#Persönlichkeitsentwicklung

Raus aus der Komfortzone: Mehr wagen, glücklicher leben

Raus aus der Komfortzone: Mehr wagen, glücklicher leben

Ragnhild Struss

Den immer gleichen Gewohnheiten zu folgen, ist gemütlich, sicher – und ganz schön langweilig. Ragnhild Struss erklärt, warum wir so häufig in unserer Komfortzone verharren, was uns dadurch entgeht und wie wir es schaffen, unsere (selbstgesteckten) Grenzen zu überwinden. 

Ah, endlich Feierabend. Jetzt noch schnell die Sweatpants anziehen, ab auf die Couch und „Netflix and chill“ mit einer Tüte Chips. So sieht sie in vielen Fällen aus, unsere Komfortzone. Die Bezeichnung steht für alle Aspekte in unserem Leben, die wir auf immer gleiche Weise tun, die uns kaum bis gar keine Anstrengung kosten, uns vertraut sind und sicher vorkommen. Jeder von uns kennt solche liebgewonnenen, „bequemen“ Angewohnheiten – ob wir immer das gleiche Gericht im Restaurant wählen, unseren Sommerurlaub jedes Jahr auf Mallorca verbringen oder im Job routinemäßig unsere Aufgaben erledigen. Unser Gehirn läuft bei solchen Tätigkeiten fast im Autopilot; wir müssen keine besondere Konzentration oder Mühe aufbringen, sondern handeln „wie im Schlaf“.

Und genau darin besteht die Gefahr eines Lebens, in dem wir uns zu wenig über unsere Komfortzone hinauswagen: Wir unterfordern uns geistig und körperlich, sodass kaum Wachstum möglich ist. Die Folge: Unser Leben kommt uns langweilig bis trist vor. Denn was uns das Leben als gelungen und glücklich bewerten lässt, ist vor allem persönliche Weiterentwicklung. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir uns an neuartige Erlebnisse viel intensiver erinnern als an standardisierte Erfahrungen, die jeden Tag gleich ablaufen. Vergleichen Sie mal, wie gut Sie sich an Ihre letzte Auslandsreise erinnern – und wie sehr an Ihren Weg zur Arbeit vor anderthalb Wochen. Ohne regelmäßigen neuen Input und neue Stimuli verkümmern wir. Gerade solche Aktivitäten, die uns zunächst anstrengend vorkommen oder ein wenig Mut erfordern, bergen eine enorme Chance auf Weiterentwicklung – und auf ein erfülltes, glückliches Lebensgefühl.

Same same but different: Was uns in der Komfortzone gefangen hält

In uns Menschen gibt es scheinbar entgegengesetzte grundlegende Bedürfnisse, die evolutionspsychologisch Sinn ergeben: Während wir einerseits das Verlangen nach Sicherheit haben und unser Gehirn uns in Form von Angst vor potentiell unsicheren Situationen bewahren möchte, steckt ins uns auf der anderen Seite der Wunsch nach der Erkundung unseres Umfelds und der Auslotung unserer Grenzen. Beide Antriebe sind wichtig für ein glückliches Leben: Wir brauchen einerseits die grundlegende Geborgenheit, die Vorhersagbarkeit spendet, um uns zu erholen und unser Überleben zu sichern. Andererseits sind wir aber auch dazu geboren, neugierig zu sein, uns auszuprobieren und somit zu lernen. Unbekanntes schafft Aufregung. Wer sich vorrangig für den sicheren Hafen der eigenen Komfortzone entscheidet, misst dem warnenden Teil seines Gehirns zu viel Entscheidungsgewalt bei – und unterdrückt den Teil, der zur Exploration drängt. 

Das geschieht vor allem, weil wir negative Folgen befürchten, wenn wir uns „zu weit aus dem Fenster lehnen“: Aus Perfektionismus und zu hohem (Selbst-)Anspruch neigen viele Menschen zur Angst vorm Scheitern. Sie erlauben sich keine Fehler, weil sie diese nicht als Möglichkeit zum Lernen, sondern als Beweise für die eigene Unzulänglichkeit betrachten. Oft ist auch eine soziale Komponente zu verzeichnen: Als „Gruppentiere“ steckt uns die Angst vor Ausgrenzung in den Genen – und mit ihr häufig ein übermäßiges Streben danach, von allen gemocht zu werden und nicht anzuecken. Lieber nicht aus der Reihe tanzen, sondern nur das tun, was allgemein anerkannt ist bzw. als „normal“ gilt. Und schließlich verspüren wir manchmal schlichtweg die Angst vor zu viel Anstrengung: Während uns eingespielte Prozesse kaum Kraft kosten, kann beim Lernen von Neuem zunächst auch Unlust auftreten, weil wir uns mehr bemühen müssen – was erst mal wenig reizvoll auf unser Gehirn wirkt, da es ein schnelles Belohnungsgefühl (zum Beispiel in Form von Gelingen bei der Arbeit) gegenüber langen Kraftakten bevorzugt. 

Zeit aufzuwachen: Wie Sie Ihre Komfortzone nach und nach ausweiten

Auch wenn es herrlich bequem wirken mag, in der eigenen Komfortzone zu verharren: Es lohnt sich, deren Grenzen immer wieder zu überschreiten, weil sich Ihnen damit im Job, in der Persönlichkeitsentwicklung und in sozialen Beziehungen neue Möglichkeiten auftun, Sie Mut, Selbstbewusstsein und Resilienz schulen und Sie Ihre Träume und Visionen so Realität werden lassen können. Die folgenden drei Tipps helfen Ihnen auf diesem Weg.

