#Persönlichkeitsentwicklung

Heimlich introvertiert? Warum auch "Extravertierte" Rückzug brauchen

Heimlich introvertiert? Warum auch "Extravertierte" Rückzug brauchen

Julia Molina

Sie verbringen gerne Zeit mit anderen Menschen, haben viele Freunde und sind Partybesuchen nicht abgeneigt. Manchmal wird Ihnen jedoch alles zu viel und Sie verspüren das starke Bedürfnis, für sich allein zu sein. Dabei sind Sie doch eigentlich extravertiert – oder nicht? Warum Introversion nichts mit dem Klischee sozialer Isolation zu tun hat und wie Sie als „heimlicher“ Introvertierter die richtige Balance aus Aktivität und Ruhe finden, verrate ich in diesem Beitrag.

Die Mittagspause mit den Kollegen verbringen, abends Freunde treffen oder den Aerobic-Kurs besuchen und am Wochenende feiern gehen: Es ist sozial erwünscht und normal, ständig unterwegs und in Kontakt mit anderen Menschen zu sein. Allzu oft orientieren wir uns an der unausgesprochenen Erwartungshaltung, gefälligst Lust auf all diese Aktivitäten zu haben – und bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn uns die Energie dafür fehlt oder wir ein geplantes Treffen wieder absagen. Dabei bemerken viele nicht, dass sie eigentlich mehr Ruhe und Zeit für sich selbst bräuchten, diesen Wunsch jedoch zugunsten von „Socializing“ vorschnell übergehen. Sind Sie vielleicht doch introvertierter als angenommen? Bevor wir auf die Beantwortung dieser Frage eingehen, soll zunächst eine kurze Begriffsklärung erfolgen.

Von Intro-, Extra- und Ambivertierten

Erstmals hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung die Begriffe der Intro- und der Extraversion geprägt. Er beschrieb sie als zwei entgegengesetzte Pole einer Persönlichkeitseigenschaft, welche die Interaktion mit der sozialen Umgebung beeinflusst: Während bei Introversion („Nach-innen-Gerichtetsein“) Aufmerksamkeit vor allem auf das eigene Innenleben gelenkt und daraus Energie gewonnen wird, steht Extraversion („Nach-außen-Gerichtetsein“) für die bevorzugte Hinwendung zu stimulierenden Umfeldern und viel Kontakt zu anderen Menschen. Später wurde von anderen Psychologen zusätzlich der Begriff der Ambiversion („Zu-beiden-Seiten-Gerichtetsein“) eingeführt, um die Ausprägung bei Menschen zu beschreiben, die entweder keine klare Präferenz zeigen oder stark abwechselnde Phasen der Intro- und Extraversion erleben.

In unserer heutigen Gesellschaft, vor allem in der westlichen Welt, stellt eine extravertierte Haltung das Ideal dar: Viel zu erleben, ein großes Netzwerk zu haben und sich schlagfertig und sicher auf jedem Terrain zu bewegen, gelten als erstrebenswert. Tatsächlich ist laut wissenschaftlichen Einschätzungen entsprechend auch der Großteil der Menschen extravertiert, während ein etwas geringerer Teil – die Zahlen variieren zwischen 20 bis hin zu 50 Prozent – eher zu den Introvertierten zählt. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass Menschen nicht klar in die eine oder andere Kategorie fallen, sondern dass es sich um zwei Enden eines Kontinuums handelt: Jeder hat seine individuelle Veranlagung, die irgendwo zwischen den beiden Extremen liegt. Dennoch lässt sich häufig eine gewisse Tendenz in eine Richtung erkennen.

Wie ticken Introvertierte?

