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Neid im Job: So händeln Sie das unerwünschte Gefühl

Neid im Job: So händeln Sie das unerwünschte Gefühl

Ragnhild Struss

Hinter negativen Gefühlen gegenüber Vorgesetzten und Arbeitskollegen verbirgt sich nicht selten eine ungeliebte Emotion, nämlich Neid. Ragnhild Struss verrät, was dahintersteckt und wie Sie mit Neid im Job besser umgehen.

Arbeitskollegen können wirklich nerven: Der übereifrige Typ, der keine Möglichkeit auslässt, um die Chefin zu beeindrucken. Die chaotische Vorgesetzte, der trotz ihrer Verplantheit scheinbar alles einfach von der Hand geht. Oder der langweilige Nerd, der sich mit keinem unterhält – und dennoch befördert wurde. Aber Vorsicht! Wenn wir auf den ersten Blick den Fehler bei anderen sehen, stellt sich bei genauerem Betrachten oft heraus: In Wirklichkeit sind wir neidisch! Weil Neid jedoch ein gesellschaftlich verpöntes Gefühl ist, fällt es uns schwer, es in uns selbst zu erkennen. Was hat es also mit dieser Empfindung auf sich und wie können Sie konstruktiv mit Ihren Neidgefühlen umgehen?

Neid, Eifersucht, Missgunst – was ist der Unterschied?

Neid bezeichnet laut Definition den Wunsch der neidenden Person, über die gleichen materiellen oder immateriellen Güter zu verfügen, die ein anderer hat. Ein Beispiel wäre das Beneiden der besten Freundin um ihre intakte Beziehung. Während es beim Neid also darum geht, etwas Bestimmtes haben zu wollen, bezieht sich Eifersucht auf die Angst, Aufmerksamkeit oder Liebe an jemand anders zu verlieren. Wir sind beispielsweise eifersüchtig auf ein Geschwisterkind, mit dem der Vater mehr spielt, oder auf eine Person, mit der unser Partner flirtet. Schließlich gibt es noch Missgunst als besonders destruktive Form des Neids: Dabei wünschen wir uns, dass die beneidete Person ihre Güter verlieren oder sogar Schaden erleiden möge. 

Bezogen auf den Arbeitskontext und die genannten Beispiele können sich die drei Empfindungen so äußern: Wir beneiden die chaotische Vorgesetzte um ihre Fähigkeit, auch ohne viel Mühe erfolgreiche Ergebnisse zu erzielen. Der übereifrige Kollege weckt in uns womöglich ein Eifersuchtsgefühl, weil er mehr Lob und Aufmerksamkeit von der Vorgesetzten erhält als wir. Und die Beförderung des stillen Nerds kann bei manchen Kollegen vielleicht sogar für Missgunst sorgen – und zum heimlichen Wunsch führen, der Beförderte möge in seiner neuen Rolle scheitern. 

Was sich hinter unserem Neid verbirgt

Sobald wir uns mit anderen vergleichen, kann Neid ins uns aufkommen (siehe dazu auch den Artikel zum Thema Vergleichen). Er entsteht aus einem Unterlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Person: Wir neigen bei Neid dazu, die (vermeintlich) positiven Eigenschaften bzw. Besitztümer eines anderen wie unter einem Vergrößerungsglas zu sehen, während wir uns selbst im Vergleich wie unter einem Verkleinerungsglas betrachten. Somit vergleichen wir auf „ungerechte“, unverhältnismäßige Weise – und tun uns damit selbst weh. Starke Neidgefühle untergraben so unser Selbstwertgefühl. Es ist also wichtig, sie zu überwinden und zu heilen. 

Die Intensität des empfundenen Neids kann variieren. Während ambivalente Neidgefühle teils noch ein gutes Haar am anderen lassen oder sogar eine bewundernde Komponente enthalten, sind aggressive oder gar destruktive Neidemotionen ausschließlich toxisch für das Selbstwertgefühl und die Beziehung zur beneideten Person. Uns unsere Neidgefühle einzugestehen ist unangenehm, aber dennoch der erste und richtige Schritt, um einen konstruktiven Umgang damit zu entwickeln. Die folgenden drei Steps zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Neid zu Ihrem Vorteil nutzen können.

Wie Sie Ihrem eigenen Neid im Job auf reife Art begegnen können

1.    Neid in sich selbst erkennen

Häufig verbirgt sich hinter diversen anderen unguten Gefühlen eigentlich Neid. Aber weil er ein verpöntes Gefühl ist, schämen wir uns dafür und unterdrücken es in Folge. So identifizieren wir Wut, Verbitterung, Abwertung, Trauer oder Hass zunächst gar nicht als potentielle Ausdrucksformen der unerwünschten Empfindung Neid. Überlegen Sie also: Regen Sie sich wiederholt wahnsinnig über einen Kollegen auf? Leiden Sie im Kontakt mit einer bestimmten Person im Unternehmen immer an Stimmungsschwankungen? Oder empfinden Sie gegenüber einem Mitarbeiter, dass er „mehr hat“ als Sie, weil er „bevorzugt wird“, „im Vorteil ist“ oder „ungerechte Privilegien“ genießt? Dann lohnt es sich, in Ihrem Inneren nach Neidgefühlen zu forschen. Häufig sind sie uns nämlich so peinlich, dass wir ihnen gar nicht so leicht als Grund für unsere Übellaunigkeit auf die Spur kommen (mehr dazu erfahren Sie im Artikel zum Thema Schattenanteile). Aber: Nur, was uns aus dem Innersten bewusst ist, können wir auch steuern und entwickeln. Alles Unbewusste steuert im Umkehrschluss Ihr Verhalten auf Autopilot.

