Stärken?
  • Mit welchen Menschen verbringe ich am liebsten Zeit?
  • Welche Freizeitbeschäftigungen sind mir wichtig?
  • Inwiefern betreibe ich bereits Selbstfürsorge?
  • Welche Projekte möchte ich unbedingt fortführen?
  • Bei welchen Dingen lohnt es sich, weiterhin Zeit, Energie und/oder Geld zu investieren?
  • Welche Erfolge konnte ich erzielen und kann dies auch in Zukunft?
  • Welche Gewohnheiten und „Rhythmen“ tun mir in meinem Alltag gut?
  • … (Ergänzen Sie auch hier gerne weitere Fragen und Ideen.)
     

Wenn Sie alle Fragen beantwortet haben, lesen Sie sich Ihre Antworten noch einmal durch, lassen Sie sie einen Moment auf sich wirken und umkreisen Sie für jeden Bereich – Start, Stop und Continue – diejenigen, die Ihnen am wichtigsten sind (je 1-5 Antworten). Schreiben Sie sich diese übergeordneten Ziele dann auf ein Vision Board, zum Beispiel als Plakat an Ihrer Wand oder als Desktophintergrund. Stellen Sie sicher, dass Sie immer an Ihre Ziele erinnert werden. Tragen Sie außerdem sofort in Ihren Kalender Termine für Aktivitäten ein, die Sie ein- oder weiterführen möchten, zum Beispiel „mein wöchentlicher Selfcare-Abend“ oder „Kaffee mit meiner besten Freundin“.

Wir hoffen, Sie haben jetzt nicht nur eine Fülle an Ideen bekommen, auf welche unterschiedlichen Weisen Sie aktiv werden oder bleiben können, sondern vielleicht konnten wir Sie auch daran erinnern, dass Sie niemals gezwungen sind, in einer Opferrolle zu verharren. Es ist zwar ungewiss, wie lange wir noch durch die Corona-Pandemie in unseren Möglichkeiten eingeschränkt sind – umso wichtiger ist es aber, unseren Fokus auf die Dinge zu legen, die wir tatsächlich selbst bestimmen können. Kommen Sie gut und gesund ins neue Jahr!