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Denkfehler: Wie wir sie erkennen und uns von ihnen befreien

Denkfehler: Wie wir sie erkennen und uns von ihnen befreien

Wir alle haben unbewusste, oft destruktive Denkmuster, die wir über viele Jahre hinweg verinnerlicht haben. Es ist nicht leicht, diese zu korrigieren, doch mit entsprechendem Wissen und etwas Übung kann es gelingen. Ragnhild Struss zeigt auf, wie Sie Ihre eigenen Denkfehler erkennen und mit welchen Tipps Sie kognitiven Verzerrungen bei anderen begegnen können.

Sind Sie davon überzeugt, Frauen seien sozialer als Männer? Oder halten Sie vielleicht an der Idee fest, dass man mit harten Bandagen kämpfen und über Leichen gehen muss, wenn man erfolgreich sein möchte?

Kaum etwas ist so schwer loszulassen wie eine fest verankerte Ansicht. Fakten, Informationen und Wahrheiten, die nicht unserer eigenen Überzeugung entsprechen, blenden wir lieber aus. In Freundeskreisen finden wir vermehrt Einstellungen geteilt und reproduziert, die unseren eigenen Vorstellungen ähneln, und beim Nachrichtenkonsum ignorieren wir die Informationen, die nicht zu unserer Weltanschauung passen. Die Algorithmen der sozialen Medien präsentieren uns hauptsächlich Meldungen, die mit unserem Weltbild übereinstimmen. Diesen Echokammern, in denen wir uns sowohl online als auch offline bewegen, entspringt in extremen Fällen das Gegenteil von sozialer Diversität und Meinungsvielfalt, nämlich verhärtete Fronten, radikalisierte Meinungen, Schwarz-Weiß-Denken.

Auch ohne den Einfluss von Medien ist unsere Wahrnehmung getrübt, weil sie kognitiven Verzerrungen unterliegt. Im ersten Teil des Artikels erklärt Ragnhild Struss, wie diese entstehen und zeigt auf, welchem Zweck sie dienen. Aus kognitiven Verzerrungen resultierende Denkfehler begegnen uns täglich – im Großen wie im Kleinen. Wir merken nicht, wie häufig Vorurteile und falsche Annahmen unser Denken, Fühlen und Handeln leiten: in Bezug auf uns selbst, in Beziehungen, im Job und in der Gesellschaft. Es ist insofern außerordentlich wichtig, gängige Denk-, Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Urteilsfehler zu erkennen. 

Kognitive Verzerrungen aus dem Unbewussten ins Bewusstsein holen

Weil kognitive Verzerrungen unbewusst ablaufen, müssen wir ihre Existenz also zuerst anerkennen, damit wir sie überhaupt identifizieren können. Getreu der Feststellung von Goethe „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“, wurden im ersten Teil dieses Artikels kognitive Verzerrungen und unterschiedliche mögliche Denkfehler erklärt, die uns ständig unbewusst unterlaufen. Sie werden überrascht sein, wie Sie selbst aktiv oder passiv davon betroffen sind. 

Neben der Bewusstmachung sind kritisches Reflektieren, Umdenken und aktives Steuern gegen irrationales Verhalten Maßnahmen, um Denkfehler im Alltag zu korrigieren. Folgende Tipps sollen dabei helfen.

