#Persönlichkeitsentwicklung

Alleine glücklich: So gelingt Social Distancing ohne Einsamkeit

Alleine glücklich: So gelingt Social Distancing ohne Einsamkeit

Ragnhild Struss

Alleinsein wird häufig automatisch mit Einsamkeit gleichgesetzt. Dabei können wir allein sein, ohne uns einsam zu fühlen – und umgekehrt aber sehr einsam fühlen, wenn wir uns in der Gesellschaft von (den falschen) Menschen befinden. Es ist nämlich weniger die Anwesenheit anderer Personen das Allheilmittel gegen Einsamkeit, sondern die Qualität der Beziehung, die wir zu uns selbst haben. Sie bestimmt den Wert der Zeit, die wir alleine verbringen: Je besser wir uns selbst kennen, je mehr wir uns wertschätzen und je liebevoller wir mit uns umgehen, desto schöner gestaltet sich das Alleinsein. Warum also nicht die erzwungene Distanz zu anderen Menschen produktiv nutzen, um an der wichtigsten Beziehung unseres Lebens zu arbeiten – nämlich der zu uns selbst?

Wie wir uns mit uns selbst anfreunden – ein kleiner Guide

Es gibt verschiedene Maßnahmen, mit denen wir aktiv unser Verhältnis zu uns selbst positiver gestalten können. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass wie bei jeder anderen Verbindung Zeit für die Beziehungspflege investiert und Geduld aufgebracht werden muss, bis Änderungen in den eigenen Verhaltens- und Ansichtsweisen nachhaltig etabliert sind. Fangen Sie daher am besten sofort damit an, um sich selbst langfristig ein besserer Freund bzw. eine bessere Freundin zu sein!

Tipp 1: Durch Journaling mit sich selbst in Beziehung treten

Ein Ritual des täglichen Tagebuchschreibens macht einen unglaublichen Unterschied im Verhältnis zu uns selbst! Wir alle haben täglich so viele Gedanken und Gefühle, die gehört werden wollen, oft aber nur kurz unser Bewusstsein streifen und dann verdrängt oder zugunsten einer Aktivität im Außen beiseite geschoben werden. Durch das Aufschreiben werden diese inneren Impulse sichtbar und laden dazu ein, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. 

Reservieren Sie am besten eine feste Zeit jeden Tag dafür (zum Beispiel jeden Morgen oder jeden Abend) und schreiben Sie Dinge auf, über die Sie sich gefreut haben und für die Sie dankbar sind. Wollen Sie Ihr Tagebuch eher für das Thema Produktivität nutzen, können Sie zum Beispiel zusätzlich notieren, was Sie gerne am kommenden Tag erreichen möchten oder was Ihnen am vergangenen Tag gut gelungen ist. Unterscheiden Sie hier vielleicht zwischen Bereichen, die Ihnen leichtgefallen sind und Freude gemacht haben (davon sollten Sie in Zukunft mehr einplanen) und welchen, die Ihnen schwergefallen sind und/oder keine Freude bereitet haben, damit sie diese in Zukunft soweit es geht aus Ihrem Alltag entfernen können. Geht es Ihnen mehr um eine tiefe Auslotung Ihrer Psyche, können auch Punkte wie „Das hat mich heute emotional beschäftigt“ oder „Wenn ich könnte, würde ich diese Sache des heutigen Tages anders machen“ interessant sein. Sie werden merken, dass Sie sich schon bald an dieses Ritual gewöhnen, sich darauf freuen und sich selbst um ein Vielfaches besser kennenlernen. Außerdem verstehen Sie mehr, was Ihnen Tag für Tag guttut.

Tipp 2: Sich mit Selfcare-Maßnahmen verwöhnen

Gerade in der jetzigen Zeit, in der einige Möglichkeiten der Zerstreuung nicht verfügbar sind, aber auch generell sollten wir uns immer genug Zeit nehmen, um uns selbst bewusst etwas Gutes zu tun! Viele Menschen neigen dazu, sehr pflichtbewusst nur an Arbeit, Aufgaben oder Bedürfnisse anderer zu denken – oder sie verbringen ihre Zeit mit vermeintlich tollen Aktivitäten, die sie in Wirklichkeit jedoch auslaugen oder nicht im tiefsten Inneren nähren. Es lohnt sich deshalb, sich täglich mindestens eine Stunde zu reservieren, die nur der genussvollen Selbstverwöhnung gilt.

Finden Sie zunächst einmal heraus, was Sie wirklich auflädt. Netflix-Marathons, Junkfood oder exzessives Spielen von Handygames mögen beispielsweise wie schnelle und einfach erhältliche Glücksquellen wirken – und sind selbstverständlich auch mal okay. Gewöhnen Sie sich jedoch an, in sich hineinzufühlen, wie es Ihnen dabei oder danach WIRKLICH geht. Wie fühlen Sie sich zum Beispiel nach einer halben Stunde Yoga oder Joggen? Welches Essen bekommt Ihnen gut und lässt Sie sich rundum wohlfühlen? Bei welchem kreativen Hobby blühen Sie auf? Lieben Sie lange Bäder oder Waldspaziergänge? Sammeln Sie Ihre schönsten Aktivitäten und planen Sie täglich Zeit dafür ein, so wie Sie sich auch mit Freunden fest verabreden würden. So haben Sie immer etwas, worauf Sie sich freuen können und was Ihre Zeit alleine zu einem Geschenk an Sie selbst macht. 

