Wenn wir an Erschöpfung oder Gründe für ein Burn-Out denken, schauen wir meist nur auf die Arbeit selbst. Tatsächlich verbrauchen im Berufsalltag jedoch auf drei Ebenen unsere Energie. Wir stellen sie dir vor und decken auf, welche Energiekosten hier jeweils am aktivsten sind.
Ebene 1 – Die Arbeit
Das ist die sichtbare Belastung. Aufgaben erledigen, Projekte voranbringen, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen oder auf eine Frist hinarbeiten. Diese Form der Anstrengung nehmen wir meist bewusst wahr. Wenn unsere Arbeit zu unseren Interessen, Stärken und Werten passt, sind auch intensive Arbeitsphasen gut zu bewältigen. Problematisch wird es, wenn hohe Anforderungen dauerhaft auf eine geringe Passung oder fehlende Erholungsmöglichkeiten treffen.
Die typischen Energiekosten auf dieser Ebene sind eine dauerhaft hohe Arbeitsbelastung und Zeitdruck, unklare Rollen oder Verantwortlichkeiten, fehlende Strukturen und Ressourcen, übermäßige Verantwortung, Mikromanagement und dadurch eingeschränkte Handlungsspielräume, monotone oder sinnentleerte Aufgaben, das Gefühl, mit der eigenen Arbeit wenig bewirken zu können, sowie mangelnde Pausen und Erholungszeiten.
Ebene 2 – Die Zusammenarbeit
Auch Beziehungen beeinflussen den Energiehaushalt. Gespräche führen, Konflikte lösen, Erwartungen abstimmen, Kolleg:innen unterstützen oder sich in einem Umfeld mit bestimmten sozialen Skripts aufhalten. Diese soziale Arbeit gehört für viele selbstverständlich zum Berufsalltag und kann sowohl Energie kosten, als auch zurückgeben.
Die typischen Energiekosten auf dieser Ebene sind anhaltende Konflikte, unklare oder widersprüchliche Erwartungen, fehlendes Vertrauen oder Isolation im Team, mangelnde Wertschätzung, emotionale Ansteckung durch Stress oder schlechte Stimmung, schwierige Führung, Rollenunklarheit sowie das Gefühl, sich ständig an unterschiedliche Menschen oder unausgesprochene Regeln anpassen zu müssen.
Ebene 3 – Das berufliche Selbstbild
Die dritte Ebene ist vergleichsweise neu. Sie entsteht dort, wo wir nicht nur arbeiten, sondern gleichzeitig unser berufliches Bild nach außen gestalten. Wir möchten kompetent wirken, sichtbar bleiben, uns weiterentwickeln, auf dem Laufenden sein und zu den richtigen sozialen Kategorien gehören. Diese permanente Selbstbeobachtung und Außenorientierung kostet mentale Energie, obwohl sie auf keiner To-do-Liste steht.
Die typischen Energiekosten auf dieser Ebene sind die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Außenwirkung, die Unsicherheit, wie sichtbar oder präsent man beruflich sein sollte, der permanente Vergleich mit sorgfältig ausgewählten Einblicken in die Karrieren anderer sowie das Gefühl, bestimmten Vorstellungen von Professionalität entsprechen zu müssen. Dazu gehören häufig unausgesprochene Erwartungen, jederzeit kompetent, leistungsfähig, emotional ausgeglichen, gesund, reflektiert und erfolgreich zu wirken, die umso stärker wirken, je mehr sie internalisiert sind. All diese Gedanken verbrauchen Aufmerksamkeit und Energie, obwohl sie selten als eigentliche Arbeit wahrgenommen werden.
Was Erschöpfung verschärft
Lange Zeit entstanden die größten Belastungen vor allem auf Ebene eins und zwei: durch hohe Arbeitsanforderungen oder schwierige Beziehungen im Arbeitsalltag. Diese Faktoren spielen nach wie vor eine wichtige Rolle.
Hinzu kommt heute jedoch häufig die dritte Ebene. Viele Menschen investieren nicht nur Energie in ihre Arbeit, sondern auch in das Bild, das andere von ihnen haben. Dadurch fällt es leichter, Warnsignale zu übergehen oder nach außen etwas anderes zu zeigen, als im Inneren erlebt wird. Der Job passt nicht mehr, aber wie wirkt ein Wechsel auf LinkedIn? Nach der Arbeit ist die Luft raus, aber heute ist dieses wichtige Networking-Event. Die eigene Überforderung nimmt zu, gleichzeitig postet die ehemalige Schulfreundin den nächsten Karriereschritt. Eigentlich wäre ein ruhiger Urlaub mit einem guten Buch genau das Richtige. Im beruflichen Umfeld scheint jedoch nur derjenige als offen, ambitioniert oder interessant zu gelten, der jedes Jahr neue Länder bereist und außergewöhnliche Erfahrungen sammelt.
Früher war es oft schwer herauszufinden, was wirklich zu einem passt. Diese Herausforderung besteht bis heute. Hinzu kommt jedoch eine neue Frage: Traue ich mich überhaupt, danach zu leben, wenn es nicht dem Bild entspricht, das andere von mir erwarten?
Unsere Antwort lautet: Trau dich. Denn langfristig kostet es mehr Energie, ein berufliches Selbstbild aufrechtzuerhalten, das nicht zum eigenen Erleben passt, als den Mut aufzubringen, authentische Entscheidungen zu treffen. Wer seine Arbeit, seine Karriere und sein Auftreten stärker an der eigenen Person ausrichtet, schafft nicht nur mehr innere Stimmigkeit, sondern auch die Grundlage für nachhaltige Motivation und gesunde Leistungsfähigkeit.
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