Tipp 1: Kleine Schritte statt extremer Veränderungen

Spontan ins Ausland ziehen, die Haare grün färben oder sich als bekennende Couchpotato für einen schon bald stattfindenden Marathon anmelden: Je nach Ihrer Persönlichkeit kann es durchaus reizvoll sein, sich selbst regelrecht aus Ihrer bisherigen Komfortzone herauszukatapultieren, indem Sie etwas für Sie völlig Ungewohntes tun. Solche Aktionen können manche Menschen jedoch auch vor Panik erstarren lassen, sie überfordern und lassen sie im Nachhinein nur noch zaghafter werden. Sollten Sie nicht zu der waghalsigen Sorte Mensch gehören, die sich ohnehin gerne großen Herausforderungen stellt, dann ist es besser, wenn Sie nach und nach Ihre Grenzen ausloten und beflügelt von positiven Erfahrungen am Ball bleiben. Je nachdem, wie sehr Sie Gewohnheitstier sind, können schon ein neuer Weg zur Arbeit oder ein Plausch mit einem Fremden im Bus für inspirierenden Schwung sorgen. Überlegen Sie weiterhin, welche neuen Aufgaben Sie in Ihrem Job übernehmen könnten, welche ungewohnten Aktivitäten Ihnen in Ihrer Freizeit guttun würden und was Sie schon seit langem gerne lernen würden – step by step. 

Tipp 2: Die eigenen Werte und Wünsche zum Wegweiser machen

Die persönliche Komfortzone zu überwinden, ist natürlich kein Selbstzweck: Zwar könnten Sie alles mögliche „Verrückte“ ausprobieren, was Ihnen bislang nicht in den Sinn gekommen wäre – aber besonders profitieren Sie, wenn Sie im Einklang mit Ihrem inneren Kompass vorgehen. Nehmen Sie sich Zeit für eine ausführliche Bestandsaufnahme, bei der Sie es wagen, groß zu träumen und Ihre tiefsten Wünsche zu erkunden. Schreiben Sie die Antworten auf die folgenden Fragen auf:

  • Was wollte ich immer schon mal ausprobieren?
  • Wohin würde ich für mein Leben gerne reisen?
  • Welche (geheimen) Träume würde ich gerne Realität werden lassen?
  • Was möchte ich unbedingt lernen?
  • Welche Werte liegen mir am Herzen – und wie möchte ich leben, um diese erfüllt zu sehen?
  • Was würde ich tun, wenn ich meine Ängste (vor Scheitern, vor Ausgrenzung oder vor Überanstrengung) überwinden würde?
  • Was würde ich tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Die Antworten auf diese Fragen geben Ihnen Aufschluss darüber, in welchen Bereichen es sich für Sie wirklich lohnt, Neues zu wagen. Sie werden merken, was für ein befriedigendes Gefühl es ist, die (oft nur im eigenen Kopf bestehenden) Hürden zu überwinden und Dinge zu tun, die Ihnen zutiefst am Herzen liegen. Große Bilder stehen dabei oft für eine bestimmte Sehnsucht oder Energie. Sollte sich das Bild nicht sofort eins zu eins umsetzen lassen, überlegen Sie, wie Sie den Wunsch über einen anderen Weg erfüllen können.

Tipp 3: Im Erfolg baden und sich davon motivieren lassen

Eine weitere Maßnahme, die Ihnen das regelmäßige Überschreiten Ihrer Grenzen schmackhaft macht, ist das ausgiebige Visualisieren von positiven Gefühlen und Situationen, die Sie außerhalb Ihrer Komfortzone erwarten: Stellen Sie sich vor, wie Sie erfolgreich eine Rede halten und das Publikum Ihnen applaudiert, wie lebendig und frei Sie sich nach einem Fallschirmsprung fühlen werden oder was für ein schönes Lebensgefühl es sein wird, wenn Sie fit und sportlich die Treppen hochspringen, ohne aus der Puste zu kommen. Je mehr es Ihnen gelingt, sich diese inspirierenden Szenarien auszumalen, desto mehr Motivation werden Sie daraus schöpfen, tatsächlich über alle Hürden hinweg darauf hinzuarbeiten. Denn es braucht einen starken inneren Antrieb und ein Ziel, das es Ihnen wert ist, um Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen. Sollten dann noch typische Ausreden in Ihrem Kopf aufploppen, die Sie zum Verharren in der Komfortzone überreden wollen – „Eigentlich möchte ich das gar nicht so sehr.“, „Jetzt ist nicht die richtige Zeit.“ oder „Das kann ich auch noch irgendwann machen.“ – können Sie ihnen Ihre wunderbare Erfolgsvision entgegenstellen und sich sagen: „Doch, ich mache das jetzt, weil ich es will!“.

Fazit

Es lohnt sich, immer mal wieder zu hinterfragen, in welchen Lebensbereichen wir in unserer Komfortzone feststecken und frischen Wind vertragen könnten. Eine Lernaufgabe ist dabei, „discomfort“, also Unbequemes, nicht länger als etwas Negatives zu betrachten, sondern als eine Chance auf und einen Indikator für Wachstum. Die gute Nachricht: Neues Verhalten, was uns anfangs mühsam vorkommt und weit außerhalb unseres Wohlfühlbereichs liegt, wird uns nach und nach vertrauter vorkommen und leichter fallen – so entstehen neue positive Gewohnheiten. Und wir weiten die Zone, in der wir uns bewegen, systematisch aus, sodass uns wesentlich mehr Möglichkeiten für ein erfülltes Leben zur Verfügung stehen.