2.    Das Potenzial im Neid wahrnehmen

In unseren Neidgefühlen verbergen sich wichtige Informationen, die wir für unser persönliches Wachstum nutzen können. Sie dienen uns als Wegweiser für ungenutztes Potenzial, zeigen eigene Entwicklungswünsche auf oder bringen sogar bestehende Unzufriedenheit ans Tageslicht. Um diesen versteckten Botschaften aus Ihrem Unterbewusstsein auf die Spur zu kommen, beantworten Sie die folgenden Fragen – am besten schriftlich:

  • Wer oder was löst in Bezug auf verschiedene Lebensbereiche wie Arbeit, Freizeit, Attraktivität oder andere immer wieder Neid in Ihnen aus?
  • Womit „beginnt“ dieses negative Gefühl?
  • Wenn Sie an eine beneidete Person in Ihrem Unternehmen denken: Gibt es etwas an diesem Menschen, das Sie auch gerne hätten – wenn Sie ehrlich wären und den anderen nicht abwerten würden?
  • Deuten diese Neidauslöser womöglich auf Unzufriedenheit in Ihrem Leben hin? Wenn ja, auf welche?
  • Worauf genau sind Sie neidisch? Schreiben Sie es ganz konkret auf und gestehen Sie es sich ein.

3.    Neidgefühle akzeptieren und Großzügigkeit entwickeln

Ehrlichkeit mit sich selbst – und in manchen Fällen auch gegenüber anderen – in Bezug auf Neid im Job wirkt unglaublich befreiend! Es ist nicht zielführend, wenn Sie sich wegen Ihrer Neidgefühle auch noch selbst verurteilen: Versuchen Sie, diese wie beschrieben als Katalysator für Ihr Wachstum zu betrachten und die bewundernde Komponente in ihnen zu betonen. Das gelingt, wenn Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Wie könnten Sie selbst das erreichen, was Sie gerne hätten?
  • Welche konkreten Erfolgsstrategien und einzelnen Schritte könnten Sie nutzen, um Ihrem Ziel näherzukommen? Können Sie von der beneideten Person in dieser Hinsicht vielleicht sogar etwas lernen bzw. sie um Rat fragen?
  • Welche To-dos können Sie ableiten und sofort umsetzen? Aktives Handeln wird Sie aus der Schleife des Negativ-Denkens herausholen.
  • Und für Fortgeschrittene: Wie können Sie dem anderen gönnen, was er hat? Vielleicht machen Sie dem beneideten Kollegen ein aufrichtiges Kompliment für seine Fähigkeiten oder Arbeitsweise und gratulieren ihm zu seinem Erfolg. So kultivieren Sie Ihre eigene Großzügigkeit, welche Sie sofort sympathischer macht und ein positives Gefühl in Ihnen auslöst. 

Vorsicht vor zerstörerischem Neid!

Es ist von enormer Wichtigkeit, frühzeitig einen positiven Umgang mit eigenen Neidgefühlen zu entwickeln. Denn dauerhafter oder wiederholter stechender Neid kann eine feindselige Wirkung auf uns selbst und die andere Person entfalten sowie die Kommunikation oder die ganze Beziehung zu anderen vergiften. Stattdessen sollten wir unseren Neid genau unter die Lupe nehmen, um ihn gehen lassen zu können – und uns nicht in unguten Konkurrenz- oder Rachegedanken zu verlieren, die sich letztendlich auch negativ auf die eigene Performance und Stellung im Unternehmen auswirken. Denn durch den Fokus auf die andere Person führt Neid eher dazu, dass wir reüssieren wollen, indem wir andere kleinmachen, statt selbst zu wachsen. So beklagen wir uns lieber über den „Streber“ im Unternehmen, statt uns selbst mehr anzustrengen, oder wir ätzen über die vermeintlich unorganisierte Kollegin, statt anzuerkennen, dass sie auch ohne viel Planung gute Arbeit abliefert – und wir uns in Sachen Improvisationstalent bei ihr eine Scheibe abschneiden könnten. 

Nutzen Sie Ihren Neid also als Ansporn, indem Sie seinen Fokus positiv, gestaltend und zukunftsorientiert auf sich selbst legen! In negativen Vergleichen zu verharren, hemmt Ihr eigenes Fortkommen. Das nicht zu tun, kann hingegen Ihren Selbstwert steigern (lesen Sie in diesem Artikel, was Sie dafür außerdem tun können). Geben Sie sich einen Ruck und werden Sie zum aktiven Gestalter Ihrer beruflichen Skills und Ergebnisse – und vergleichen Sie sich statt mit anderen lieber mit Ihrer eigenen Entwicklung über die Zeit hinweg!