Tipps zum Umgang mit kognitiven Verzerrungen

1. Persönliche Denkfehler kennen

Je nach Persönlichkeit haben es einige häufiger und andere seltener mit kognitiven Verzerrungen zu tun, denn Wahrnehmung ist ein höchst individueller Vorgang. Wenn Sie mit einem guten Selbstbewusstsein ausgestattet sind, gerne die Führung übernehmen und keine Angst vor Konfrontationen haben, werden Sie vermutlich weniger stark dem Authority Bias unterliegen als ein vorsichtiger Mensch mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis es tun würde. Sie werden auch mal offizielle Ansagen infrage stellen und Kompetenz von Position unterscheiden können. Sind Sie sehr perfektionistisch und wollen Fehler unbedingt vermeiden, werden Sie Fehltritte und Missstände viel häufiger wahrnehmen als ihr Umfeld und fälschlicherweise auch viel zu häufig auf sich selbst beziehen. Auch wenn Sie qua Charakter zu Bewertungen und Kategorisierungen neigen – vielleicht um Ihr Gefühl von Kontrolle zu erweitern – oder dank einer „Alles-oder-Nichts-Mentalität“ regelmäßig in die Falle des Schwarz-Weiß-Denkens tappen, sollten Sie sich bewusst mit sich selbst und Ihren Persönlichkeitsmustern auseinandersetzen. Seien Sie ehrlich mit sich und schauen Sie auch auf Persönlichkeitsanteile, die Ihnen möglicherweise weniger lieb sind (z. B. Selbstüberschätzung, Perfektionismus, Unsicherheit, Neid, Geiz, Wut). Mit dem Wissen über die eigenen blinden Flecken können Sie kognitiven Verzerrungen und falschen Vorannahmen viel leichter entgegenwirken und Situationen realistischer einschätzen. Fragen Sie auch Freund*innen oder Vertrauenspersonen nach einer ehrlichen Einschätzung Ihrer Persönlichkeit und machen Sie sich anhand des Feedbacks bewusst, für welche kognitiven Verzerrungen Sie besonders anfällig sind.

2. Fremdbild einholen

Wahrnehmung ist bestätigte Projektion. So nehmen wir viel zu häufig nur das wahr, was ohnehin unserer inneren Überzeugung entspricht. Das trifft auch auf unser Selbstbild zu, z. B. wenn wir durch eine übertrieben positive Einschätzung der eigenen Fähigkeiten glauben, für Leistung und Erfolg seien ausschließlich wir selbst, für Misserfolg die anderen verantwortlich (Overconfidence Syndrom). Auch das Gegenteil kann zutreffen: Erfolg wird nicht der eigenen Leistung, sondern äußeren Faktoren wie Glück, der Überschätzung durch andere oder einem guten Team zugesprochen (Impostor Syndrom). Für eine realistische Selbsteinschätzung sollten Sie die Außenperspektive heranziehen: Holen Sie sich Feedback von Ihrer Familie, Kolleg*innen oder Freunden und bitten Sie um eine ehrliche Einschätzung Ihrer Fähigkeiten. Vergleichen Sie Fremd- und Selbstwahrnehmung und nehmen Sie größere Unterschiede ernst. Genau hier wird es spannend: Je weiter Selbst- und Fremdbild auseinander liegen, desto stärker der Hinweis, dass es sich hier um eine kognitive Verzerrung in Ihrem Selbstbild handeln könnte. Um dieses aufzulösen, beziehen Sie sich auf Fakten: Messen Sie Erfolg und Misserfolg an Zahlen, Daten und objektiven Kriterien oder machen Sie einen Abgleich anhand der Rückmeldung Ihrer Kolleg*innen und Vorgesetzen. Darüber hinaus können Sie ausgewählte Personen in Ihrem Umfeld spaßeshalber auch direkt fragen: „Welchen negativen Überzeugungen, hinderlichen Glaubenssätzen oder stereotypen Vorurteilen falle ich immer wieder zum Opfer?“

3. Starre Überzeugungen aufbrechen 

Jede*r von uns hat unbewusst eine Reihe von rigiden Meinungen und Ansichten, die sich über die Jahre gebildet und fest im Inneren verankert haben: „Menschen vom Dorf sind einfacher gestrickt!“ „Nur wer studiert, kann viel erreichen!“ „Füllige Menschen sind faul und undiszipliniert“ „Je teurer das Produkt, desto höher die Qualität.“ Probieren Sie einmal, diese sicher geglaubten Überzeugungen und inneren Wahrheiten kritisch zu hinterfragen. „Von wem habe ich diese Meinung übernommen?“ „Entspricht das wirklich immer der Wahrheit?“ „Welche Beweise gibt es dafür?“ „Welche Gegenbeispiele kenne ich?“ Setzen Sie sich außerdem bewusst mit der gegenteiligen Meinung auseinander: Informieren Sie sich durch andere Medien als Ihre bevorzugten Quellen, holen Sie sich aktiv die Meinung andersdenkender Menschen ein und versuchen Sie, sich für alternative Denkansätze zu öffnen. Eine Möglichkeit könnte auch sein, in Diskussionen einmal absichtlich die Gegenperspektive einzunehmen und für die andere Seite zu argumentieren. 

