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Die Chancen von New Work – auch und gerade in der Krise

Die Chancen von New Work – auch und gerade in der Krise

Ragnhild Struss

New Work ist in aller Munde: Unsere Arbeitswelt unterliegt einem grundlegenden Wandel, alte Strukturen werden aufgebrochen und Selbstentfaltung nimmt eine wichtigere Rolle denn je ein. Während einige die neuen Möglichkeiten schon länger gewinnbringend für sich nutzen, sind spätestens seit der aktuellen Krise alle gezwungen, sich damit auseinandersetzen. Welche Chancen New Work jetzt für Sie mit sich bringt, verrät Ragnhild Struss. 

Digitalisierung und technologische Entwicklungen haben unsere (Arbeits-)Welt komplett verändert: In unserer heutigen Wissensgesellschaft sind unflexible Strukturen und klassische Nine-to-Five-Jobs veraltete Konzepte, die mit etwas Innovativerem ersetzt werden müssen. Vor diesem Kontext prägte der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann die sogenannte New Work, im Deutschen Neue Arbeit, als Sammelbegriff für zukunftsweisende und sinnstiftende Arbeit. Im Mittelpunkt dieses Konzepts stehen Selbstverwirklichung und Freiheit des Arbeitnehmers, von Flexibilität geprägte Arbeitsmodelle sowie flache Hierarchien und Kooperation auf Augenhöhe. Dass diese Entwicklung in einer Sondersituation wie dieser Pandemie der einzig gangbare Weg ist, spüren wir aktuell am eigenen Leibe. Erfahren Sie im Folgenden, welche sieben Chancen Ihnen die beruflichen Veränderungen im Zuge der New Work – jetzt und in Zukunft – bieten.
 

1. Sinn statt Karriere

Bedeutete Karriere im klassischen Sinne früher vor allem „höher, weiter, schneller“, also ein steiler, stetiger Aufstieg mit entsprechender Bestätigung auf dem Gehaltszettel, verschiebt sich die Vorstellung eines gelungenen Berufslebens jetzt immer mehr in Richtung Sinnhaftigkeit: Arbeit soll mit den persönlichen Werten im Einklang stehen und zu etwas Positivem beitragen, während Geld alleine nicht die größte Rolle spielt. Außerdem rückt eine ausgewogene Work-Life-Balance stärker ins Interesse der Arbeitnehmer – „sich tot arbeiten“ und endlose Überstunden sind out. Arbeit soll ein Bereich des Lebens sein, in dem man Erfüllung findet und der nicht alles andere dominiert. 

Chance in der Krise: Die Ereignisse der letzten Wochen dürfte bei vielen Menschen die Perspektive verschoben haben in Bezug darauf, was im Leben und in der Arbeit wirklich zählt. Eine neue Wertschätzung systemrelevanter Jobs und ein Zuwachs an Menschlichkeit, Solidarität und Mitgefühl laden ein zu hinterfragen, ob das unersättliche „more, more, more“ des Kapitalismus das höchste Ziel sein soll – oder ob man sich langfristig in Richtung einer Arbeit umorientieren möchte, die einem wirklich am Herzen liegt. 
 

2. Remote Work statt Präsenzpflicht

Digitale Innovationen und technischer Fortschritt eröffnen ganz neue Möglichkeiten der (Zusammen-)Arbeit: Musste man früher zwingend vor Ort sein, um zum Beispiel an wichtigen Meetings teilzunehmen, kann man sich heute von überall auf der Welt per Online-Konferenz zuschalten lassen, Dokumente über die Cloud teilen und dank WLAN im öffentlichen Raum mit dem Laptop auch von unterwegs arbeiten. Die Arbeit aus dem Homeoffice ist dabei eine besonders gerne genutzte Option, denn sie bietet nicht nur den Komfort der eigenen vier Wände, sondern erlaubt auch größtmögliche Flexibilität bei der Koordination von Beruflichem und Privatem, zum Beispiel wenn gleichzeitig ein Kind beaufsichtigt werden muss. 