Um sofort mit einem Vorurteil aufzuräumen: Introversion ist nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit, sozialem Desinteresse oder Gehemmtheit! Das sind Eigenschaften, die Menschen unabhängig von ihrer Ausrichtung auf die Innen- oder Außenwelt haben können. Es gibt tatsächlich nicht DEN Introvertierten: Das Spektrum reicht von sehr sozialen, empathischen Intros, die gut mit anderen Menschen umgehen können, bis hin zu eher sachorientierten, distanzierten Typen. Einige brauchen Planung, Vorbereitung und Sicherheit, während andere spontan und anpassungsfähig sind. Manche interessieren sich für Fakten und die greifbare Realität, andere verfügen über viel Fantasie und neigen zu Tagträumerei.

Was aber sind die Gemeinsamkeiten, die introvertierte Menschen von extravertierten unterscheiden? Hier seien drei zentrale Punkte genannt, an denen Sie Ihre eigene Neigung erkennen können:

  • Niedrigere Reizschwelle: Tatsächlich funktionieren die Gehirne intro- und extravertierter Menschen unterschiedlich. Während Introvertierte bereits bei ruhigen Tätigkeiten bzw. mit keiner bis wenig äußerer Stimulation ein als angenehm erlebtes neuronales Erregungsniveau verspüren, brauchen Extravertierte mehr oder stärkere Reize, um ihren „sweet spot“ zu erreichen. Entsprechend fühlen letztere sich erst dann wohl, wenn es Introvertierten bereits zu viel ist. Wer z. B. Musik tendenziell eher leiser dreht, Licht gerne dimmt oder am liebsten mit Ohropax arbeitet, versucht auf diese Weise, sich vor zu intensiven oder ablenkenden Reizen zu schützen – und neigt eher zur Introversion.
  • Reaktion auf plötzliche Aufmerksamkeit: Auch wenn einige Introvertierte bewusst das Rampenlicht suchen, z. B. um ihnen wichtige Themen zu kommunizieren, fühlen sich introvertierte Menschen in der Regel unwohl, wenn sie – vor allem ohne Vorwarnung – im Mittelpunkt stehen. In ihrer inneren Welt der Gedanken und/oder Gefühle fühlen sie sich sicher und es fällt ihnen besonders in Gruppensituationen schwer, mit der oft schnelleren, lauteren Art der Extravertierten „mitzuhalten“. So ist auch bei vielen Introvertierten zu beobachten, dass sie mit ihrer Körperhaltung, der Wahl eines nicht exponierten Sitzplatzes, dezenter Kleidung oder dem Tragen von Kopfhörern in der Öffentlichkeit versuchen, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
  • Tiefe statt Breite: Untersuchungen an menschlichen Gehirnen haben gezeigt, dass bei Extravertierten die Hirnregionen für die Verarbeitung sensorischer Prozesse aktiver sind, während Introvertierte eine höhere Durchblutung in den für Erinnerung, Problemlösung und Planung relevanten Bereichen aufweisen. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich extravertierte Menschen meist für eine breite Palette verschiedener Themen interessieren und damit Erfahrungen sammeln wollen – während Intros sich bevorzugt auf weniger Themengebiete spezialisieren, dort gerne in die Tiefe gehen und sich oft auch nur theoretisch damit befassen.

Wie Sie als Introvertierter in unserer lauten Welt überleben – 5 Tipps

Ob Sie gerade erst erkennen, dass Sie doch introvertierter sind als angenommen, oder ob Sie sich schon immer und ganz eindeutig zu den introvertierten Menschen zählen: Mit den folgenden fünf Tipps schaffen Sie es, Ihre eigenen Bedürfnisse und die Erwartungen Ihres Umfelds in Einklang zu bringen.

1. Selbstakzeptanz: Es klingt abgedroschen, aber die allererste und wichtigste Grundlage für Ihr persönliches Wohlbefinden ist es, sich selbst in Ihrem Grad der Introvertiertheit zu erkennen und diese Veranlagung wertfrei anzunehmen. Es ist nicht besser oder schlechter, eine Neigung zur Innenorientierung zu haben, und Sie müssen sich nicht dazu zwingen, „sozialer“, ausdrucksstärker oder aktiver zu sein. Und schon gar nicht sollten Sie sich genötigt fühlen, trotz leerer Energiereserven an beanspruchenden Unternehmungen teilzunehmen, nur weil extravertiertere Menschen daran Spaß haben.

