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Der Studiencheck: Forensische Psychologie

Mädchen mit Brille vor blauem Hintergrund schaut konzentriert nach vorne

Der Studiencheck: Forensische Psychologie

Gast

Ein Gastbeitrag von Julia Nissen:

Von Romanen und Fernsehsendungen bis hin zu Hörbüchern und Kinofilmen: Es gibt eine gigantische Auswahl an Kriminalgeschichten in jeglichen medialen Formen – und nun gibt es auch das passende Studium dazu. Oder etwa nicht? Die forensische Psychologie befasst sich zwar mit ähnlichen Themen, ist aber doch irgendwie ganz anders als bei „Criminal Minds” beschrieben.

Inhalte des Studiums

Das Studium der forensischen Psychologie beinhaltet in der Regel Aspekte der Psychologie und der Rechtswissenschaften. Den Schwerpunkt stellt die Psychologie dar: Im Rahmen verschiedener Kurse über menschliches Erleben, Bewusstsein und Verhalten werden die Studierenden darauf vorbereitet, im  Berufsleben beispielsweise die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen, die Verantwortungsreife strafrechtlich auffällig gewordener Jugendlicher sowie die Schuldfähigkeit von Straftätern richtig einzuschätzen und zu beurteilen. Insbesondere die klinische Psychologie nimmt daher einen großen Anteil des Lehrplans ein: Hier lernen die Studierenden, (psychische) Krankheiten und Auffälligkeiten infolge von Straftaten, wie beispielsweise Persönlichkeitsstörungen auf Täter- und Traumata auf Opferseite, zu diagnostizieren im Gerichtsprozess entsprechend zu berücksichtigen. 

Um oben genannte Beurteilungen sicher treffen zu können, ist neben psychologischen Kenntnissen auch ein solides juristisches Fachwissen erforderlich. Daher stellt der Bereich Recht, mit dem Fokus auf Strafrecht, den zweiten wichtigen Teilbereich des Studiums der forensischen Psychologie dar: Hier werden den Studierenden umfangreiche Kenntnisse bezüglich gesetzlicher Grundlagen und Aspekten des Gerichtswesens vermittelt.

Ein dritter wesentlicher Aspekt des Studiums bezieht sich nicht auf die Vermittlung von Inhalten, sondern auf die Stärkung persönlicher und sozialer Kompetenzen der Studierenden. Vor allem ihre Kommunikationsfähigkeit und ihr Einfühlungsvermögen werden gefragt und im Rahmen von Seminaren und Praktika weiterentwickelt. Egal, ob es um Opfer oder Täter geht: Die Studierenden lernen, stets vorurteilslos zu agieren und jedem Menschen mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen.

Auch die analytischen Fähigkeiten der Studierenden werden gefordert und gefördert: In Kursen über Risikoeinschätzungen lernen sie beispielsweise, mithilfe von Statistik, Methodik und klinischem Fachwissen das Rückfallrisiko eines Täters zu errechnen. Auch im Rahmen des „Profiling“ ist analytisches Denken gefragt, um bestimmte Tatortcharakteristika mit den Persönlichkeitsmerkmalen eines Täters in Verbindung zu setzen.

Studienaufbau und Zulassungsvoraussetzungen

Grundsätzlich ist der Studiengang der forensischen Psychologie als Masterstudiengang ausgelegt und setzt als solcher einen Abschluss des Bachelor of Science (B.Sc.) im Fach Psychologie für eine Zulassung voraus. Zwar bieten einige Universitäten auch im Rahmen des Psychologie-Grundstudiums einzelne Module in forensischer Psychologie an, diese sind jedoch, was den Umfang betrifft, nicht mit einem Masterstudium vergleichbar. Der Aufbau des Masterstudiengangs ist von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich. Es lohnt sich, auch einen Blick über die Landesgrenzen zu werfen: Vor allem in den Niederlanden ist das Studium vielzählig vertreten.

