#Persönlichkeitsentwicklung

6 Eigenschaften Extravertierter – und was Introvertierte von ihnen lernen können

6 Eigenschaften Extravertierter – und was Introvertierte von ihnen lernen können

Julia Molina

Ob ein Mensch zu Extra- oder zu Introversion neigt, ist angeboren – und keines von beidem ist per se „besser“ als das andere. Laut Forschern genießen Extravertierte aufgrund ihrer Ausrichtung jedoch einige Vorteile. Welche das sind und wie auch introvertierte Menschen sich eine Scheibe davon abschneiden können, verrate ich in diesem Beitrag.  

Als eines der bekanntesten und am besten erforschten Konzepte der Persönlichkeitspsychologie ist die Unterscheidung zwischen Extraversion und Introversion zu einem Allgemeingut geworden. Jeder verbindet bestimmte Assoziationen damit: So werden Extravertierten etwa Eigenschaften wie „gesellig“, „aktiv“, „selbstbewusst“ und „gesprächig“ zugeschrieben, während man Introvertierte eher für „ruhig“, „reserviert“, „zurückhaltend“ oder gar „schüchtern“ hält. Tatsächlich haben diverse Studien bestätigt, dass extravertierte Menschen wirklich öfter auf Partys gehen, einen größeren Freundeskreis haben und ihr Leben geschäftiger gestalten. Sie suchen aktiv nach mehr externer Stimulation, als es introvertierte Menschen tun. 

In den letzten zehn Jahren gab es einen wichtigen Trend der Entstigmatisierung von Introversion. Die Autorin Susan Cain hat mit ihrem Buch „Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking“ eine Lanze für introvertierte Herangehensweisen gebrochen, das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und eine regelrechte Welle von Blogs, Büchern und Ted Talks über Introversion und die Stärken Introvertierter ausgelöst. An diese Prämisse anknüpfend, dass sowohl Introvertierte als auch Extravertierte ihre Vorzüge haben, möchte ich nun die Eigenschaften Extravertierter unter die Lupe nehmen, welche ihnen zu mehr Glücksempfinden und Erfolg verhelfen – als Inspiration für Introvertierte, die nicht genauso werden sollen, aber ihre extravertierten Momente geschickt für sich nutzen können. 

1.    Herzlichkeit

Ein zentrales Kennzeichen extravertierter Menschen ist ihre Herzlichkeit, welche sich in sozialer Offenheit äußert: Sie suchen aktiv die Nähe anderer Menschen, werden schnell vertraut mit neuen Bekanntschaften oder Fremden und zeigen sich zugeneigt und wenig misstrauisch. Freundlich, nett und liebenswürdig wirken sie sehr einladend auf andere und treten fast jedem Menschen aufgeschlossen gegenüber. Ihre Herzlichkeit und Fähigkeit zum Verbindungsaufbau zeigen sich auch daran, dass sie andere gerne und oft umarmen und berühren. 

Tipp für Introvertierte: Gehören Sie zu den introvertierten Menschen, verhalten Sie sich bei Erstkontakten mit anderen eher zurückhaltend. Womöglich wissen Sie nicht, was Sie sagen sollen, und stellen vielleicht unpersönliche Fragen. Selbst wenn Sie an Kontaktaufnahme interessiert sind, merkt man Ihnen das von außen oft nur wenig an. Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie kein Interesse an Socializing haben – dann müssen Sie sich natürlich nicht dazu zwingen. Sollten Sie jedoch in einer Situation eigentlich gerne Kontakt herstellen wollen, signalisieren Sie Ihre Bereitschaft mit den herzlichen Verhaltensweisen Extravertierter: Schenken Sie Ihrem Gegenüber ein offenes Lächeln, sagen Sie etwas Persönliches – zum Beispiel ein Kompliment für ein Kleidungs- oder Schmuckstück der anderen Person – und teilen Sie auch etwas von sich selbst mit, im Zweifel, wie Sie das Wetter finden. Es mag Ihnen ungewohnt vorkommen, aber gerade, wenn die andere Person extravertiert ist, kann aus solchen kleinen „Cues“ ein erstes Gespräch entstehen, was Verbindung herstellt. 

