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5 Missverständnisse über kreatives Arbeiten – und was Sie daraus lernen können

5 Missverständnisse über kreatives Arbeiten – und was Sie daraus lernen können

Ragnhild Struss

Wir alle handeln auf die eine oder andere Weise kreativ. Leider bremsen wir uns dabei häufig selbst aus, indem wir unrealistische Erwartungen an unseren schöpferischen Prozess oder unsere Ergebnisse richten. Wie Sie solche „Blockierer“ überwinden und Ihrer Kreativität freien Lauf lassen, erfahren Sie in diesem Beitrag. 

Der Mensch ist ein kreatives, schöpferisches Wesen. Auch wenn Sie sich selbst nicht als kreativ im künstlerischen Sinne empfinden, so gehört es doch zu unser aller Alltag dazu, eigene Ideen und Lösungsvorschläge zu entwickeln, um eine Ausgangssituation zu verbessern oder ein Problem zu bewältigen. Wenn Sie beispielsweise beide Hände voll haben mit gefüllten Gläsern und die Klinke der Küchentür mit dem Ellenbogen runterdrücken, um sie zu öffnen, ist das bereits eine kreative Leistung Ihres Gehirns: Sie standen vor einem Hindernis und haben es auf neuartige Weise überwunden. 

Kreative Lösungswege sind in vielerlei Lebens- und Arbeitsbereichen gefragt. Leider gibt es eine Reihe von Missverständnissen über den kreativen Arbeitsprozess, mit denen wir uns selbst das Leben schwer machen, uns davon abhalten, unsere Ideen zu teilen oder – im schlimmsten Falle – gar nicht erst kreativ werden. Ob es sich um künstlerische Projekte wie Musizieren, Schreiben oder Designen handelt oder ob sich Ihre Kreativität auf strategische Businessideen, wissenschaftliche Einfälle oder andere Branchen bezieht: Im Folgenden werden weit verbreitete Vorurteile unter die Lupe genommen, um Sie zu ermutigen, beherzt und frei Ihre Kreativität auszuleben. 

1. „Ich darf meine Arbeit erst zeigen, wenn sie perfekt ist.“

Wenn wir die kreativen Leistungen anderer betrachten, sehen wir oft nur das vollendete, fertige Ergebnis, nicht den langwierigen Prozess, der meistens dahintersteckt. Wir sollten uns jedoch klarmachen, dass hinter jedem herausragenden kreativen Werk viel „trial and error“ steckt, viel Fleiß und Arbeit sowie Durststrecken und Rückschläge. Setzen wir den Maßstab der Perfektion an unsere kreativen Leistungen an, dann werden wir vermutlich niemals an den Punkt kommen, an dem wir der Welt zeigen, was wir erschaffen haben. Selbst große Künstler*innen fühlen sich nicht so, als haben sie einen Status der Vollendung erreicht, sondern sie verstehen sich als stetig Lernende. Versuchen Sie, Ihren Fokus und Anspruch zu verändern und kreatives Arbeiten mehr als Möglichkeit des Spielens und sich Ausprobierens zu betrachten: Kreativität ist eine Reise und Sie sind auf dieser eben an dem Punkt, an dem Sie jetzt sind, was die Art und die Qualität Ihrer Arbeit angeht. „Der Weg in die große Stadt führt über Dörfer“, besagt ein Sprichwort. Vielleicht bekommen Sie nicht sofort das ganz große Engagement, erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit, es eines Tages zu erhalten – wenn Sie sich nur auf den Weg machen, Erfahrung sammeln und sich dabei ein Netzwerk aufbauen. Perfect is the Enemy of Progress: Besser als jegliche Perfektion ist es, wenn Sie das, was Sie JETZT zu bieten haben, mit anderen Menschen teilen. Also wagen Sie sich an Ihren Blog, Ihren Instagram-Channel oder Ihren Podcast und zeigen Sie Ihre Ideen.

2. „Wenn meine Werke schlecht sind, mindert das meinen Wert als Mensch.“

Diese Vorstellung kennen viele kreativ arbeitende Menschen, vor allem wenn sie sehr viel Herzblut, Liebe und gefühlt „Teile ihrer selbst“ in ihre Werke und Ideen fließen lassen. Kritik an ihrer Arbeit trifft sie dann besonders hart, weil es sich für sie anfühlt, als werden sie als Person abgewertet oder seien „inadäquat“. Es hilft, sich zur Lösung dieses Problems eine Sache zu verdeutlichen: Sie sind nicht Ihre Arbeit! Auch wenn Ihre kreativen Ergebnisse selbstverständlich durch Ihre Persönlichkeit, Ihre Gedanken und Werte, Ihre Weltansichten und auch Ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten beeinflusst werden, so sind sie dennoch etwas Separates außerhalb von Ihnen – und wenn dieses getrennte Produkt (negativ) bewertet wird, hat das nichts mit Ihnen als Mensch bzw. Ihrer Identität zu tun! Wenn Sie sich dies zur Grundeinstellung machen, wird Ihre Angst vor Kritik und negativem Feedback deutlich schwinden und Sie werden sich mehr trauen, Ihre Ideen der Welt zugänglich zu machen. Außerdem fällt es Ihnen so leichter, Kritik als das zu sehen, was sie ist: im konstruktiven Fall ein hilfreiches Feedback, aus dem Sie Informationen für Ihre weitere Arbeit ziehen können, und im nicht konstruktiven Fall als etwas, das Sie getrost ignorieren können. Die Bewertung eines Werkes oder einer Idee liegt immer im Auge des Betrachters – schon alleine deshalb kann sie nichts mit Ihrer Identität zu tun haben. Es ist dennoch wichtig, gezielt auch positives Feedback anzunehmen und zu verinnerlichen. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Artikel.