4. Neue Glaubenssätze etablieren

Da wir unsere Identität immer wieder bestätigen wollen und unsere Umgebung dementsprechend selektiv wahrnehmen, finden wir im Außen immer wieder Bekräftigungen unserer eigenen Hypothesen. Tragen wir negative Glaubenssätze wie „Die Welt ist ein gefährlicher Ort“ in uns, wird sie uns auch so begegnen. Nach dem Gesetzt der Entsprechung kann man sagen: Außen wie Innen. Wir werden an jeder Ecke potenzielle Gefahren und Hinweise auf Kriminalität, Gewalt und Ungerechtigkeit entdecken. Dieser Wahrnehmungsverzerrung können Sie entgegenwirken, indem Sie versuchen, das Gegenteil zu sehen und dazu passende positive Glaubenssätze zu etablieren, wie: „Ich bin in Sicherheit und die Welt ist gut zu mir.“ oder „Unabhängig von äußeren Umständen finde ich Halt und Sicherheit in mir.“ Im Falle der inneren Überzeugung „Ich schaffe das nicht“, könnten Sie es hiermit versuchen: „Ich bin den Herausforderungen des Lebens gewachsen und kann mehr schaffen, als ich denke.“ Wenn Sie lange genug mit den neuen Glaubenssätzen arbeiten und Ihre alten Fehlannahmen hinterfragen, wird sich allmählich Ihr Verhalten und Ihr Entscheiden entsprechend den neuen inneren Überzeugungen ausrichten. 

5. Zeit lassen

Lassen Sie sich Zeit, wenn Sie privat oder beruflich vor wichtigen Entscheidungen stehen. Zeitdruck, Stress und Überforderungen können zu Konzentrationsschwierigkeiten führen, die es biases (Verzerrungen) erleichtern, unbewusst das Steuer zu übernehmen. Wer weniger kognitive Kapazitäten zur Verfügung hat, verfällt viel leichter in automatisch ablaufende Denkmuster. Bevor Sie also etwa blind an einer Geschäftsidee festhalten, weil bereits so viel Geld in das Projekt geflossen ist, dass man es vermeintlich nicht mehr aufgeben kann, obwohl die Kosten den Nutzen längst überstiegen haben (Sunk Cost Fallacy), treten Sie einen Schritt zurück und nehmen sich Zeit und Raum, um eine bewusste Entscheidung zu treffen. „Hätte ich das Geld nicht investiert, sondern würde die Idee mit meinem heutigen Wissen bewerten, würde ich dann noch investieren?“ oder „Würde ich meine Familie und Freunde um weiteres Fremdkapital für dieses Business bitten?“ Wägen Sie innerlich Pro und Kontra ab und nehmen Sie bewusst die gegenteilige Perspektive ein. Fragen Sie beispielsweise: „Was wäre, wenn ich das Unternehmen doch aufgeben würde?“ oder „Wieso denke ich, ich kann das auf keinen Fall tun?“ Gerade bei Überzeugungen, die uns ganz automatisch in den Sinn kommen und völlig selbstverständlich erscheinen, ist es hilfreich, auch einmal das Gegenteil gedanklich durchzuspielen. Auch eine Nacht darüber zu schlafen, kann helfen, nicht dem ersten intuitiven Urteil zu folgen oder eine Entscheidung zu leichtfertig zu treffen.

