#Persönlichkeitsentwicklung

Find your essential: Auf das Wesentliche konzentrieren, mehr erreichen

Find your essential: Auf das Wesentliche konzentrieren, mehr erreichen

Julia Molina

Wir leben in einer Welt der vielen schönen Möglichkeiten – und wollen natürlich keine davon verstreichen lassen. Wieso wir jedoch weiter kommen, wenn wir uns auf weniger (und dafür die richtigen!) Projekte fokussieren und wie wir es schaffen, uns auf diesem Weg nicht ablenken zu lassen, schildert Julia Molina, PR Managerin bei Struss & Claussen Personal Development.

Einen eigenen Blog starten, sich als Hobbygärtner*in versuchen, gut kochen lernen, im Job erfolgreich sein, ein Nebenbusiness aufziehen, Kleidung für die Kinder selbst nähen, mit dem*der Partner*in einen Tanzkurs machen und am eigenen Roman schreiben – wir leben in einer Zeit, in der der Zwang zu Selbstverwirklichung, Eigenoptimierung und Aktivismus wie ein Dogma auf uns lastet und uns glauben gemacht wird, wir könnten immer noch mehr tun und mehr schaffen. Dabei erzielen wir wesentlich größere Fortschritte, indem wir uns auf nur eine Sache konzentrieren, statt unsere Energie auf zu viele (weniger wichtige) Projekte zu zerstreuen. Dazu sollten Sie herausfinden, welche Ihre „essentiellen“ Projekte sind und wie Sie es schaffen, sich nicht durch verlockende andere Möglichkeiten von Ihrem Weg abbringen zu lassen. 

„Essentialismus“: weniger tun, mehr erreichen

Der Coach und Autor Greg McKeown hat den Begriff des „Essentialismus“ (eine Wortneuschöpfung aus „essentiell“ und „Minimalismus“) geprägt und 2014 in seinem gleichnamigen Buch der Öffentlichkeit präsentiert. Das Konzept versteht sich als eine neue Art des Minimalismus, bei der es um „weniger, aber besser“ geht: sich auf nur wenige wesentliche Projekte zu konzentrieren, diesen dafür jedoch die volle Energie und Aufmerksamkeit zu widmen. Inspiriert wurde McKeown unter anderem von einer Führungskraft im Silicon Valley, die bei der Arbeit nur noch die Aufgaben erledigte, die „wirklich wichtig“ waren – mit dem Effekt, sich nicht mehr in Nebenkriegsschauplätzen zu verlieren, sondern bei relevanten Aufgaben wesentliche Fortschritte zu erzielen. 

Daraus hat McKeown das grundlegende Mindset für Essentialist*innen abgeleitet: Wir müssen uns klarmachen, dass es eigentlich nur sehr wenige wirklich wertvolle Dinge gibt – neben sehr vielen Themen, die sich bei genauerem Betrachten als unwichtig entpuppen. Welcher Mensch was als wesentlich betrachtet, ist natürlich individuell sehr unterschiedlich. Als erster Schritt gilt es also, sich selbst bewusst zu machen, was für uns persönlich zählt, und uns dann diszipliniert auf diese wenigen Dinge zu beschränken. Laut dem Autor schenkt uns das Unabhängigkeit von äußeren Zwängen:

„Die größte Freiheit ist, die eigenen Grenzen selbst festzulegen.“


Das impliziert auch, dass wir selbst die Wahl haben – viele von uns vergessen das jedoch und befinden sich in einem Zustand der „erlernten Hilfslosigkeit“. Dieser von Martin Seligman geprägte Begriff bezeichnet eine Art Hinnehmen suboptimaler Umstände (zum Beispiel, dass andere zu viel unserer Zeit beanspruchen) ohne auch nur den Versuch, etwas daran verändern zu wollen. Wir sollten uns also zunächst unbedingt daran erinnern, dass wir stets wählen können!

