#Persönlichkeitsentwicklung

Vom Umgang mit schwierigen Menschen - ein Lifehack

Eine Frau mit angestrengtem Gesichtsausdtruck

Vom Umgang mit schwierigen Menschen - ein Lifehack

Ragnhild Struss

Aufdringlich, besserwisserisch oder unterkühlt: Manche Menschen gehen uns mit ihrem Verhalten immer wieder auf die Nerven. Wir sind schnell versucht, über sie zu urteilen und ihnen Eigenschaften zuzuschreiben, mit denen wir uns ihr „unpassendes“ Auftreten erklären. Aber es verändert sich alles, wenn wir den Blick stattdessen darauf richten, was diese Menschen mit ihrem Verhalten eigentlich erreichen wollen. Organisationspsychologin Ragnhild Struss erklärt, wie wir besser mit vermeintlich schwierigen Menschen umgehen.

Der Arbeitskollege, der ins Büro kommt, um zum zehnten Mal die „lustige“ Geschichte von der Reifenpanne in Italien zu erzählen. Die gute Freundin, die einem ins Wort fällt und darauf hinweist, dass man „Zucchini“ nicht mit ch ausspricht. Der strenge Vater, der an den Künstlerambitionen seines Sohnes kein gutes Haar lassen und sich nicht einmal an dessen Geburtstag zu einem Lächeln durchringen kann. Wir alle kennen solche Menschen, mit denen der Umgang regelmäßig zu Problemen führt. Wir reagieren mit Erklärungen wie „Er ist einfach ein anstrengender Typ“, „Sie ist halt eine schreckliche Pedantin“ oder „Er hatte eine schwere Kindheit, deshalb hat er jetzt ein kaltes Herz“. Doch ist das die einzig mögliche Betrachtungsweise?

Kausalität vs. Finalität

Der österreichische Psychotherapeut Alfred Adler erarbeitete im Rahmen seiner Individualpsychologie die Unterscheidung zwischen Kausalität und Finalität. So können wir uns bezüglich des Verhaltens eines Menschen, zum Beispiel bei einer den Unterricht störenden Schülerin, zwei mögliche Fragen stellen: „Was ist die Ursache des störenden Verhaltens?“ Das wäre eine kausale Betrachtungsweise. Oder wir nehmen mit der Frage „Was ist der Zweck ihres Verhaltens?“ eine finale Perspektive ein. Mit einer möglichen Antwort auf die kausale Frage, wie „Sie ist schlecht erzogen worden“, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit der Schülerin. Reflektieren wir hingegen den Zweck bzw. die Finalität des Störens, bezieht sich eine mögliche Erklärung wie „Sie will dadurch wahrscheinlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen“ auf die Zukunft.

Ebenso lassen sich für unsere eingangs genannten Beispiele erwachsener Menschen verschiedene Arten der Erklärung finden. Während die bereits erwähnten Einschätzungen zum Teil abwertende, kausale Überlegungen sind, die sich auf Vergangenes bzw. auf vermeintlich feste Charaktereigenschaften beziehen („anstrengend“, „Pedantin“, „schwere Kindheit“), könnte eine finale Erklärung so aussehen: „Der Kollege möchte Kontakt aufnehmen und sich mit mir verbunden fühlen“, „Meine mich korrigierende Freundin möchte sich gut darüber fühlen, dass sie fremdsprachliches Talent besitzt“ oder „Mein kühler Vater möchte sein verletzliches oder verletztes Inneres schützen, indem er keine Gefühle zeigt“. Fällt Ihnen auf, dass bei dieser Art der Erklärung sofort mehr Verständnis und Mitgefühl mit den „nervenden“ Menschen aufkommen?

Das Gefühl hinter dem Ziel

Das Verhalten jedes Menschen ist im Kern darauf ausgerichtet, Freude zu erhöhen und Schmerz zu verringern sowie Ressourcen zu sparen und Belohnung nicht zu lange aufzuschieben. In diesem Sinne handeln wir alle stets „rational“, nämlich zugunsten dieser Ziele. So wird auch vermeintlich unvernünftiges Verhalten nachvollziehbar, zum Beispiel sich mit Smartphone-Games abzulenken, statt an der Masterarbeit weiterzuarbeiten – denn solche Spiele bieten ein schnelles Belohnungsgefühl und lenken vom „Schmerz“ des anstrengenden Schreibens ab. Fasst man diesen Gedanken weiter, wird klar, dass unsere Ziele eigentlich nie wirklich Sachziele sind. Ob wir eine 1 schreiben, eine Gehaltserhöhung bekommen oder 5 Kilogramm abnehmen wollen: Entscheidend ist das Gefühl, was wir uns vom Erreichen unserer Ziele versprechen. Wir möchten uns beispielsweise klug, respektiert oder attraktiv fühlen. Dabei ist es bei jedem individuell verschieden, welches Gefühl er mit einem Ziel verbindet.