6. Kognitive Verzerrungen durch gezieltes Marketing identifizieren

Wer kognitiven Verzerrungen auf die Schliche kommen möchte, kann das eigene Denken beim Erleben von Werbung reflektieren. Marketing spielt mit impliziten Annahmen von Kund*innen und versucht, sie in ihren Werbebotschaften zu bestätigen. Hinterfragen Sie also Momente, in denen Ihr Kaufimpuls geweckt wird: Warum bin ich eher bereit die Zahnpasta zu kaufen, die von der (vermeintlichen) Expertin, der Zahnärztin, angepriesen wird? (Hinweis auf einen Authority Bias). Oder: Kann ich wirklich darauf vertrauen, dass die angepriesene Hautcreme der Grund dafür ist, dass das Model porenreine Haut hat? Oder funktioniert es nicht vielmehr andersherum – das Model wurde als Werbegesicht ausgesucht, weil es natürlicherweise und von Geburt an eine reine Haut hat? (Hinweis auf die Swimmersbody Illusion). Insgeheim sind uns diese Illusionen bewusst, im Alltag geht dieses Wissen allerdings oft unter; wichtig ist daher, sie immer wieder an die Oberfläche zu holen. Gehen Sie bei der Identifikation in drei Schritten vor: 1. Was beobachte ich? 2. Was denke ich und welche Gefühle löst es in mir aus? 3. Wie bewerte ich es? 

7. Gesellschaftliche biases hinterfragen

Unbemerkt tragen wir viele Vorurteile und implizite Annahmen in uns, die sich auf unsere Wahrnehmung von Menschen auswirken. Wir verknüpfen Annahmen über das Wesen eines Menschen mit bestimmten äußeren Merkmalen wie z. B. Geschlecht, Religion, Sexualität oder Hautfarbe. Um sich bewusst zu machen, dass und welche Vorurteile wir in uns tragen, nehmen Sie Stift und Papier zur Hand und schreiben Sie intuitiv (und ehrlich) alle Assoziationen auf, die Ihnen z. B. bei den Worten „Mann“, „Lesbe“, „Großmutter“, „Muslim“, „Polizist“ oder „Migrant“ in den Sinn kommen. Wenn Sie bemerken, dass stereotype Bilder entstanden sind – und das wird bei so gut wie jedem von uns der Fall sein, nur die Ausprägung und der Grat der Reflexion unterscheiden sich –, ist es wichtig, diese Bilder im nächsten Schritt zu differenzieren. Reflektieren Sie außerdem, woher Ihre Vorurteile stammen könnten: Durch Erziehung und Sozialisation? Durch die Berichterstattung bestimmter Medien? Durch persönliche Erlebnisse? Klatsch und Tratsch aus Ihrem Umfeld? Fragen Sie: Woher weiß ich eigentlich, „dass Männer die besseren Chefs sind“ oder „dass alte Leute keine Ahnung von Technik haben“?

8. Aktiv gegensteuern

Versuchen Sie, das eigene Verhalten zu ändern, wenn Sie bemerken, dass Sie von kognitiven Verzerrungen beeinflusst werden. Wenn Sie sich beispielsweise in einem wichtigen Arbeitsmeeting zurückhalten, weil Ihre Ansicht der einhelligen Meinung der anderen widerspricht, ist das sogenannte Group Thinking dafür verantwortlich, dass Sie sich lieber der Mehrheit anpassen, um nicht zu riskieren, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Was hilft? Gegensteuern. Hinterfragen Sie sich, wenn Sie spüren, dass Sie etwas zurückhalten, was Sie eigentlich äußern möchten. Machen Sie sich bewusst, warum Sie sich nicht trauen und versuchen Sie dann, entgegen Ihres Reflexes zu schweigen, Ihre Meinung auszusprechen. Denn nur die Illusion gaukelt uns vor, unabhängiges Denken würde uns aus der Gruppe ausschließen. Möglicherweise gab es aber auch in Ihrer Vergangenheit Erfahrungen, die Sie bis heute diese Überzeugung in sich tragen lassen, dabei befinden Sie sich hier und jetzt vermutlich in einem völlig anderen Umfeld als damals. Es sind dann alte Ängste und Prägungen aus der Kindheit, die uns auch heute noch hemmen können. Zudem würden wir heute, als erwachsener Mensch, ganz anders auf die Situation reagieren können, falls es doch zu einem Ausschluss aus der Gruppe kommen sollte. Indem wir in alten Verhaltensmustern verharren, berauben wir uns der Chance, neue, positive Erfahrungen zu machen. Denn unter den Menschen, mit denen Sie sich heute umgeben, kann es – ganz anders als früher – sogar im Gegenteil passieren, dass wir für unsere neuen Ideen und unkonventionellen Vorschläge besonders viel Anerkennung bekommen. Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte: Glücklicherweise sind wir heute nicht mehr so abhängig von der Meinung und Anerkennung anderer, wie wir es als Kind einst waren.