Erster Schritt: Herausfinden, was wirklich zählt

Um sich überhaupt darüber klar zu werden, was das eigene Essentielle ist, sollte man sich laut McKeown Zeit und Raum schaffen, um über das eigene Leben nachzudenken. Denn wer ständig beschäftigt ist, der sieht nicht klar, was zählt: Das aufgewirbelte Sediment im See unseres Lebens muss sich erst einmal setzen, damit wir bis auf den Grund blicken können. Das geschieht, indem wir eine Weile bewusst nichts tun, am besten außerhalb des alltäglichen Umfelds, um nicht von Verpflichtungen oder fest Etabliertem abgelenkt zu werden. Ein weiterer Aspekt ist das genaue Hinsehen, um die wichtigen Punkte inmitten einer unübersichtlichen Informationsflut herauszufiltern. Das gelingt zum Beispiel gut, wenn wir uns die an uns selbst gerichtete Frage „Was ist hierbei das Wichtigste?“ angewöhnen – beispielsweise „die wichtigste Message“, „das wichtigste Learning“ oder „der wichtigste Aspekt“. Wie gute Journalist*innen, die den „Lead“, den eigentlichen Kern einer Geschichte, aufspüren, sollten auch wir unseren Blick dafür schärfen. Dabei hilft auch das Ritual des allabendlichen Tagebuchschreibens mit Notieren der relevantesten Eindrücke und Erkenntnisse des Tages. 

McKeown betont außerdem die Wichtigkeit zweier urmenschlicher Bedürfnisse: Spielen und Schlafen. Spielen ist keineswegs trivial, sondern es befriedigt unseren Forscherdrang, hilft uns beim Entwickeln neuer Ideen und lässt uns ausprobieren, was möglich wäre. Ebenso sieht er Schlaf als unser höchstes Gut an: Zahlreiche Studien belegen die negativen Auswirkungen von Schlafmangel und die Produktivitätssteigerung, die bereits ein kurzer Powernap am Nachmittag mit sich bringt. Wir sollten uns also bewusst genügend Zeit für diese beiden Aktivitäten nehmen, wenn wir uns „des Pudels Kern“ nähern wollen. Und schließlich müssen wir uns entscheiden, welche Projekte wir verfolgen, welche Dinge wir besitzen, mit welchen Menschen wir Zeit verbringen möchten etc. Das Kriterium ist ultimativ:

„It is either a HELL YEAH or a NO!” 
(Derek Sivers)


Laut McKeowns 90-Prozent-Regel sollten wir uns nur für die Optionen entscheiden, denen wir in unserer Relevanz-Bewertung mindestens 9 von 10 Punkten geben würden. Alles, was darunter fällt, kann automatisch eliminiert werden. 

Zweiter Schritt: das Belanglose ausschalten

Wir haben das für uns Essentielle gefunden, doch wie gelingt es uns nun, es gegenüber allem Nichtigen zu verteidigen? Zunächst einmal sollten wir unsere Ziele möglichst konkret formulieren, indem wir uns fragen:

„Wie werde ich wissen, dass ich am Ziel bin?“


Das hat den Vorteil, dass uns auch der Weg dorthin klarer wird. Statt einem diffusen „Ich möchte abnehmen“ könnten wir sagen „Ich möchte innerhalb einer Zeitspanne von 6 Wochen 60 kg wiegen“. Eine entscheidende Fähigkeit ist es auch, Projekte loszulassen, die für unser Prio-1-Ziel nicht (mehr) zielführend sind. Wir neigen dazu, an Sachen festzuhalten, in die wir einmal Energie oder Ressourcen gesteckt haben. Folgende Fragen helfen uns beim Eliminieren von Unnötigem: „Wenn ich nicht schon investiert hätte, wie viel würde ich dann jetzt noch investieren?“ und „Was könnte ich mit dieser Zeit oder mit diesem Geld anfangen, wenn ich jetzt den Stecker ziehen würde?“. Auf diese Weise können wir nach und nach mehr irrelevante Zeit- und Energiefresser streichen.  