2. Ehrlich zu anderen sein: Unsere sozialen Beziehungen verbessern sich, wenn andere verstehen, wie wir ticken. Aus Angst, ihnen vor den Kopf zu stoßen, gehen Introvertierte oft über ihre eigenen Grenzen hinweg. Dabei haben echte Freunde meist mehr Verständnis als erwartet: Niemand wird es Ihnen übel nehmen, wenn Sie z. B. sagen „Es war ein schönes Treffen mit dir. Jetzt bin ich allerdings müde und will mich ausruhen.“ oder „Große Menschenmassen sind nichts für mich, daher komme ich nicht mit zum Event. Ich gehe gerne stattdessen mit dir am Sonntag einen Kaffee trinken.“. Und sollte doch jemand verständnislos reagieren, hinterfragen Sie, inwiefern es sich um eine gesunde Beziehung handelt, in der man Sie akzeptiert, wie Sie sind.

3. Aus der eigenen Erfahrung lernen und entsprechend planen: Sie wissen bereits von sich, dass Sie Urlaub in einer Gruppe von Freunden auslaugt, weil Sie dort zu wenig Rückzugsraum haben? Dann lassen Sie sich auf solche Pläne gar nicht erst ein. All Ihre bisher erlebten (sozialen) Situationen geben Ihnen Hinweise darauf, was Ihnen guttut und was nicht. Spielen Sie aber auch mal mit den Grenzen Ihrer Komfortzone und schließen Sie nicht von vornherein Möglichkeiten aus. Am besten hören Sie in jedem individuellen Fall in sich hinein und entscheiden, ob Sie sich auf etwas einlassen möchten.

4. Sich im Alltag kleine Inseln zum Aufladen schaffen: Aufgrund der neuronalen Unterschiede zu Extravertierten passiert es Introvertierten häufig, dass Ihre Energiereserven zwischendurch leer laufen und Sie eine Möglichkeit zum „Wiederaufladen“ brauchen. Nehmen Sie diese Gegebenheit ernst: Verbringen Sie Ihre Mittagspause wenn nötig alleine mit einem Spaziergang oder einem Buch, suchen Sie im Büro für ein paar Minuten einen ruhigen Raum auf, wo Sie ungestört durchatmen können, und „gewöhnen“ Sie Partner, Familie und Freunde daran, dass Sie regelmäßig „Me Time“ benötigen – und danach mit wiederhergestellter Energie gerne Zeit mit ihnen gemeinsam verbringen.

5. Sich nicht von Introversion definieren lassen: Passen Sie auf, Ihre Neigung zur Introversion nicht als Entschuldigung für alles Mögliche zu nehmen und sich nicht andauernd darauf zu berufen. Introvertiertheit ist lediglich eine von zig Facetten, die einen Menschen ausmachen. Versuchen Sie zwar, Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen einigermaßen passend zu Ihrer Veranlagung zu gestalten – so müssen Sie beispielsweise als Introvertierter, der ungerne im Mittelpunkt steht, nicht unbedingt Speaker werden. Trauen Sie sich aber durchaus zu, wenn nötig auch mal einen Vortrag zu halten. Die Erweiterung Ihrer Komfortzone eröffnet Ihnen die Möglichkeit zu wachsen!

Fazit

Es ist am Ende nicht wichtig, ob Sie sich als extra- oder introvertiert bezeichnen, denn es geht nicht darum, ein „Label“ zu vergeben. Was jedoch zählt, ist, wie Sie auf verschiedene Intensitäten und Frequenzen äußerer, auch sozialer Stimulation reagieren: Finden Sie heraus, was Sie brauchen, um sich weder unter- noch überfordert, sondern wohl zu fühlen. Und tauschen Sie sich mit Ihren Mitmenschen über Ihre, aber auch über deren Bedürfnisse aus – denn mit Verständnis und Akzeptanz unserer Unterschiede florieren auch unsere sozialen Beziehungen.