9. Vorbereitung

Wenn wir neue Menschen kennenlernen, verlassen wir uns oft auf unbewusste Bewertungsmuster, weil wir anhand äußerer Faktoren oder spontaner Erinnerungen an andere Menschen Vorannahmen über die Person treffen. Besonders kritisch ist dies etwa bei Bewerbungsgesprächen: Weil einem die Kandidatin sympathisch ist, wird geschlussfolgert, dass sie viele weitere positive Eigenschaften mitbringt und für den Job geeignet ist (Halo-Effekt), obwohl dies bei objektiver Betrachtung nicht unbedingt der Fall ist. Gehen Sie daher mit einer möglichst unvoreingenommenen Einstellung in das Gespräch und machen Sie sich Ihre unbewussten Vorlieben und Abneigungen bewusst, am besten bereits beim Lesen von CV und Motivationsschreiben. „Was imponiert mir und warum?“ „Welche Interpretationen nehme ich vielleicht bereits beim Durchlesen der schriftlichen Unterlagen vor?“ Beschreiben Sie Ihre eigene Wahrnehmung detailliert vor sich selbst. Halten Sie sich im Anschluss an einen strukturierten Interviewleitfaden und legen Sie im Vorhinein anhand der Anforderungen der Stelle fest, nach welchen objektiven Kriterien Sie die Kandidat*innen beurteilen möchten. Holen Sie zusätzlich eine zweite Meinung ein, tauschen Sie sich mit Teammitgliedern über Ihre Einschätzungen aus. Eine ähnliche Vorbereitung im Hinblick auf objektive Bewertungskriterien können Sie auch in anderen Situationen treffen, z. B. wenn Sie Ihre Wohnung an Fremde untervermieten, einen Handwerksbetrieb beauftragen oder im Internet nach einer Rechtsberatung suchen.

10. Diverses Umfeld schaffen

Der entscheidende Tipp, um eigene und gesellschaftliche Vorurteile aufzulösen, ist immer noch die Gestaltung des Direktkontaktes mit Informationen und Menschen: Sorgen Sie für differenzierte Quellen der Informationsbeschaffung und tauschen Sie sich mit Menschen aus, denen sie vorurteilsbehaftet begegnen, suchen Sie das Gespräch, überwinden Sie innere Barrieren, lernen Sie einander kennen, machen Sie sich ein eigenes Bild. Schaffen Sie sich ein Umfeld – sei es privat oder beruflich – das nicht nur aus Menschen besteht, die Ihnen ähnlich sind und das gleiche denken, wie Sie selbst. Schaffen Sie sich ein Korrektiv zu Ihren eigenen blinden Flecken. Konfrontieren Sie sich mit abweichenden Meinungen, Überzeugungen und Weltsichten, ohne diese gleich abzuwehren. Halten Sie aus, dass andere die Welt anders wahrnehmen als Sie selbst. Und lassen Sie sich und Ihre eigenen Überzeugungen immer mal wieder von anderen Einflüssen durcheinanderbringen, damit Sie anschließend ganz bewusst entscheiden können, an welchen Glaubenssätzen Sie festhalten und welche inneren Wahrheiten Sie über Bord werfen wollen. 

