#Nach dem Abi

Das haben Dreier-Abiturienten den Einser-Überfliegern voraus

Schüler sitzen in Stuhlreihen, einer meldet sich

Das haben Dreier-Abiturienten den Einser-Überfliegern voraus

Ragnhild Struss

In der Schule werden längst nicht alle Talente gleichermaßen belohnt. Eine Untersuchung der Top-5-Stärken von 1.000 Abiturient*innen hat gezeigt, welche Eigenschaften besonders stark mit einer Eins vor dem Komma korrelieren – und in welchen Bereichen Dreier-Abiturient*innen deutlich die Nase vorn haben.

Dass die Abiturnote hinsichtlich ihrer Aussagekraft über die Intelligenz oder gar die Eignung einer Person für ein bestimmtes Studienfach infrage gestellt wird, ist nicht neu. Und trotzdem fungiert sie noch immer als Hauptkriterium für die Zulassung zu einem Großteil aller Studiengänge. Da wir in unserer Berufsberatung täglich mit Jugendlichen arbeiten und uns mithilfe verschiedener Testverfahren einen guten Überblick über Noten, IQ sowie die individuellen Talente und Stärken von Abiturient*innen verschaffen, sind wir längst überzeugt: Die wesentlichen Treiber für ein gutes Abitur sind Disziplin und Fleiß. Viele andere, vor allem soziale Talente finden in der Schule weniger bis keine Anerkennung – zumindest nicht in Form guter Noten. Um unseren individuellen Eindruck empirisch zu überprüfen, haben wir anhand von 1.000 zufällig ausgewählten Kund*innendaten ausgewertet, inwieweit die Abiturnote mit den ermittelten Top-5-Stärken der Jugendlichen zusammenhängt.

Diese Stärken korrelieren mit einer Eins vor dem Komma

Die Ergebnisse unserer Auswertung bestätigen: Einser-Abiturient*innen haben tatsächlich deutlich die Nase vorn, wenn es um schulischen Ehrgeiz geht. Das Talent Leistungsorientierung kommt bei ihnen viermal so häufig unter den Top-5-Stärken vor wie bei Dreier-Abiturient*innen, Fokus etwa dreieinhalbmal und Lerneifer sogar fast siebenmal so häufig.

Hier haben Dreier-Abiturient*innen die Nase vorn

In vielen anderen Bereichen führen hingegen die Dreier-Absolvent*innen das Feld an: Flexibilität ist bei ihnen zum Beispiel zweieinhalbmal so oft unter den Top-5 vertreten wie bei Absolvent*innen mit Einser-Durchschnitt. Menschen mit ausgeprägtem Flexibilitäts-Talent stellen sich offen auf jede Situation ein und gehen vor allem bei spontanen Herausforderungen auf. Das ist eine super Voraussetzung für Jobs im Journalismus, in der Eventbranche oder Unfallchirurgie, wo schnelles Handeln und Improvisation gefragt sind. Fest strukturierte Umgebungen wie in der Schule können hingegen demotivierend auf sie wirken.

Ähnlich verhält es sich mit den Stärken Fairness und Inklusivität, die jeweils gut doppelt so häufig unter Dreier-Abiturient*innen vertreten sind. Menschen mit diesen Talenten legen großen Wert darauf, dass jeder die gleichen Rechte hat und in einer Gemeinschaft integriert wird. Eine ideale Grundlage für Jobs in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, im Sozial- und Gesundheitswesen, als Anwalt*Anwältin für Menschenrechte oder Gleichstellungsbeauftragte*r.

Auch Enthusiasmus und Empathie sind um 94 bzw. 59 Prozent häufiger unter Dreier-Absolvent*innen vertreten. Enthusiastische Menschen können andere mit ihrer Begeisterung anstecken und dazu anregen, produktiver und optimistischer zu sein. Sie gehen in Rollen auf, in denen Sie das Beste aus jemandem herausholen können: etwa als Coach, Personalmanager*in, Kunden- oder Unternehmensberater*in. Empathie-Talent ist in fast jedem Job gefragt und gefordert. Es qualifiziert aber insbesondere für Tätigkeiten für und mit Menschen: etwa in den Bereichen Psychologie und Pädagogik, als Kundenbeziehungsmanager*in, Trainer*in oder HR Business Partner*in.

Das Noten-Dilemma

Das Problem liegt in meinen Augen nicht in der Tatsache, dass Fleiß für ein gutes Abitur förderlich ist, sondern vielmehr darin, dass andere Talente indes auf der Strecke bleiben. Zumindest im Gefühl und folglich im Selbstwert der Jugendlichen. Wenn Schüler*innen denken, sie haben keine Stärken, schlicht, weil sie in ihrer Klasse zu den Schwächeren gehören und es kein Schulfach gibt, das ihre außergewöhnliche Empathie oder Inklusivität sichtbar anerkennt, und sie aufgrund ihrer Abschlussnote nicht Psychologie studieren können, obwohl das Fach ideal zur Persönlichkeit passt, dann ist das meiner Meinung nach kritisch zu hinterfragen. Jede Stärke ist schließlich gleichermaßen wertvoll und erfolgversprechend, sofern man sich im richtigen Umfeld befindet, um sie gezielt einzusetzen.