Berufsperspektiven für forensische Psychologen

Obwohl die forensische Psychologie einen Nischenbereich darstellt, bietet sie Absolventen verschiedene berufliche Alternativen. Die wohl größten Einsatzbereiche sind der Straf- und Maßregelvollzug sowie die Tätigkeit als psychologischer Sachverständiger. Zudem gibt es die Möglichkeit, als Gutachter zu arbeiten und, wie oben beschrieben, beispielsweise die Schuldfähigkeit oder Glaubhaftigkeit eines Tatverdächtigen oder Zeugen zu beurteilen. Gutachten werden von Richtern oder Strafvollzugsanstalten in Auftrag gegeben, sodass Gutachter oft unabhängig sind und somit selbstständig oder in Gemeinschaftspraxen arbeiten können. Ein weiterer wichtiger Tätigkeitsbereich ist die psychologische Begleitung von Tätern und Opfern während eines Prozesses: entweder als Gefängnispsychologe für Täter im Strafvollzug oder als Trauma-Therapeut für Opfer in einer Klinik oder der eigenen Praxis. Für Studierende, die an einer akademischen Laufbahn oder generell an der Forschungsarbeit interessiert sind, bietet sich zudem die Arbeit an universitären-, beziehungsweise kriminologischen Forschungseinrichtungen an.

Ein weiteres mögliches Berufsfeld ist das des „Profilers“, beziehungsweise Fallanalytikers. Wie letztere Bezeichnung bereits vermuten lässt, beschäftigt sich dieser mit der ganzheitlichen analytischen Rekonstruktion eines Kriminalfalls. Das Profiling, also die Erstellung psychologischer Täterprofile, bildet nur einen kleinen Teil seiner Arbeit ab. Wer dieses Berufsfeld anstrebt, sollte sich zunächst grundlegend hierüber informieren – denn oftmals entsteht zum Beispiel durch Hollywoodfilme ein bestimmtes Bild in den Köpfen angehender Studenten, welches dem Beruf in der Realität nicht gerecht wird. Zudem gibt es in Deutschland momentan nur eine einzige ausgeschriebene Stelle für diesen Zweig, weshalb der Einstieg generell schwierig und eine reine Spezialisierung auf diesen Bereich somit gut durchdacht sein will. 

Wer ist für das Studium geeignet?

Wer überlegt, ein Masterstudium der forensischen Psychologie zu ergreifen, sollte sich zunächst der ethischen Herausforderungen im Klaren sein, die das Studium birgt. Der Grat zwischen “Richtig” und “Falsch” ist häufig sehr schmal – wenn man bedenkt, dass es meist keine reinen „Täter“ und „Opfer“ gibt, sondern dass auch Täter früher häufig Opfer waren und aufgrund von langfristigen, psychischen oder physischen Belastungen letztlich zu Tätern wurden. Ist eine Bestrafung durch Freiheitsentzug wirklich gerechtfertigt? Oder wäre nicht eher eine ganzheitliche Therapie die richtige Maßnahme? Wie geht man mit Opfern um, damit diese nicht auch zu Tätern werden? Ein guter moralischer Kompass und Freude an der Beschäftigung mit ethischen Fragen sind somit gute Voraussetzungen für angehende Studierende.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist Belastbarkeit. Die Schicksale der Menschen, mit denen forensische Psychologen tagtäglich arbeiten, sind oft dramatisch. Empathie ist daher ebenso essenziell für angehende Studierende wie emotionale Stärke, damit sie sich später im Berufsleben zwar einerseits in die betreffenden Personen hineinversetzen, sich am Ende des Tages aber auch emotional von ihnen abgrenzen können. Für sehr sensible oder labile Persönlichkeiten birgt der Beruf hingegen die Gefahr, dass er sie psychisch zu sehr belastet und langfristig auslaugt.

Zudem sollten Studieninteressierte über eine gute Beobachtungsgabe und ausgeprägte analytische Fähigkeiten verfügen, um auch komplizierte Fälle zu überblicken, kein wichtiges Detail zu übersehen und die richtigen Konsequenzen abzuleiten.

Wer zu alledem ein Freund von abwechslungsreichen Tätigkeiten und täglich neuen Herausforderungen ist, wird sicher viel Freude am Studium und im späteren Berufsleben haben, da nur selten ein Fall dem anderen gleicht. Ich selbst studiere forensische Psychologie mit großer Leidenschaft. Trotzdem frage ich mich am Ende jedes Tages: Sind die Straftäter wirklich so anders als ich, oder hatte ich nicht doch einfach nur Glück, auf der „richtigen” Seite zu sitzen und somit jeden Tag in Freiheit verbringen zu dürfen?

 

Julia Nissen ist Masterstudentin der forensischen Psychologie an der Universität Groningen und Bloggerin für den Lifestyle-Blog LebeJetzt.