11. Das Prinzip der Beratung

Lernen Sie darüber hinaus, Ihr Ego von Ihren Ansichten zu trennen. Stellen Sie sich in einer Diskussion, einem Meeting oder einer Verhandlung vor, dass Sie Ihre Meinung – nachdem Sie sie geäußert haben – in die Mitte des Tisches legen. Mit diesem Bild geht es im Gespräch dann nicht mehr darum, an seinem eigenen Vorschlag anzuhaften und damit ständig das Gefühl zu haben, sich selbst verteidigen zu müssen, sondern darum, in eine Beratung einzusteigen, um – losgelöst von der eigenen Meinung – zu einer bestmöglichen Lösung zu kommen. Der Fokus wird weg von der Person hin zur Sache gerichtet. Statt in einen persönlichen Machtkampf zu verfallen, darf der Aufprall verschiedener Ansichten den Funken der Wahrheit entzünden. 

Kognitive Verzerrungen bei anderen korrigieren

Wenn Ihnen selbst durch die Beschäftigung mit Ihren eigenen kognitiven Verzerrungen bewusst geworden ist, welche Denkfehler Sie immer wieder begehen, werden sie Ihnen auch bei anderen Menschen häufiger auffallen. Folgende Tipps können Ihnen dabei helfen, an der ein oder anderen Stelle Personen aus Ihrem Umfeld auf deren Wahrnehmungsverzerrungen aufmerksam zu machen. 

1. Das Gespräch suchen

Sprechen Sie Ihre Freunde, Kolleg*innen, Familienmitglieder an, wenn Sie bemerken, dass irrationale Gedanken Überhand nehmen. Senden Sie dabei Ich-Botschaften wie „Ich empfinde es so, als würdest du…“ oder „Für mich schwingt in dieser Aussage mit, dass…“. Fragen Sie sie, aus welchen Gründen etwa angenommen wird, dass Frauen schlechtere Führungskräfte oder Jugendliche von heute faul seien und woher sie diese Information nehmen. Empfehlen Sie zusätzliche Informationsquellen. Machen Sie transparent, wie Sie sich Ihre Meinung gebildet haben, woher Sie Ihre Fakten beziehen. Wichtig ist, dass Sie das persönliche Gespräch suchen und wohlwollend bleiben. Konfrontation sollten Sie vermeiden, denn sie führt eher zu verhärteten Fronten als zu der Bereitschaft, die eigene Meinung zu überdenken. 

2. Das Verhalten spiegeln

Anderen vor Augen zu führen, an welcher Stelle sie Wahrnehmungsfehlern unterliegen, ist nicht immer einfach und wird auch nicht immer sofort mit Dankbarkeit entgegengenommen. Es geht in vielen Fällen auch nicht darum, das Gegenüber von der eigenen Meinung oder Weltsicht zu überzeugen, sondern ihm oder ihr zu spiegeln, wie Sie die Situation erleben/ die Welt sehen/ sein Verhalten wahrnehmen und es damit auch andere Leute tun könnten. Durch diese zweite, gelegentlich völlig andere Perspektive, kann jede*r die eigene Wahrnehmung mit der anderen abgleichen und ggf. die Dinge in ein neues Licht rücken. Zeigen Sie Ihrer Kollegin, dass Sie ihre Selbstkritik auf den im Job gemachten Fehler zu hart finden. „Wenn ich mir vorstelle, du würdest mit mir in der gleichen Härte sprechen wie du mit dir selbst sprichst, würde mich das ganz schön demotivieren.“ Spiegeln Sie dem Freund, wie überrascht Sie sind, dass er sein halbes Vermögen in eine neue Geschäftsidee investieren möchte. „Ich kann verstehen, dass es schwer ist, die eigene Idee objektiv zu bewerten. Darf ich dir eine andere Perspektive auf deine Investmentpläne anbieten?“ Dem anderen den Spiegel vorzuhalten, hilft, bildlich gesprochen, eine neue Perspektive auf sich und die individuelle Wahrnehmung der Welt zu erhalten.