3. „Ich muss absolut Einzigartiges erschaffen.“

Wer sich mit dieser Vorstellung unter Druck setzt, der sollte sich verdeutlichen: Es gibt nichts komplett Einzigartiges auf dieser Welt! Alles, was der Mensch erschafft, ist inspiriert von äußeren Dingen, sei es von der Natur oder von den Werken, Taten und Leistungen anderer Menschen. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky verarbeitete diese Erkenntnis in seinem Essay „Es gibt keinen Neuschnee“. Und Autor Austin Kleon hat dieser Tatsache ein eigenes Buch gewidmet: In „Steal like an artist“ beschreibt er, dass ausnahmslos jeder kreativ arbeitende Mensch sich an den Ideen und Kreationen anderer bedient. Während Eins-zu-Eins-Kopieren und das Ausgeben fremder Arbeit als die eigene als Plagiat gelten und zurecht verpönt sind, ist es jedoch völlig in Ordnung und normal, inspiriert von Äußerem etwas Neues, Eigenes zu erschaffen. So wie wir zunächst alle Buchstaben und Wörter einer Sprache lernen müssen, bevor wir eigene kreative Texte schreiben können, so fließt in jegliche kreative Arbeit immer auch von außen Gelerntes mit ein. Wir müssen uns also keine Sorgen machen, ob unsere Werke einzigartig genug sind – solange wir nicht mutwillig die Arbeit anderer eins zu eins kopieren, ohne etwas Eigenes hinzuzufügen. 

4. „Wenn ich mit Leidenschaft bei der Sache bin, wird Arbeiten immer einfach sein.“

Sie träumen davon, Ihr kreatives Hobby eines Tages zum Beruf zu machen? Und Sie glauben, wenn Sie nur einen Job hätten, bei dem Sie sich kreativ ausleben können, dann hätten Sie nicht mehr mit Motivationstiefs, Langeweile und anderen Schwierigkeiten zu kämpfen? Die Realität ist weniger romantisch, als sich das viele ausmalen. Denn Fakt ist: Auch kreative Arbeit ist und bleibt letztlich Arbeit. Das heißt, wir werden nicht immer gleich begeistert bei der Sache sein und unsere Ideen werden nicht immer wie eine nie versiegende Quelle sprudeln. Das sprichwörtliche „unbeschriebene Blatt“, auf das wir alles Mögliche schreiben oder zeichnen könnten und das am Anfang jedes schöpferischen Prozesses steht, kann auf viele Menschen zuweilen eine lähmende Wirkung haben und zu einem „creative block“, einer kreativen Blockade führen. Wichtig ist dann, dass wir zu unserer Inspiration zurückfinden und nicht daran verzweifeln, wenn uns nicht auf Knopfdruck etwas Besonderes einfallen will. Sich für eine Weile von der kreativen Aufgabe zu lösen, den Kopf frei zu bekommen und sich anderen Themen zu widmen, kann unseren Geist regenerieren und mit frischen Impulsen versorgen, sodass wir früher oder später wieder auf neue Ideen stoßen und wieder bereit zum Arbeiten sind. Und wer zu den kreativen Menschen gehört, die auf den „großen Einfall“ warten, dem sei das Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron empfohlen. Es verdeutlicht, dass Regelmäßigkeit und Tag für Tag geleistete echte Arbeit zu besseren kreativen Ergebnissen führen. 

5. „Irgendwann habe ich ‚es geschafft‘ und bin fertig.“

Die Vorstellung, eines Tages habe man seine persönlichen kreativen Ziele erreicht, könne nichts mehr dazulernen, würde nichts mehr an seinem „Stil“ verändern und sei „angekommen“, ist ein weiterer hartnäckiger Irrglaube. So wie Ihre Arbeit niemals „perfekt“ sein wird (siehe Punkt 1), ist gerade bei kreativen Tätigkeiten auch kein Fixpunkt zu erreichen: Selbst die Arbeit großer Künstler*innen wandelt sich über die Zeit hinweg und bleibt nicht statisch immer gleich. Was dahintersteckt, kann uns als Metapher für unser ganzes Leben dienen: Wir sind nicht irgendwann fertig, sondern solange wir auf dieser Erde weilen, werden sich Dinge stets verändern und wir uns mit ihnen. Wir tun also gut daran, dies von vornherein anzunehmen und uns auf diesen Prozess einzulassen – „go with the flow“ sozusagen, bzw. „grow with the flow“ –, statt uns dagegen zu wehren, auf Krampf alles nur noch nach einem bestimmten Schema tun zu wollen oder auf einen fiktiven Punkt des „Fertigseins“ hinzusteuern. Alles, was Sie tun können, ist im JETZT zu leben und im JETZT zu kreieren – unabhängig davon, was in der Vergangenheit war und in der Zukunft noch sein wird. 

Fazit

Schöpferisch tätig zu sein, egal in welcher Form, ist in uns Menschen angelegt und bringt etwas in uns zum Klingen. Nutzen wir diese Neigung ohne Angst und mit spielerischer Neugier, statt sie uns durch selbstgeschaffene Zwänge und Bedingungen zu erschweren! Ein Tipp zum Schluss: Legen Sie sich ein Notizbuch zu, in dem Sie völlig frei kreativ sein können – mit Schreiben, Zeichnen, Collagenkleben oder was auch immer Ihnen einfällt. Setzen Sie sich für einen fruchtbaren kreativen Prozess jeden Tag zu einer festen Zeit an dieses Buch und halten Sie jegliche kreative Regung fest. Wenn Sie nicht möchten, müssen Sie dieses Buch niemandem zeigen. Es kann Ihr ganz persönlicher Spielplatz sein, an dem Sie in Kontakt mit Ihrer schöpferischen Seite treten. Viel Freude dabei!