Leider sind viele unserer Verhaltensmuster, mit denen wir für uns erstrebenswerte, angenehme Gefühle erzeugen möchten, unbewusst und veraltet: Was in unserer Kindheit eine Lösungsstrategie sein sollte und womöglich sogar funktioniert hat, ist im Erwachsenenleben meist nicht mehr in der gewünschten Weise sinnvoll, sondern führt zu Konflikten mit anderen Menschen. Es wird versucht, das „alte Ziel“ eines bestimmten Gefühls mit – nach heutigen Maßstäben – suboptimalen Verhaltensweisen zu erreichen. Ein Beispiel: Ein Mensch, der in einer konservativen Familie aufwuchs und sich immer danach sehnte, in seiner Besonderheit gesehen und wertgeschätzt zu werden, hat als Kind gelernt, dass dies scheinbar nur über Unkonventionalität erreichbar ist. Um auch als Erwachsener noch die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen, kreiert er immer wieder Dramen im beruflichen Bereich mit vielen Brüchen und Wechseln sowie andauernder Unzufriedenheit – mit dem Ergebnis, dass regelmäßig alle Familienmitglieder ins Brainstorming nach neuen Ideen eingebunden werden und so die ersehnte Beachtung und Fürsorge schenken.

Wie wir adäquat mit schwierigen Verhaltensweisen umgehen

Was bedeutet das für die Art und Weise, wie wir auf für uns anstrengende Menschen reagieren können? Wir sollten immer überlegen, was eine Person mit ihrem Verhalten erreichen will. Die kausale Analyse der Vergangenheit eines Menschen kann zwar auch Erklärungsansätze bieten, jedoch nur zu einem kleinen Bruchteil. Das wird auch daran deutlich, dass unter den gleichen Bedingungen aufgewachsene Geschwister doch ganz andere Persönlichkeitsmuster entwickeln. Fragen wir uns stattdessen: Wenn das nervige Verhalten ein Schrei nach Hilfe ist, was möchte dieser Mensch vielleicht eigentlich mit seiner Art erreichen? Welche Bedürfnisse werden aus dem Verhalten deutlich? Welches Gefühl hinter dem Ziel möchte der Mensch generieren?

Versuchen Sie außerdem, die Bewertung des Menschen oder seines Verhaltens wegzulassen. Denken Sie daran: Die Person handelt nicht aus böser Absicht, sondern im Sinne ihrer Ziele rational. So schwer das auch zu verdauen ist: Im Grunde tut jeder Mensch immer sein Bestes. Es sollte nicht darum gehen, jemanden in seinem Verhalten zu korrigieren oder ihn umzuerziehen, sondern ihm dabei zu helfen, sein gewünschtes Zielgefühl zu identifizieren und gemeinsam zu überlegen, wie er es mit passenderem Verhalten erreichen könnte. Auf diese Weise handeln Sie aus einer liebevollen, wertschätzenden Perspektive ihrem Mitmenschen gegenüber und tragen viel dazu bei, dass sich Ihre Beziehung zueinander verbessern kann. Auch Sie selbst haben etwas davon, nämlich, dass Sie sich weniger über die andere Person aufregen müssen und Ihre Kompetenzen auf dem Gebiet der Beziehungsgestaltung erweitern.

Für Fortgeschrittene: die Erkenntnisse auf sich selbst anwenden

Was für das Verhalten anderer gilt, trifft ebenso auf uns selbst zu: Überlegen Sie, ob es Verhaltensweisen gibt, mit denen Sie immer wieder bei anderen Menschen anecken oder wovon diese regelmäßig genervt sind (und Sie das vielleicht auch wissen lassen). Könnte es sein, dass Sie damit auf ungünstige Weise Ziele erreichen möchten, die Sie besser auf anderem Wege anstreben? Ein Beispiel: Sie kommen oft zu spät und lassen andere warten. Unbewusst geht es Ihnen vielleicht darum, dass Sie sich häufig fremdbestimmt und zu wenig autonom fühlen. Statt sich Ihre „Macht“ zurückzuholen, indem Sie sich nicht an Verabredungen halten, könnten Sie sich mehr Zeit für sich selbst freischaufeln, in der Sie sich frei entfalten können, ohne Verpflichtungen, Erwartungen und Druck von außen. Das wäre eine gesunde, reife Art, das gewünschte Gefühl zu erzielen.

Ob gegenüber uns selbst oder anderen: Sobald wir schwierige Verhaltensmuster unvoreingenommen, wertfrei und mit einem finalen Ansatz betrachten, bilden wir die Grundlage für Verständnis, Mitgefühl, Unterstützung und Wachstum – und ganz nebenbei auch ein stressfreieres Leben für uns selbst, da wir Ärger, Empörung oder Wut loslassen können, sobald wir die Beweggründe der „Nervensägen“ verstehen.