Chance in der Krise: Remote Work ist der wohl augenscheinlichste Vorteil der neuen Art zu arbeiten, den während der aktuellen Krise so viele Menschen wie nie zuvor für sich nutzen. Dank Homeoffice und digitaler Vernetzungsmöglichkeiten können unzählige Arbeitsplätze bestehen und Unternehmen gerettet werden, wo aufgrund der empfohlenen sozialen Distanzierung ohne diese Möglichkeit nicht weitergearbeitet werden könnte. Ein langfristiger positiver Effekt wird hoffentlich sein, dass Remote Work noch selbstverständlicher als Option angeboten wird. 
 

3. Agiles Arbeiten statt feste Strukturen

Starre Arbeitsabläufe, bei denen jeder fixe Aufgaben hat und der einmal eingeschlagene Kurs nicht verlassen wird, sind nicht mehr zeitgemäß: Zu schnell treten bei komplexen Projekten plötzliche Veränderungen ein, auf die entsprechend flexibel reagiert werden muss. Die Lösung kommt aus dem Umfeld der Software-Entwicklung und heißt agiles Arbeiten. Dabei handelt es sich um eine dynamische Arbeitsstrukturierung, bei der sich das Team in regelmäßigen Feedbackschleifen offen austauscht und gegebenenfalls Anpassungen auf dem Weg zum Ziel vornimmt. Jedem Einzelnen wird viel Verantwortung übertragen, sodass schnelle Entscheidungen getroffen werden können und nicht erst auf Freigaben von einer höheren hierarchischen Ebene gewartet werden muss. So lassen sich Fehlentwicklungen schneller korrigieren, Probleme von Anfang an beheben und die Arbeit gestaltet sich um ein Vielfaches effizienter. 

Chance in der Krise: Die Vorteile des agilen Arbeitens werden in der jetzigen Ausnahmesituation deutlich. Aufgrund von Covid-19 müssen viele Arbeitsinhalte und -abläufe angepasst werden. In agil organisierten Unternehmen können die notwendigen Änderungen wesentlich schneller implementiert werden als in statischen, hierarchischen Strukturen, in denen Einzelne wenig Handlungsbefugnis haben und alles erst von oberster Ebene freigegeben werden muss. Schnelles Reagieren wird aktuell zu einem wertvollen Wettbewerbsvorteil!
 

4. Persönliche Passung statt Austauschbarkeit

Eine zentrale Anforderung von New Work ist die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit im Arbeitskontext. Positionen werden nicht einfach mit irgendjemandem besetzt, sondern es wird darauf geachtet, dass Fähigkeiten, Talente und Eigenschaften einer Person auch wirklich zu den Anforderungen einer Stelle passen. Das führt nicht nur zu höherer Zufriedenheit auf Seiten des Arbeitnehmers, der sich entsprechend seiner Anlagen ideal bei seinen Tätigkeiten einbringen kann, sondern kommt auch dem Unternehmen zugute, weil Potenzial zielgerichtet genutzt wird. Lebt Ihr Arbeitgeber diesen Anspruch, können Sie in der Regel offen kommunizieren, welche Aufgaben Ihnen mehr und welche weniger liegen – und so Ihre Arbeit immer besser auf Ihre Bedürfnisse zuschneiden. 

Chance in der Krise: Menschen reagieren extrem unterschiedlich auf die Veränderungen unseres täglichen Lebens infolge der Pandemie. Mit einem Arbeitgeber, welcher auf persönliche Passung seiner Arbeitnehmer zu deren Stellen achtet, können Sie jetzt in einen ehrlichen Austausch über Ihre Bedürfnisse gehen. Sie fühlen sich besorgt, weniger belastbar und von Ihrem normalen Arbeitspensum überlastet? Oder Ihnen tun umgekehrt ein hoher Workload und vielleicht sogar eine neue berufliche Herausforderung gut, um genügend Ablenkung von der Krise zu haben? Sicherlich können Anpassungen erfolgen, damit Sie auch jetzt produktiv und zufrieden arbeiten können.
 

5. Freelancing statt Festanstellung

Was Remote Work, agiles Arbeiten und der Wunsch nach Selbstverwirklichung unweigerlich mit sich bringen, ist der Trend zu freiberuflicher Beschäftigung. Da Arbeit immer projektbezogener stattfindet, verliert die langfristige Bindung von Mitarbeitern an ein Unternehmen zunehmend an Wichtigkeit. Stattdessen bietet es sich an, sich je nach Bedarf ein Team aus Freelancern zusammenzustellen, die genau die für ein Projekt erforderlichen Skills mitbringen. Auch die Freiberufler selbst profitieren davon, denn die freie Arbeit mit ganz verschiedenen Menschen und Themen bietet Abwechslung und viel Raum zum Wachsen. Beim sogenannten Cloudworking wird dieses Prinzip ebenfalls aufgegriffen: Aufgaben werden an externe Freelancer – Cloudworker – ausgeschrieben, die gemeinsam „in der Cloud“ Projekte bearbeiten und von überall auf gemeinsame Dateien zugreifen können.  