2.    Geselligkeit

Als außenorientierte Typen folgen Extravertierte dem Motto „The more, the merrier“ und genießen es, Zeit mit (vielen) anderen Menschen zu verbringen. Sie stehen auf Partys gerne im Mittelpunkt, sind häufiger in sozialen Berufen anzutreffen und verbringen ihren Urlaub lieber dort, „wo etwas los ist“, als an einem einsamen Strand. Kommunikationsfähigkeit zählt zu ihren Stärken und sie können sehr unterhaltsam sein. 

Tipp für Introvertierte: Wahrscheinlich fühlen Sie sich in neuen Situationen und in großen Gruppen eher unwohl und können zu viel Trubel nichts abgewinnen. Unter guten Freunden und Kollegen, mit denen Sie schon lange zusammenarbeiten, blühen Sie hingegen auf und genießen das Zusammensein. Achten Sie jedoch gerade in Umbruchsituationen darauf, nicht zu vereinsamen: Nach Trennungen, Umzügen oder Jobwechseln fällt es Ihnen mitunter schwer, sofort wieder Anschluss zu finden, da Sie erst einmal mit neuen Menschen „warm werden“ müssen. Fühlen Sie deshalb regelmäßig in sich hinein, ob Sie gerade wirklich Zeit für sich alleine brauchen oder eigentlich gerne ein wenig Austausch hätten. In letzterem Fall nutzen Sie Gelegenheiten für soziale Kontakte, auch wenn diese Sie erst einmal abschrecken: Auf Partys, im Sportverein oder im VHS-Kurs können Sie auch Menschen finden, mit denen tiefe Verbindungen möglich sind.

3.    Durchsetzungsfähigkeit

Ein bestimmtes, selbstsicheres Auftreten, Entschlossenheit und Entscheidungsfreudigkeit – das sind gefragte Eigenschaften, mit denen Extravertierte nicht nur im Job punkten. Durch deren selbstbewusste Ausstrahlung trauen andere Menschen ihnen häufig viel zu. So scheint es oft „natürlich“, dass sie in Gruppen Führung und Verantwortung übernehmen und bestimmen, wo es langgeht. Das sorgt für einen guten Eindruck in Job-Assessements und wirkt auch im Privaten oft beeindruckend, zum Beispiel auf potentielle Partner. 

Tipp für Introvertierte: In der Gesellschaft, in der wir leben, wirkt sich die introvertierte Herangehensweise leider oft nachteilig aus. Als innenorientierter Mensch ist Ihnen jegliche Form der Selbstdarstellung wahrscheinlich zuwider und Sie fallen auch nicht anderen ins Wort, um sich in den Vordergrund zu drängen. Was im Positiven mit Authentizität und Bescheidenheit verknüpft und etwas Besonderes an Ihnen ist, kann in einer Welt, die auf die richtige Vermarktung schwört, leider dazu führen, dass man Sie unterschätzt oder übersieht. Das ist ärgerlich und Sie müssen sich deswegen nicht verbiegen und exzessives Selbstmarketing betreiben! Damit würden Sie sich vermutlich „fake“ fühlen. Achten Sie aber darauf, sich gezielt zu äußern und Ihre Argumente, Ideen und Stärken in jedem Fall einzubringen. Oft hat nämlich ein Statement von Ihnen wesentlich mehr Inhalt und Gewicht als ein ganzer Monolog von so manch anderem. 

4.    Aktivität

Extravertierte Menschen führen meist ein hektisches Leben – und das gerne und freiwillig! Sie sitzen nicht lange herum und wägen ab, sondern treffen schnell bis impulsiv Entscheidungen, die sie sogleich in die Tat umsetzen. Diese Tendenz verhilft ihnen oft zu hoher Produktivität und führt dazu, dass sie ihre Ideen und Träume tatsächlich realisieren – wenn dabei auch die Gefahr besteht, sich wegen zu vieler Projekte zu verzetteln. 

Tipp für Introvertierte: Niemals würden Sie sich Ihren Terminkalender so voll packen wie Ihre extravertierten Freunde und Kollegen, denn Sie brauchen regelmäßig ruhige Zeit für sich, um Ihre Batterien wieder aufzuladen. Deswegen sind Sie selbstverständlich nicht fauler als geschäftigere Menschen und auch nicht weniger erfolgreich. Auch Ihre Neigung, Dinge erst einmal gründlich zu durchdenken, gehört zu Ihrem Temperament dazu und sollte nicht krampfhaft in blinden Aktionismus umgewandelt werden. Als Inspiration für mehr Produktivität können Sie sich von den Extravertierten jedoch abgucken, Ihnen wichtige Projekte wirklich irgendwann Realität werden zu lassen. Durch Ihre Innenorientierung neigen Sie nämlich manchmal dazu, etwas nur in Ihrem Kopf durchzuspielen. Über eine mögliche Reise oder ein interessantes Hobby nachzudenken sind jedoch nicht dasselbe, wie sie zu erleben – also beginnen Sie, Ihre Bucket List nach und nach in die Tat umzusetzen!