Selfcare muss aber gar nicht immer in Aktivitäten bestehen: Es tut ebenfalls sehr gut, regelmäßig einfach mal nichts zu tun und den Kopf zu „entleeren“. Am besten gelingt dies mit Meditation, die gar nicht kompliziert zu erlernen ist. Es genügt anfangs, wenn Sie sich täglich für fünf Minuten mit geschlossenen Augen hinsetzen und sich auf Ihren Atem konzentrieren. Schweifen Ihre Gedanken ab, bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit immer wieder sanft auf Ihren Atem zurück. Selbst solche kurzen Einheiten helfen schon, sich deutlich entspannter zu fühlen – und können selbstverständlich auf Wunsch gesteigert werden. 

Tipp 3: Sich selbst mehr lieben lernen

Ein Grund für immer wiederkehrende Gefühle der Einsamkeit liegt auch in mangelnder Liebe zu uns selbst. Einige Menschen glauben, ihr Wert als Person hinge davon ab, dass andere sie lieben und wertschätzen. Sie haben das Gefühl, ohne diese Bestätigung von außen keine (Selbst-)Liebe zu verdienen, machen sich damit von der Resonanz ihres Umfelds abhängig und ertragen es folglich nur schwer, Zeit alleine zu verbringen. Vielleicht schwingen in solchen Fällen auch Glaubenssätze wie „Eigenlob stinkt“ oder „Ich bin sowieso immer schlechter als andere“ mit – und machen Eigenliebe zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Erkennen Sie sich darin wieder, sollten Sie unbedingt aktiv die Liebe zu sich selbst kultivieren! Beginnen Sie damit, täglich Ihr Spiegelbild anzulächeln und laut Worte der Anerkennung zu finden. Achten Sie darauf, wann Sie in Ihrem inneren Dialog übermäßig kritisch oder lieblos mit sich selbst reden, zum Beispiel „Schon wieder hast du was falsch gemacht, du Idiot!“. Sagen Sie Ihrem inneren Kritiker in solchen Momenten „Stopp, jetzt reicht es!“ und wenden Sie sich dann auf eine Art an sich selbst, wie Sie auch mit einem guten Freund sprechen würden: „Das hat vielleicht nicht so gut geklappt, aber jeder macht mal Fehler; es ist nicht schlimm. Beim nächsten Mal schaffst du es, ich glaube an dich!“ Und setzen Sie klare Grenzen gegenüber anderen Menschen: Indem Sie „nein“ zu anderen sagen, wenn Sie eine Sie überlastende Bitte ausschlagen oder einen vermeintlich gutgemeinten Rat ablehnen, sagen Sie „ja“ zu sich selbst und IHREN wahren Bedürfnissen!

Das soziale Miteinander in Zeiten der Distanz neu gestalten – es ist die Erfahrung, die wir vermissen, nicht die Anwesenheit

Neben den genannten Maßnahmen, die Ihnen dabei helfen, die tatsächlich alleine verbrachte Zeit mehr zu genießen und sie weniger mit traurigen Gefühlen der Einsamkeit zu assoziieren, können und sollen Sie selbstverständlich die Kontakte zu Ihren Mitmenschen weiterhin aufrechterhalten und diese pflegen. Denn meist vermissen wir nicht unbedingt die Anwesenheit anderer Menschen im gleichen Raum, sondern die Erfahrungen, die wir mit ihnen teilen. Sorgen Sie deshalb gezielt für „gemeinsame“ Erlebnisse trotz Social Distancing, zum Beispiel mit den folgenden Ideen:

  • Telefonieren Sie mit einer Freundin und gehen Sie beide dabei spazieren. Erzählen Sie sich zwischendurch, was Sie Schönes auf Ihrem Spaziergang entdecken. 
  • Es gibt diverse Möglichkeiten, online gemeinsam etwas zu spielen. Verabreden Sie sich mit Freunden zum Spieleabend und chatten Sie währenddessen.
  • Probieren Sie mit einem Freund ein neues Rezept aus – über Videochat. Kochen und genießen Sie Ihr Gericht anschließend gemeinsam. 
  • Bringen Sie Ihren Freunden per „kontaktloser Lieferung“ ein Stück Kuchen vorbei, stellen Sie es auf der Türschwelle ab und winken Sie sich anschließend zu.
  • Oder nutzen Sie die gute alte Post, um ein Gefühl von Nähe herzustellen: Selbstgemachte Postkarten, handgeschriebene Briefe oder liebevoll zusammengestellte Päckchen mit kleinen Überraschungen machen anderen sicherlich eine große Freude in diesen teilweise monotonen Tagen.

Ich wünsche Ihnen viel Selbst- und Fremdliebe in dieser herausfordernden Zeit! Denken Sie schließlich daran, dass auch diese Phase vorübergehen wird und wir alle unsere Lieben irgendwann wieder treffen und in die Arme schließen können werden.