In der Krise: Freiberufliches Arbeiten wird während dieser Krise in vielen Branchen zu einem ernsthaften Risiko, weswegen die Bundesregierung ein Hilfspaket von insgesamt 50 Milliarden Euro verabschiedet hat. Hier muss leider klar gesagt werden, dass Freelancer es in einer Ausnahmesituation wie jetzt deutlich schwerer haben. Dies ändert jedoch nichts an den Vorteilen, die freie Jobs unter normalen Umständen mit sich bringen. 
 

6. Flexibilität statt fixe Arbeitszeiten

Die sogenannte Vertrauensarbeit steht für flexible Arbeitszeitmodelle, bei denen Mitarbeiter bis zu einem gewissen Grad selbst über zeitliche Aufteilung und Menge ihrer Arbeitsstunden entscheiden können. Die Vorstellung, jeder müsse genau „from 9 to 5“ seine Arbeit verrichten und es komme auf die im Büro verbrachte Zeit an, ist veraltet: Projektbezogene Arbeit bringt auch mit sich, dass man seine Arbeitszeiten je nach Auslastung variieren kann, zum Beispiel auch mal später beginnt oder früher geht, sollte gerade wenig zu tun sein. Zentral ist dabei ein gewisses Vertrauen in die Eigenverantwortung der Mitarbeiter, die – solange sie ihre Arbeit zufriedenstellend erledigen – frei über ihre Arbeitszeiten entscheiden können. Auch dieses Modell unterstützt eine gelungene Work-Life-Balance und geht von der Vorstellung aus, dass sich die Qualität von Arbeit nicht (nur) an investierten Stunden bemisst.

Chance in der Krise: Wer bereits vorher seinen Angestellten eigenverantwortliches Arbeiten und eine flexible Gestaltung ihrer Arbeitszeit eingeräumt hat, profitiert auch in diesen unwägbaren Zeiten davon. Denn in vielen Bereichen ist eine Anwesenheit am Arbeitsplatz nicht mehr möglich und es muss darauf vertraut werden, dass die Arbeit eigeninitiativ im Homeoffice erledigt wird. So kann diese Phase eine wertvolle Lektion für Vorgesetzte sein, sich von einem potentiell übermäßigen Kontrollbedürfnis freizumachen.
 

7. Führung auf Augenhöhe statt steile Hierarchien

Schließlich betrifft New Work auch das Verständnis von Führung: Autorität und Hackordnung sind nicht mehr das Gebot der Stunde. Vorgesetzte lösen sich vielmehr von Konkurrenz- und Machtdenken und arbeiten in Netzwerken mit ihren Teams zusammen. Sie begegnen allen Mitarbeitern auf Augenhöhe und stehen coachend zur Seite, um jeden in der Entfaltung seines vollen Potenzials zu unterstützen. Dadurch genießen Angestellte mehr Wertschätzung, Selbstständigkeit und Gestaltungsfreiheit. Und Führungskräfte stehen dank dieser Entwicklung weniger unter dem Druck, die alleinige Verantwortung tragen und perfekt sein zu müssen. Sie können sich authentisch zeigen und auf die Unterstützung eines starken Teams zählen – Win-win für alle!

Chance in der Krise: Jetzt zeigt sich, wie wertvoll ein Team voller ebenbürtiger Sparringspartner ist! Wo Eigeninitiative begrüßt wird und Mitarbeiter eigene Ideen einbringen können, profitieren Unternehmen von Schwarmintelligenz und einer Flut guter Einfälle, die das Arbeiten in Zeiten von Corona effizienter und erfolgreicher gestalten. Jede Führungskraft kann sich jetzt freuen, wenn nicht alles auf ihren Schultern lastet, weil das Team nur passives Befolgen von Anordnungen gewohnt ist.  Gemeinsam lässt sich die Krise wesentlich besser meistern.