5.    Erlebnishunger

Weil sie ein stärkeres neuronales Erregungsniveau in ihrem Gehirn als angenehm empfinden als Introvertierte, suchen Extravertierte aktiv nach An- und Aufregung von außen. Knallige Farben, laute Musik, intensive Gefühle? Solche Stimulation kommt ihnen gerade recht und sie lieben Situationen, die sie damit versorgen. Dabei mögen sie auch einen gewissen Nervenkitzel und scheuen keine Risiken: Von Achterbahnfahren bis Extremsport können sie selbst dem Reiz von Gefahr etwas abgewinnen. Entsprechend entscheiden sich Extravertierte auch oft für freiberufliche oder unternehmerische Tätigkeiten.

Tipp für Introvertierte: Für Sie dürfen es vermutlich eher leise Töne, emotionale Ausgeglichenheit und ruhige Bahnen in Ihrem Leben sein, richtig? Wo andere sich langweilen würden, finden Sie in einem routinierten Lebensstil ohne allzu viele Überraschungen die gewünschte Entspannung und Ruhe. Hier kann ich Ihnen nur empfehlen, sich selbst treu zu bleiben und sich nicht beirren zu lassen von vermeintlichen „Must-dos“, die man „unbedingt erlebt haben muss“! Bungeejumping, Exzesse und allgemein „Extremerfahrungen“ sind nicht notwendig für ein glückliches Leben. Wichtig ist, dass Sie in sich hineinhören, was SIE wirklich erleben und wie SIE leben wollen – und dafür den Grad an Risiko eingehen, mit dem Sie sich wohlfühlen.

6.    Glückserleben

Was sich am deutlichsten als Vorteil für Extravertierte entpuppt, ist ihre Neigung zu positiven Emotionen. Ausgelassen, begeisterungsfähig und vergnügt suchen sie gezielt solche Situationen auf, die ihre positive Grundstimmung noch steigern. Mit fröhlicher Musik, lustigen Filmen und anregender Gesellschaft gelingt es ihnen, gute Gefühle über längere Zeit aufrechtzuerhalten, während diese bei Introvertierten schneller abflachen. Mit ihrer übersprudelnden Art und heiteren Laune stecken Extravertierte andere leicht an und erleben regelmäßig Gefühle wie Euphorie und Ekstase.

Tipp für Introvertierte: Sie sind keineswegs das Gegenteil von Extravertierten, also etwa übellaunig, pessimistisch oder unglücklich. Ihre Stimmungsskala schlägt lediglich weniger stark aus, Sie erleben und zeigen positive Gefühle in der Regel weniger intensiv. Daran ist nichts verkehrt – interessanterweise zeigen jedoch Studien, dass sowohl Extravertierte als auch Introvertierte sich dann am glücklichsten fühlen, wenn sie extravertierte Momente erleben, das heißt, wenn sie sich fröhlich, energisch und gesellig fühlen. Extraversion und Introversion sind keine statischen Eigenschaften, sondern jeder Mensch bewegt sich innerhalb einer gewissen Spannbreite. Es ist also für Introvertierte interessant zu wissen, dass sie – auch wenn sie sich für gewöhnlich in ihrem introvertierten Modus wohlfühlen – stark von extravertierten Momenten und Aktivitäten profitieren, welche ebenso wichtig für Ihr langfristiges Glücksempfinden sind wie ein Leben im Einklang mit ihrem Ruhebedürfnis.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass sowohl Extra- als auch Introvertierte spezifische Stärken und Schwächen haben und niemand versuchen sollte, ein anderer Mensch zu werden. Beide Herangehens- und Verhaltensweisen sind wichtig und richtig. Betrachten Sie diese Tipps daher eher als Anregungen für Ihr Leben in einer extravertierten Gesellschaft und als Möglichkeiten statt als verpflichtende Anpassungen Ihres Charakters. Im Gegenzug können Extravertierte auch vieles von Introvertierten lernen – darum wird es in einem künftigen Artikel gehen.