Ein riesiges Potenzial für Ablenkung birgt unser soziales Umfeld mit seinen gutgemeinten Ideen, Vorschlägen und Bitten. Hier besteht die Kunst des sich Abgrenzens darin, auf bestimmte, charmante und resolute Weise „nein“ zu sagen – und nur auf die absolut wichtigsten Angebote, welche die 90-Prozent-Regel erfüllen, mit „ja“ zu reagieren. Dazu gibt es diverse Strategien, zum Beispiel um Bedenkzeit zu bitten, bevor man zu etwas zusagt, oder eine Bitte auszuschlagen, indem man eine Alternative anbietet (etwa „Ich kann nicht deinen ganzen Text korrigieren, aber lese mir gerne deine Einleitung durch.“). Wenn wir Grenzen als befreiend betrachten und sie im Vorfeld setzen, erübrigt sich damit oft ein späteres „Nein“.  Wer beispielsweise anderen klarmacht „Mittwochs bin ich immer beim Kickboxen“ wird langfristig nicht mehr auf Anfragen für diesen Tag eingehen müssen, da das Umfeld verinnerlicht: „Kickboxen hat dann für ihn*sie Priorität.“

Dritter Schritt: in die Tat umsetzen

Statt uns vom unüberwindbar wirkenden Berg eines riesigen Projekts entmutigen zu lassen, hilft es für die Umsetzung unserer Pläne sehr, wenn wir regelmäßig kleine Erfolge erzielen und uns dafür belohnen. Am besten ist es, wenn wir jeden Tag einen Schritt weiterkommen, und sei es nur in Form von „fünf Sätze an meinem Roman geschrieben“ oder „heute keinen Zucker in den Kaffee getan“. Zudem erleichtern uns Routinen eine mühelosere Ausführung: Indem wir uns nicht immer wieder neu für etwas entscheiden müssen, sparen wir mentale Energie ein und befolgen unser Vorhaben fast „automatisch“. So können wir beispielsweise immer schon am Vorabend unsere Sporttasche packen, stets an den gleichen Wochentagen trainieren, etc. Wenn wir etwas tun, sollten wir schließlich auch ganz präsent sein: statt Multitasking die volle Konzentration auf eine Sache – und sich fragen „Was ist GENAU JETZT wirklich wichtig, was kann ich JETZT tun?“.

Selbst mit den besten Intentionen kann es jedoch passieren, dass wir auf Hindernisse stoßen. Wir können sie einerseits aktiv aufspüren, indem wir uns fragen:

„Was verzögert meinen Erfolg am meisten?“


Um darauf Antwort zu finden, brauchen Sie sich nur selbst zu beobachten. Prokrastinieren Sie zum Beispiel, weil Sie sich mit Ihrem eigenen Perfektionsanspruch unter Druck setzen? Dann kultivieren Sie bewusst den Glaubenssatz „Fertig ist besser als perfekt“. Andererseits können Ihnen jederzeit unvorhergesehene Hindernisse von außen Steine in den Weg legen. Spielen Sie mögliche Szenarien frühzeitig durch und wappnen Sie sich, etwa mit einem finanziellen Puffer. Und auch ein zeitlicher Puffer hilft: Da viele Menschen zu optimistisch einschätzen, wie schnell sie ein Projekt beendet oder einen Weg zurückgelegt haben werden, sollten Sie prinzipiell 50 Prozent Ihrer eigenen Zeiteinschätzung hinzugeben. Der Effekt: Sie halten Ihren Plan leichter ein, fühlen sich nicht mehr schuldig (wegen Zuspätkommen oder Verpassen von Deadlines) und sind weniger gestresst. 

Fazit

Die Schritte zu einem essentialistischen Lebensstil zurückzulegen, kostet Sie zwar anfangs gefühlt mehr Arbeit, als einfach den geliebten Gewohnheiten zu folgen, aber langfristig wird es sich für Sie auszahlen: Wenn Sie sich konsequent auf ganz wenige wirklich relevante Projekte in Ihrem Leben konzentrieren, werden sich schnell messbare Fortschritte einstellen und Sie werden wesentlich weniger gestresst sein von all den vermeintlichen Verpflichtungen, Optionen und Möglichkeiten, die um Ihre Aufmerksamkeit buhlen. Statt „ein bisschen“ zu gärtnern, „ein wenig“ nähen zu können und „ganz selten“ einen Blogpost zu schreiben, entscheiden Sie sich für die EINE Sache, die für Sie zählt – dann werden Sie sie meistern und daraus bedeutend mehr Zufriedenheit und Erfüllung ziehen, als wenn Sie zwischen zig Aktivitäten hin und her springen.