3. Gegenargumente liefern

Für den Fall, dass es um eine extreme oder radikale Form der Wahrnehmungsverzerrung geht: Seien Sie mutig, dagegenzuhalten statt zu schweigen. Liefern Sie fundierte Argumente – wenn nötig auch unter der Nennung von hochwertigen Quellen – , um ein vernünftiges Gegenbild zu erzeugen. Zeigen Sie auf, an welchen Stellen die Wahrnehmung des anderen nicht mehr den Fakten entspricht, und bleiben Sie, bei hartnäckigen Fällen, standhaft. Informieren Sie sich möglicherweise im Vorhinein, um eine gute Argumentationsgrundlage zu haben. 

4. Vom Phänomen der kognitiven Verzerrungen erzählen

Viele Menschen erkennen selbst erst, dass Sie von kognitiven Verzerrungen betroffen sind, wenn sie von ihnen hören. Erzählen Sie also anderen von Ihren Kenntnissen über kognitive Verzerrungen oder – noch besser: Leiten Sie diesen Artikel (sowie den ersten Teil) direkt weiter. Teilen Sie Ihr Wissen, klären Sie auf, berichten Sie von Ihren eigenen Erfahrungen mit kognitiven Verzerrungen. 

5. Über eigene Denkfehler sprechen

Lassen Sie Ihr Umfeld an Ihren persönlichen Erfahrungen teilhaben. Erzählen Sie Ihrer Mutter, Ihrem Partner, Ihrer Kollegin, wie Sie eigene Denkfehler erkannt und wie Sie von dieser Erkenntnis profitiert haben. Erzählen Sie z. B., wie Sie den Glaubenssatz „Ich schaffe das nicht“ aufgelöst haben, indem Sie aus der aktuellen Situation herausgezoomt und das große Ganze betrachtet haben. Wie Sie, mit Blick auf die Langstrecke, erkennen konnten: „Ich habe schon so einiges geschafft: Abitur, Diplom, Umzug, Job, Partnerschaft, Beförderung etc.“ Und wie Sie daraus geschlossen haben: „Auch die nächste Herausforderung kann ich schaffen.“ 

Fazit

Wer schnell und spontan denkt und handelt, unterliegt immer auch dem Risiko, kognitiven Verzerrungen zum Opfer zu fallen und in automatisierte und fehlerhafte Denkmuster abzurutschen. Trotzdem ist es sinnvoll, die Fähigkeit der spontanen Schlussfolgerung zu bewahren. Und bei weniger gravierenden Entscheidungen ist es auch in Ordnung, schnell und intuitiv zu entscheiden: Ketchup oder Majo? Beides! Zum Yoga gehen oder joggen? Yoga. Nicht über alles kann und sollte man sich täglich den Kopf zerbrechen. Doch wir sollten achtsam sein, wenn die Konsequenzen kognitiver Verzerrungen schwerwiegender sind: zum Beispiel bei wichtigen Angelegenheiten im Berufsleben, bei persönlichen Entscheidungen, die uns am Herzen liegen oder wenn wir Gefahr laufen, uns und andere durch eigene Denkfehler unfair zu behandeln. Dann ist es ratsam, genau hinzusehen und uns daran zu erinnern, dass auch noch so fest geglaubte innere Überzeugungen unwahr oder sogar schädlich sein können. Dass das nicht immer und sofort klappt, liegt in der Natur der Sache. Aber wir können immer wieder aufs Neue üben, wohlwollend und geduldig an unserer Selbstreflexion zu arbeiten, um uns so von dem ein oder anderen Denkfehler zu befreien. Dazu braucht es auch die Kraft, sich selbst zu korrigieren. Seien Sie in diesem Sinne mutig und anderen ein Vorbild. 

 

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